I/6 Distanzierte Nähe 1

Über dem Viertel lag drückende Schwüle. Rechts des Ostertorsteinwegs zogen bereits dunkle Gewitterwolken auf. Die Luft roch nach Stadt, nach Hitze und Gewitter. Endi assoziierte sofort den Geruch des Todes, den er in Düsseldorf gerochen hatte. Automatisch begann er tiefer und schneller zu Atmen um den Riechschleimhäuten im Geruchszentrum seiner Nasenhöhle möglichst große Mengen von Geruchsmolekülen aus der Luft zuzuführen. Nach wenige Millisekunden verschalteten sich die Neuronen in seinem Gehirn zur richtigen Kombination und sendeten „Gewitter“ ans Sprachzentrum. Endi entspannte sich, das Bild der Ella Zest verschwand vor seinem inneren Auge und er dachte stattdessen an die energiereiche Strahlung von Blitzen, die auf Sauerstoffteilchen treffen, Sauerstoffmoleküle freisetzen und so intensiv riechendes Ozon entstehen lässt.

Er hatte sich mit Maryam im Loui & Jules verabredet. Der Laden war bis auf ein einzelnes Paar leer als er eintraf und natürlich war Maryam noch nicht da. Er setzte sich an einen der groben, dunklen Holztische am Fenster. Die Passanten wechselten angesichts des nahenden Gewitters vom gemächlich samstäglichen Schlendern auf zügige Schrittfrequenz. Wie immer lief keine Musik im Restaurant – so kam er nicht umhin das Gespräch am Nachbartisch anzuhören.

– Es ist ja auch viel schöner so, Schritt für Schritt., sagte die Frau.

– Ja, wir haben ja Zeit.

Offensichtlich ein Paar im frühen Beziehungsstadium.

– Ja, auch als Mann, denkt man ja drüber nach, direkt mit Familie und so. Ist ja meistens ein Problem für die Frau.

– Wie meinst Du das?

– Na ja, so viele Partner kennenzulernen ist für die Kinder bestimmt frustrierend.

So werden sie das Reifestadium Ihrer Liebe wohl nicht erreichen, dachte Endi.

– Willst Du am nächsten Wochenende nicht doch mal vorbei kommen?

– Was soll ich denn da anziehen?

– Mach so, daß Du Du bleibst, dann ist es am besten.

– Ich mag es ja gerne wenn der Hals noch ein bisschen frei ist, dann sieht man die Kette besser.

– Ja, schön. Dann lernst du auch meinen Hund kennen.

In dem Moment fuhr Maryam mit ihrem schwarzen Jaguar Roadster aus den fünfziger Jahren vor. Die extremen Performances hatten ihr nicht nur Ruhm eingebracht; hauptsächlich durch den Verkauf der Wiederaufführungsrechte war sie auch zu einigem Reichtum gekommen. Mit großem Auftritt betrat sie das Loui & Jules. Enger schwarzer Hosenanzug, darüber ein strahlend weißer Cashmere-Umhang, die langen schwarzen Haare zum dicken Zopf geflochten – jeder konnte sehen, dass hier eine Persönlichkeit den Raum betrat. Obwohl Endi Maryam seit zwei Jahren regelmäßig traf, empfand er bei ihrem Anblick wie immer eine große Distanz. Er wusste viel von ihr. Ihr Ruhm brachte es mit sich, dass sie eine öffentliche Person war und er sich nicht anstrengen mußte um zu wissen wo sie war und was sie gerade machte – kurze Blicke in die Feuilletons und auf die verschiedenen Internet-Klatschseiten reichten, um im Bilde zu sein. Die Substanz ihrer Performances bestand aus der exzessiv zur Schau gestellten Person Maryam. Bis in kleinste Detail legte sie ihre Freuden, ihre Ängste, ihre Wut, ihre Liebe und auch ihre intimsten Körperlichkeiten in ihre Aufführungen. Er war daher auch bei zunehmender Nähe nicht verwundert, dass die private Maryam kaum von der öffentlichen Person zu unterscheiden war. Und trotzdem hatte er nie das Gefühl sie wirklich zu kennen. Es war nie Vertrautheit entstanden. Beide wußten, dass sie nebenher andere Partner hatten, aber das war nicht der Grund. Es war auch nicht ein Mangel an Gefühlen. Endi war sich nie sicher, was sie in ihm sah. Und er war sich nicht sicher, was er in ihr sah.

Maryam setzte sich ihm gegenüber auf den Stuhl, schaute ihn aus ihren großen schwarzen Augen mit langem Blick an und sagte:

– Lass uns gehen.

Obwohl er großen Hunger hatte stand er auf, verließ das Loui & Jules und stieg mit ihr in den Roadster. Die Schleusen des Himmels öffneten sich und begleitet von einem heftigen Sturmwind entlud sich das Sommergewitter.

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