I/11 Tote Handwerker

– Tag Endi.

– Tag Fog.

Endi war an diesem Nachmittag wie immer blendend angezogen – trotzdem sah er besorgniserregend aus. Er trug einen perfekt sitzenden Anzug im Vintage-Look, Hemd mit breitem Kragen über dem Anzugsakko, dazu Chelsea-Boots und eine alte Omega am Handgelenk. Die dunklen Haare fielen über den Mittelscheitel in Strähnen ins Gesicht – aber der seidige Glanz fehlte heute. Aus seinem andeutungsweise asiatisch anmutendem Gesicht schauten die grünen, leicht mandelförmigen Augen – sonst wach und voller sarkastischer Neugier – heute marmorkalt, mit Stecknadelpupillen und dem unpersönlichen Ausdruck eines ausgestopften Tieres aus einem Gesicht weiß wie Wachs, durchzogen von grauen und gelblich-violetten Adern. Die Adern der Hände traten gleichermaßen hervor, leicht zittrig hielten sie die obligatorische filterlose Zigarette. Am Morgen hatte keine Rasur stattgefunden.

– Dir gehts gut?

– Wieso?

– Siehst scheiße aus.

– Ja, stimmt wohl. Ich hatte einen harten Abend in Bremen mit Maryam.

– Maryam?

– Lernst Du bestimmt noch kennen. Hast Du heute morgen in die Zeitung geschaut?

– Schon – worauf möchtest Du hinaus?

– Auf tote Handwerker im Keller. Eine Hausbesitzerin bestellt zur Reparatur ihrer Heizung zwei Installateure. Nachdem die beiden Handwerker angerückt sind und der Auftrag geklärt ist, geht sie einkaufen. Sie kommt nach zwei Stunden zurück, geht in die Küche und verstaut die Einkäufe. Nach einiger Zeit geht sie in den Keller, um nach dem Fortschritt zu schauen und findet die Beiden mit schwersten Verletzungen tot in einer gemeinsamen Blutlache liegen. Damit hörte der Artikel auf. Keine Erklärung, keine Auflösung.

– Starke Geschichte, habe ich nicht gelesen.

– Seitdem ich den Artikel gelesen habe, stelle ich mir die Stille vor, die in dem Haus geherrscht haben muß. Du kommst nach Hause, machst die notwendigen Dinge und irgendwann hältst Du inne weil Dich etwas irritiert. Was ist das? Du denkst an die Handwerker und dann fällt Dir die Stille auf. Die Stille die es eigentlich gar nicht geben darf. Richtig wären Handwerkergeräusche, gedämpfte Unterhaltung, vom Rohrsystem der Heizung übertragenes Klacken, Metall auf Metall.

– Wie bei Kraftwerk.

– Was?

Das wunderte mich, daß Endi nicht sofort bei der Formulierung „Metall auf Metall“ an Kraftwerks Trans Europa Express dachte.

– Du weißt doch – „Metall auf Metall“ von Trans Europa Express. 1977 hat ganz New York nach dem Beat getanzt – daß Stück hat die komplette Rhythmik des Old-School Hip Hop geliefert.

– Stimmt, vermutlich hat mein Unterbewusstsein Kraftwerk abgespeichert und im richtigen Moment die Formulierung hochgespült. Wie auch immer, auf jeden Fall fällt Dir auf, daß was nicht stimmt, Dir fallen die Handwerker ein, Du gehst in den Keller und dann liegen da zwei Typen in ihrem eigenen Blut. Du hörst die brüllende Stille.

– The Roaring Silence!

– Was?

Und erneut fragte ich mich, warum Endi nicht sofort die richtige Assoziation hatte. Ihm ging es wirklich nicht gut.

– Starke Scheibe, von Manfred Mann.

– Ach so. Finde ich Scheiße.

– Da gehts Dir wie vielen. In diesem Fall aber zu Unrecht. Die Platte ist wirklich gut.

– Hast Du die da?

Natürlich hatte ich die Scheibe da. Wie alle Megaseller der siebziger von Manfred Mann, Alan Parsons, Toto und Konsorten verstopften Dutzende von Kopien die Plattenregale des Spektrums genauso wie die Plattenregale von hunderten von Plattenläden in der Republik.

– Klar.

– Leg mal auf.

Nach kurzem Suchen fand ich eine schöne US-Copy und ich legte „Road to Babylon“ auf, und der Sirenenchor legt im gregorianischen Stil los:

„A golden thunder silenced songs among ten thousand voices on the Road to Babylon.“

– Was soll das denn heißen?

– Gut, daß Du fragst. Ich glaube Manfred greift eine Stelle aus irgendeinem alttestamentarischen Psalm auf, der an die Gefangenschaft der Juden in Babylon erinnert. Ich denke Manfred wollte die Gunst der Stunde nutzen und Bod Dylan in Sachen Christus-Rock nacheifern. Außerdem passte Babylon auch super zum Reggae-Hype der Zeit.

– Super-Bass, super aufgenommen! Was soll die Scheibe denn kosten?

– Oha, Mister Hochkultur durchbricht die Peinlichkeitsgrenze nach unten. Fünf.

