I/6 Düsseldorf II: Zests Villa

Als Endi und Zest das Klee’s verließen regnete es immer noch. Standesgemäß hatte Zest seinen Aston Martin direkt vor dem Restaurant im Halteverbot abgestellt. Er hätte vermutlich auch kein Strafmandat erhalten, wenn der Ordnungsdienst das Auto gesehen hätte. Normalerweise gingen Endi demonstrativ zur Schau gestellte – und in Anspruch genommene – Privilegien gegen den Strich, er mußte sich allerdings eingestehen, daß sich die Sache anders anfühlte wenn er selber in den Genuss des Privilegs kam.
Ihm kam eine Studie über die Merkmale wirklichen Reichtums in den Sinn. Neben den naheliegenden Kriterien, wie der Freiheit keiner entlohnten Erwerbstätigkeit nachgehen zu müssen und der Generationssicherungsfunktion, also die an die folgenden Generationen vererbbare finanzielle Sicherheit aus dem angehäuften Vermögen heraus, hatte es ihm besonders die soziale Funktion des Reichtums angetan. Danach war derjenige wirklich reich, der sich nicht um seine Sozialkontakte bemühen mußte. Obwohl sich Endi gerne mit Menschen beschäftigte und es viele Exemplare gab, für die er sich ehrlich interessierte und um die er sich ohne Wiederwillen und schlechte Gefühle bemühte, war es doch ein faszinierender Gedanke, ohne weiteres Zutun Zentrum sozialer Aufmerksamkeit zu sein. Diese Haltung kam seiner Vorliebe für eher betrachtende, passive Verhaltensweise entgegen. Es war für ihn schon immer problematisch gewesen, Zugehörigkeit zu entwickeln und sich als Teil einer Gruppe oder Gemeinschaft zu fühlen. Nur selten konnte er sich Nähe, die nicht von ihm ausging, entspannt und ohne dem Gefühl von Verpflichtung hingeben. Seine Umwelt bemerkte dies und war über die regelmäßigen kleinen Fluchten nur noch selten überrascht. Dem schlechten Gefühl solcher Situationen zu entgehen, und stattdessen die Gewissheit zu haben, daß die Menschen nicht müde werden würden auf ihn zuzugehen, wäre für die charakterliche Entwicklung bestimmt nicht uneingeschränkt von Vorteil, aber vermutlich waren auch edle Charakterzüge für den wirklich reichen Menschen entbehrlich.
Mit diesen Gedanken im Kopf schlüpfte er neben Zest in den edlen Wagen, atmete den würzigen Duft von espressofarbenem Connolly-Leder ein und lauschte dem souveränen Grollen des Achtzylinders. Zest hatte es nicht einmal nötig die Kraft des Wagens über eine zügigen Antritt zu demonstrieren, sondern bog entspannt auf die Heinrich-Heine-Allee und dann auf die Oberkasseler Brücke ein. Präsentierte sich die rechte Rheinseite mit dem Medienhafen und der neuen Promenade seit seinen Düsseldorfer Jahren in einem neuen und ungewohnten Anblick, konnte Endi beim Blick auf Oberkassel keine Änderungen feststellen. Immer noch wurde das Halbrund des Rheinbogens von dezenten, erst auf den zweiten Blick ihre Gediegenheit preisgebenden Stadthäusern geprägt.
Nachdem sie die Brücke verlassen hatten, wurden die Grundstücke großzügiger und die Stadthäuser wichen den Niederkasseler Stadtvillen mit Blick auf den Rhein. Es hörte auf zu regnen und der Himmel riß auf. Nach weiteren fünf Minuten Fahrt zeigte sich zwischen den dunklen Wolken ein hellblauer Keil. Der Keil bildet einen aufwärtsstrebenden Sog in dessen Mittelpunkt ein prächtige Villa, umgeben von einem Park lag.
Als sich Zests Wagen dem Grundstück auf hundert Meter näherte, öffneten sich die beiden Seitenteile des großen Metalltores – genau in dem Tempo das nötig war, damit Zest ohne abbremsen zu müssen über den in gleichmäßigen Mustern geharkten Kiesweg in den Park gleiten konnte. Der Weg bis zum Eingangsportal des Haupthauses war nicht übertrieben weit, er reichte komfortabel aus um einen Blick auf den weitläufigen Ziergarten und das neben dem Haupthaus liegende Gesindehaus werfen zu können.
Als sie sich dem überdachten Haupteingang näherten, öffnete sich die große, schwarze Eingangstür und ein Bediensteter mit dunkler Gartenschürze trat aus dem Haus. Zest stellte den Wagen mit laufendem Motor ab und der Diener öffnete die Beifahrertür während Zest alleine ausstieg.
– Ich vermute Herr Warhold?, begrüßte der Diener Endi.
– Ja Franz, wer sonst. Ist meine Frau im Haus?
„Selig die Reichen und an edlen Charakterzügen Armen“, dachte Endi.
– Ihre Frau hat das Haus heute noch nicht verlassen, Herr Zest. Bleiben die Herrschaften zum Abendessen?
– Nein – wir werden in der Stadt essen.

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