I/6 Düsseldorf I: Ankunft

Als Endi auf die Autobahn auffuhr, begann es zu regnen. Endi hatte sich für die Fahrt Airs „Talkie Walkie“ auf dem USB-Stick zurechtgelegt. Er blieb beim magischen „Mike Mills“ hängen und hörte es schließlich bis Oberhausen in Endlos-Schleife. Das Stück befriedigt seine alte Begeisterung für barocke Anleihen in Pop Songs.
Mike Mills funktioniert sozusagen spiegelbildlich in Bezug zu den gängigen Vertretern dieses Genres. Üblicherweise werden klassische Instrumente in den Arrangements der Songs eingesetzt um die barocke Note zu verleihen. Die Idee geht auf die Beatles zurück. In „In my Life“ von Ruber Soul, erschienenen
1965, erklingt mit dem Cembalo das erste Mal ein vermeintlich deplaziertes Instrument des klassischen Ensembles in einem Pop Song. Tatsächlich funktioniert die Kombination aber sehr gut und hebt die Popmusik nach der Abwendung vom üblichen Boy-meets-Girl Muster als Standard der inhaltlichen Themensetzung auf eine neue Qualitätsstufe und verleiht den Songs über die anspruchsvolle Instrumentierung eine weitere Bedeutungsebene und damit Tiefe und Gewicht.
In „Mike Mills“ nun funktioniert der barocke Anteil nicht über die Instrumente, sondern über die Struktur des Songs. Die Instrumente sind, wie für Air typisch, mit dominierenden Synhtesizern, Bass und Schlagzeug und der Gitarre als Ornament besetzt. Das Stück beginnt mit einer Art Gigue, einer schnellen, leicht variierenden, monophonen Themenfolge im Orgelsound – Bach-Style. Danach folgt eine kataraktische Linie auf dem Klavier und das letzte Drittel wird wieder von Orgeltönen, unterlegt mit breiten Streicherflächen bestritten, die das erste Thema als Reprise wieder anklingen lassen.
Mike Mills als Titelgeber für den Song ist ein kalifornischer Videoregisseur der unter anderem die Videos für Airs „All I need“, „Kelly, watch the stars“ und „Sexy Boy“ gedreht hat – allesamt Kleinode in der zugedröhnten West Coast-Atmosphäre der siebziger Jahre, voller Ping Pong-Spieler, frühester Video Games und Bubblegum-Küssen.
Der Song versetzte Endi in eine dunkle aber trotzdem leichte und swingende Stimmung – gerade richtig für den Eintritt in die privilegierte Welt der Zests um über die Abgründe der Gewaltphantasien von Dix zu diskutieren.
Damit war er nicht alleine – in den Kommentaren zum Mike Mills-Video auf YouTube gehen die Wünsche von „the last song I want to hear in my life“ bis hin zu „should be played at my funeral“.
Während der Fahrt dachte er über Tod und Verderben nach. Es war schon lange sein Traum, etwas Bemerkenswertes auf die Beine zu stellen. Und er fand die Idee, seine Idee wirklich packend. In den alten Mauern des Museums einen Querschnitt durch die Darstellung vom Tod und insbesondere von Todesarten zu zeigen! Die Ausstellung würde die Besucher über die Drastik der Bilder, die durchgehende Ikonographie und die Fülle der Stile der Epochen in einem Gedankensog über das einzig gewisse Ereignis des Lebens ziehen. Dem Thema, welchem die Menschen aus dem gleichen Grunde nach Kräften auszuweichen versuchen.
Ein besonderer Fokus würde auf den Geschichten hinter den Bilder liegen. Er stellte sich einen umfassenden Apparat von Erläuterungstafeln zu den Bildern vor. So würde er eine nicht-didaktische Zone des Todes im Leben schaffen.
Es stimmte schon was die Arschmade einfach so dahin gedichtet hatte – er war hohl und er sehnte sich nach Füllung. Diese Idee war gut und sie war seine Chance endlich das Vakuum seines Lebens zu füllen.
Er hatte sich immer vorgemacht nur Konsument der Dinge, die ihn faszinierten, zu sein. So war der Besuch von Ausstellungen, die Beschäftigung mit Kunst jeder Art, Literatur und nicht zuletzt die Musik sein Lebensinhalt geworden. Nach Büchern war er geradezu süchtig.
In den letzten Jahren hatte er sich selbst davon überzeugt, daß die Rolle des aktiv betrachtenden, konsumierenden Analysten von Kulturgütern für ihn maßgeschneidert sei. Seit einiger Zeit jedoch fühlte er immer weniger Befriedung beim Betrachten der nächsten Ausstellung und der Lektüre des nächsten Buches. Er sehnte sich danach, als aktives Element der intellektuellen Kunstszene wahrgenommen zu werden. Er hatte sich schon lange von der Illusion befreit, selber Kunst produzieren zu können. So stellte die Gestaltung von Ausstellungen für ihn die Chance auf eigenen, nicht von anderer Menschen Großartigkeit reflektieren Glanz dar. Schließlich war die Rolle des Kurators inzwischen der des Künstlers ebenbürtig; der des kommerziellen Interessen dienenden Galeristen sogar weit überlegen.