– OK, nehme ich mit. Übrigens interessant, daß Du das jetzt mit „Roaring Silence“ assoziiert. Ich habe noch eine Assoziation. Im „Bastardzeichen“ spricht Nabokov vom summenden, grollenden, dröhnenden und brüllenden Schweigen in der Wohnung von Krug.

– Nie gehört.

– Der Philosoph Krug lebt in einem fiktiven Überwachtungsstaat und kommt nach Hause, nachdem er auf einer von zwei Kontrollpunkten überwachten Brücke eine deutlich kafkaeske Situation durchlitten hat. Er kommt vom Besuch im Hospital bei seiner todkranken Frau, ist verwundert über den Kontrollpunkt am Westende der Brücke, der auf dem Hinweg noch nicht da war, wird mit Mühe durchgelassen, wird dann am Kontrollpunkt am Ostende der Brücke nach einem Stempel im Pass gefragt, der ihm jedoch nicht gegeben wurde und zum ersten Kontrollpunkt zurückgeschickt. Der erste Kontrollpunkt erinnert sich nicht mehr an Krug, und kann den Stempel nur austeilen wenn man vom Westteil der Stadt zur Brücke kommt, da die Passage von Ost nach West verboten ist. Nur durch absurde Argumente gelingt es ihm schließlich doch noch die Brücke zu verlassen um zu Hause vom brüllenden Schweigen empfangen zu werden. Ich denke, Nabokov möchte damit der allgegenwärtigen Überwachung des totalitären Staates eine Metapher geben. Das Buch war, 1947 als erstes in Englisch verfasstes Buch Nabokov,  nicht zuletzt als didaktische Lehrbuch für die Menschen im Deutschland und der Sowjetunion zur Abkehr von den totalitären Systemen gedacht.

Das Gespräch fing an mir Spaß zu machen. Selten genug konnte ich im Gespräch mit Endi mit meinem Wissen punkten – aber dieses Mal konnte ich retournieren.

– Was heißt „Bastardzeichen“ auf Englisch?

– Wie bitte?

– Bend Sinister – wie die beste Scheibe von The Fall. Ich glaube sogar, Mark E. Smith hat den Titel nach dem Roman gewählt. Das Wort „Bend Sinister“ kommt auf der Scheibe aber nicht vor.

Endi schaute kurz nachdenklich nach oben und antwortete:

– Stark! Das Wort kommt aus der Heraldik und bezeichnet einen von links unten nach rechts oben laufenden Balken auf einem Wappen. Der Balken unterscheidet die eheliche der von unehelichen Linie eines adligen Geschlechts.

Na also, hätte mich auch sehr gewundert, wenn ich das letzte Wort gehabt hätte.

– Ein solches Wappen könnte gut auch Deine Tür schmücken. Die Scheibe habe ich übrigens nicht auf Lager.

Ich wußte nicht viel über Endis Vergangenheit. Die Tatsache allerdings, daß sein Alter Herr kein Kind von Traurigkeit war und Endi aus einer außerehelichen Affäre hervorging,  war weithin bekannt. Es war auch nicht schwer zu übersehen, war doch die Ehefrau von Endis Vater eine klassisch norddeutsche Schönheit und Endis drei Schwestern allesamt große Blondine mit Pferdeschwanz, eindrucksvollen Gesäßen und kräftigen Fesseln. Endi hätte mit seinem grazilen Körperbau und den asiatischen Gesichtszügen nicht stärker im Kreise der Familie Warhold auffallen können. Von seinem Vater hatte er die grauen Augen, von der Ehefrau seines Vaters hatte er nichts. Diese Tatsache konnte jederzeit ohne Peinlichkeiten befürchten zu müssen angesprochen werden. Der wunde Punkt war seine leibliche Mutter. Keiner kannte sie, keiner hatte von ihr gehört, keiner hatte sie getroffen. Ich war mir nicht einmal sicher, ob Endi seine eigene Mutter kannte.

– Dachte ich mir schon – steht aber eh schon seit fünfzehn Jahren in meinem Schrank … und Danke für den feinsinnigen Hinweis auf meine spektakuläre Familiengeschichte.

Endi nahm seine Roaring Silence-LP unter den Arm und verabschiedete sich. Als er den Laden verlies, lief die Tourette-Frau vorbei. Laut schrie sie der Welt ihr tägliches Klagelied entgegen:

„Scheiße!“

„Die Kinder lassen sich nicht blicken und seien verdammt!

Die Scheißkinder!“

„Die Scheißautos sollen mich über die Straße lassen!“

„Verfickte Ärzte!“

 Die Tourette-Frau, diesen Namen hatte Endi ihr respektloserweise gegeben, war im Stadtbild der Stadt im Norden ein gewohnter Anblick. Immer perfekt angezogen und frisiert lief sie die Straßen der Stadt ab und verkündete ihre mit Schimpfwörtern gespickten Litaneien. Wir sprachen von Ihr als die Nemesis der Stadt. Irgendwann würde ihre Rache für die Entfremdung von den anderen Menschen und ihr Außenseitertum die nichts ahnenden Bürger treffen.

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