I/13 Saudade 2

Es wurde Zeit das Gespräch in Richtung Musik zu lenken.

– Was sind deine „traurige Alben“-Favorites?

Damit würde ich Endi bekommen – Listen waren unsere gemeinsame große Leidenschaft.

– Chris Bell, „I am the Cosmos.“

– Gute Wahl. Wenn auch als Album nicht ganz regelkonform – die Scheibe ist schließlich erst posthum erschienen nachdem sich Chris Bell mit siebenundzwanzig mit seinem TR7 um einen Laternenpfahl gewickelt hat. Das bescherte ihm Aufnahme in den Club27⁠1 – aber die Songfolge war von Bell nicht so geplant.

– Egal. Das Titelstück und „You and your Sister“ gehören zu den traurigsten Momenten, die es auf Platte zu kaufen gibt.

Endi hatte recht. Ich legte die Platte auf. Majestätisch dröhnte der theatralische Text des Memphis-Rockers durch das Spektrum.

My feeling’s always happening/Something I couldn’t hide/I can’t confide/Don’t know what’s going on inside/So every night I tell myself/I am the cosmos,/I am the wind/But that don’t get you back again/I’d really like to see you again.“

– Einen Preis für Subtilität gibt es dafür aber nicht. Das ist kein Saudade und auch kein Litost. Das hört sich mehr nach profanem Liebeskummer an. Nimmst Du Jim Croces „You don`t mess around with Jim“ auf die Liste? In  Summe sicher kein ausgeprägt trauriges Album, aber „Time in a bottle“ überschattet alle anderen Songs.

– Ein eindeutiges Ja. Hier geht es in Sachen Gefühlsspektrum schon tiefer. Der Gedanke, dass nie genug Zeit bleibt, die Dinge zu tun, die sich ermöglichen wenn man erst einmal die Gelegenheit dazu erlangt hat, könnte von Pessoa sein. Das Glück der gefundenen Liebe mischt sich mit dem Unglück nie genug Zeit zu haben. Der Traum von gesammelter Zeit in der Flasche, die man dann verwenden kann wenn es am schönsten ist – auch eine sichere Möglichkeit unglücklich zu werden.

Endi zitierte den Chorus: „But there never seems to be enough time, to do the things you want to do, once you find them!“

– Kennst den Streifen „Liebeswunsch“, fragte ich Endi

– Ich glaube schon. Jessica Schwarz, richtig?

– Genau. Der Film ist so schwach wie das Buch von Wellerdorf. Schlechte Psychologie schlecht erzählt. Aber den Anblick von Jessica Schwarz, die mit leeren Augen im roten Bikini zu „Time in a bottle“ tanzt, vergisst man nicht wieder.

– Und natürlich der Gipfel der traurigen Düsterkeit, „I See a darkness“ von Bonnie „Prince“ Billy. Song an Song düsteren Szenarien, spärlich instrumentiert und vorgetragen mit brüchiger Stimme aus den Tiefen der Gruft.

– Ich glaube auf meiner Liste findet sich die Scheibe nicht. Ich kenne sie nicht genau, ich weiß aber, dass „Death to everyone“ und „Another Day full of Dread“ nicht traurig sondern zutiefst pessimistisch und depressiv sind.

– Fein beobachtet. Es gehören aber auf jeden Fall „Rock Bottom“ von Robert Wyatt, „One Year“ von Colin Blunstone und „Blood“ von This Mortal Coil auf die Liste.

– War Lissabon erfolgreich? Hast Du ein weiteres Objekt für Tod und Verderben?

– Ja, aber nur weil der portugiesische Popanz sein ganz persönliches Litost-Erlebnis hatte. Ist eine lange Geschichte, erzähle ich Dir bei Gelegenheit. Mach´s gut, Fog.

– Mach´s gut Endi.

Ich freute mich sehr für Endi, dass es mit Tod und Verderben weiter ging. Man sah ihm an, dass er guter Dinge war. Endi verließ das Spektrum. Durch die offene Ladentür konnte ich die Tourette-Frau sehen. Sie zeigte auf die Passanten und rief:

– Du bist es nicht. Du bist es auch nicht. Du bist Paul. Du bist auch Paul!

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1 Club27: Der Club, der erstaunlich zahlreichen Rockstars die bereits im Alter von siebenundzwanzig Jahren abgetreten sind ohne um Aufnahme in dem Club gebeten zu haben. Der Club wurde nach dem Tod Cobains gegründet und Brian Jones, Jim Morrison, Janis Joplin und Jimi Hendrix als feste Mitglieder aufgenommen. Chris Bell gehört unter anderen wie zum Beispiel Pete de Freitas von Echo and the Bunnymen, Pete Ham von Badfinger und Amy Winehouse zu den lose assoziierten Mitgliedern.

Ein Gedanke zu „I/13 Saudade 2

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