Es regnete in Strömen, als er in Düsseldorf eintraf. Aus Gewohnheit parkte er im Parkplatz am Ratinger Tor. Er hatte sich mit Gunter im Café an der Kunstsammlung verabredet. Klee`s hieß das jetzt. Früher hieß das anders. Aber nicht Modigliani. Er war zu früh und er fand das gut. So war er der Erwartende, eine Rolle die ihm besser gefiel als der Erwartete oder schlimmer noch, der Entdeckte zu sein. Außer dem Namen hatte sich im Café nichts geändert. Immer noch saßen hier am frühen Nachmittag steinalte Damen mit blauen und pinken Haaren, entweder eine Hermes-Handtäschchen oder einen Pekinesen oder beides als Accessoire bei der Hand, und tranken ein Gläschen Moet um in beschwingte Stimmung zu kommen.
Diese gewisse Art von nicht ins Vulgäre abdriftender weltläufiger Exaltiertheit, altes Geld gepaart mit einem wohlfundierten Faible für Hochkultur – am besten mit Skandalpotential – verbunden mit zupackender Fröhlichkeit fand man nur in Düsseldorf. Zumindest in Deutschland. Dieses Klientel hatte schon in den zwanziger Jahren der ungehobelte Prolet und Bürgerschreck Dix mit seinen die Grenzen bürgerlicher Motivwahl sprengenden Gemälden bedient.
Er bestellte einen Kaffee, nahm sein Notizbuch zur Hand, und ging noch einmal die Dix-Werke durch, wegen denen er gekommen war – besonders natürlich die fünf Radierung der Mappe „Tod und Auferstehung“.
Er mochte seine Notizbücher so sehr, er nummerierte sie. Das Notizbuch gab ihm das gute Gefühl, die flüchtigen Momente des Alltags durch das Festhalten im Notizbuch überhöhen und somit zu etwas bleibendem, wertvollen verwandeln zu können. Dieser Effekt strahlte dann sozusagen rekursiv auf seinen Alltag zurück, der ihm gleich nicht mehr so alltäglich vorkam.
Endi hatte Dutzende von Notizbüchern. Er hatte Notizbücher mit Ideen für Ausstellungen, mit Orten die er noch besuchen mußte, mit interessanten Gedankenschnipsel aus Zeitungen und Büchern, mit Zitaten, mit chronologischen Aufzeichnungen über das Auf- und Abschwellen von Medienphänomene wie beispielsweise die Berichterstattung über bestimmte Künstler, mit spontanen Gedankenblitzen und mit Beobachtungen die er in Bars und Restaurants machte.
Eine eigene Kategorie nahmen Notizbücher mit Listen ein. Listen mit Schallplatten über den Tod. Trennungsschallplatten.[1] Schallplatten, die die Fähigkeit hatten, ihn in weihnachtliche Stimmung zu versetzen. Rockschallplatten mit aus der Klassik entlehnten Instrumenten wie Oboe und Cello.
Listen mit Büchern in denen F. Scott Fitzgerald erwähnt wird. Bücher, die er unbedingt lesen muß. Bücher mit Referenzen zu Ulysses oder mit Referenzen zu Motiven und Gegenständen die in Ulysses Erwähnung finden.
Listen mit Reihenfolge und Hängung von Bildern, die er in Ausstellungen gesehen hatte. Listen mit konkreten Orten an denen Otto Dix sich nachweislich aufgehalten hat. Inventarlisten der Gegenstände im Besitz von Vincent van Gogh. Listen der auf Bildern von Bosch enthaltenen Gegenstände und Listen der in Hirsts „Dead Ends Died Out, Examined 1993“ enthaltenen Zigarettenmarken.
Neben der Aufwertung des Alltäglichen gaben ihm seine Notizbücher das Gefühl, dem Dschungel seiner permanenten Suche Struktur zu verleihen.
Die Tod- und Auferstehungsmappe wäre ein Schlüsselwerk der Ausstellung und er hatte sorgfältig alle relevanten Daten notiert, um nicht Gunters Unmut angesichts offensichtlicher Laienhaftigkeit auf sich zu ziehen und so die Leihgabe zu vermasseln.
Kunst war Endis Leidenschaft und er kannte sich wirklich gut aus – auch ohne Kunst- oder Kunstgeschichtsstudium. Sein Zugang zu den Werken war aber weniger ein wissenschaftlich-lexikalischer. Eher sog er Umfeld, Lebensart, kulturelle Bedeutung und die Persönlichkeitsanteile des Künstler in sich auf. Gunter war als reicher Laie ähnlich aufgestellt und Endi hatte Angst, daß Gunter ihn genau deshalb, eben weil er lieber einer wissenschaftlichen Kunstkoryphäe seine Werke anvertraut hätte, mit leeren Händen in die Stadt im Norden zurückfahren lassen würde.


[1] Mit „Trennungsschallplatten“ sind nicht etwa irgendwelche Schallplatten mit technischen Feinheiten in der Trennung der Stereokanäle oder Ähnliches gemeint, sondern Werke die unter dem Eindruck von Trennungen vom Partner entstanden sind. Ein besonders beindruckendes Beispiel dieser Kategorie ist Marvin Gayes „Here, my Dear.“ von 1978. Anna Gordy Gaye hatte die Scheidung von Marvin Gaye eingereicht und Anspruch auf die Einnahmen der nächsten Schallplattenveröffentlichung zur Befriedigung Ihrer Alimentenansprüche erhoben. Der Albumtitel ist in diesem Sinne programmatisch zu verstehen.

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