Bars in Mittelklassehotels

Bars in Mittelklassehotels sind seltsame Orte. Es gibt dort Leuchter in Form von Gaslaternen, Seefahrerfiguren, Krüge randvoll mit Streichholzbriefchen und wenn man Glück hat, ein gerahmtes Trikot der deutschen Handballnationalmannschaft von 1996, die sich beim Hotelpersonal der Vorgängerkette – wahlweise Best Western, Ibis oder HolidayInn – bedankt. Auf der Speisenkarte stehen ein Burger- und ein Steakgericht, zwei Pastas und mindestens eine lokale Spezialität. In Hamburg Labskaus, in Stuttgart Maultaschen und in Düsseldorf Senfrostbraten.

In der Ecke hängt ein Fernseher in dem Nonstop Sky Sport läuft und das Personal trägt die schlecht sitzende Hoteluniform der jeweiligen Kette. Die Gästeschar setzt sich zusammen aus alleinreisenden Handelsvertretern, Rentereherpaaren die es in der großen Stadt lieber praktisch mögen und Menschen die mal etwas ganz anderes sehen und erleben wollen. Dabei ist eine solche Bar niemals mehr als zu einem Fünftel gefüllt. Neben einer Klausurtagung im Kloster gibt es wahrscheinlich kaum Orte, an denen man besser ungestört zu sich selbst finden kann. Man taucht ein in ein Paralleluniversum der unpersönlichen Belanglosigkeit und entdeckt dabei ganz neue Seiten an sich selbst. Irgendwann, wenn ich einmal sehr viel Zeit habe, mache ich eine Reise durch deutsche Mittelstädte – Goslar, Ludwigsburg, Pirmasens, vielleicht auch noch Hameln, Coburg und Heilbronn – und steige ausschließlich in Mittelklassehotels ausländischer Hotelketten ab. Danach fühle ich mich dann für zwei bis drei Tage wie ein glamouröser Star.

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