I/13 Saudade 1

– Tag Endi.

– Tag Fog.

Endi war schon seit einer ganzen Zeit nicht mehr im Spektrum gewesen. Das war ein gutes Zeichen. Offensichtlich hatte er zu tun.

– Lange nicht gesehen, wo warst Du?

– In Lissabon.

– In Sachen Tod und Verderben?

– Exakt.

– Wie wars?

– Traurig.

– Traurig?

– Ja, traurig. Aber speziell traurig. Die haben sogar ein eigenes Wort dafür. Saudade.

– Saudatsch?

– Genau.

Genau für dieses Gespräch war ich heute aufgelegt. Ich konnte mir gut vorstellen was jetzt kam – tiefgründige Betrachtungen über die speziellen Gefühlswelten spezieller Menschen, angereichert mit literarischen Referenzen.

– Und, was ist Saudatsch?

– Saudade ist ein Gefühl, das in die portugiesische Seele eingemeißelt ist. Es ergibt sich aus der einstigen kolonialen Größe und Bedeutung des Landes, gepaart mit der heutigen Bedeutungslosigkeit und dem schwerblütigen Gemüt der Portugiesen. Besonderes die Einwohner Lissabons zelebrieren Saudade. Die Menschen dort sitzen in ihren wunderschönen Cafés, blicken auf das wunderschöne Meer und ihre wunderschöne in Sonne getauchte Stadt und empfinden eine anlasslose Traurigkeit, genährt von der Sehnsucht nach eigener Bedeutung und gleichzeitig dem Verlangen in einem bedeutenden Land zu leben. Diese Land kann aber nur Portugal sein – auswandern hilft nicht gegen Saudade.

– Gibt es bei uns auch. Heißt Weltschmerz.

– Nein, das ist was anderes. Weltschmerz ist in der Gegenwart verankert und nährt sich aus dem Elend und der Entfremdung in unserer modernen Gesellschaft, die sich schon aus kürzester Vergangenheitsperspektive wie eine absurde Dystopie ausnimmt. Versuch dich mal in dein Wertgefüge anno Neunzehnhundertachtundneunzig zurück zu versetzen. Eine Welt in der jeder normale Mensch ein Gerät in der Hand hält mit dem er telefoniert, fotografiert, einkauft und bezahlt, einen großen Teil seiner Kommunikation erledigt, navigiert, Zugriff auf alle Bibliotheken dieser Welt hat, auf echte und falsche Neuigkeiten maßgeschneidert und in Echtzeit als Text, Ton und Video zugreifen kann und welches als Gegenleistung dafür privateste Daten an irgendwelche, aus jedem Wertgefüge gefallenen und ihre eigene Ethik zusammenbastelnde Unternehmen in Palo Alto mit einer Firmengeschichte von weniger als fünf Jahren versendet, hättest Du in jedem Roman für eine extrem unwahrscheinliche Vision der Zukunft gehalten. Doch nun steckst Du mittendrin, weißt nicht wie Du da rein gerutscht bist und … empfindest Weltschmerz.

Tatsache, nach der Tirade ging es mir direkt viel schlechter.

– Saudade hingegen, ist eine undefinierte Gefühlsmischung aus der Sehnsucht nach der Vergangenheit und dem Verlangen sich traurig zu fühlen – aber auch nicht zu traurig. Im Gegensatz zum Weltschmerz, der die Menschen stumpf und depressiv macht, ist Saudade ein durchaus willkommenes Gefühl. Von der Saudade ist in Lissabon alles durchdrungen. Du findest viele Häuser, Plätze und Cafés in denen peinlichst seit Jahrzehnten, manchmal seit Jahrhunderten nichts verändert wurde. Durch die engen Gassen Lissabons quält und quitscht sich immer noch die selbe gelbe, erste „Elektrische“, die die Vätergeneration Neunzehnhundertzehn auf die schmalen Gleise gesetzt hat. In den kleinen Wagen ist immer noch alles mit der hölzernen Erstausstattung verschalt. Wände, Fenster und Böden erstrahlen in einer Ehrfurcht einflößenden Patina, man möchte gar nichts anfassen aus Angst in diesem Echtzeitmuseum bleibende Werte zu zerstören. Die Lissabonner benutzen die Bahn aber völlig selbstverständlich als Verkehrsmittel für den täglichen Einkauf; übrigens nicht in irgendwelchen gigantischen Einkaufszentren sondern in engen und chaotisch zugestellten Kleinstläden. Saudade bringt die erstaunlichsten kulturellen Errungenschaften zustande. Der ganz Pessoa dreht sich um die wohlig selbstzerfleischende Analyse der eigene Traurigkeit.

Ihm genügt die Straßenbahn, um die Wonne und den Schrecken der Geschwindigkeit zu empfinden. Dafür benötigt er dann weder schnelle Automobile noch schnelle Züge. Er, der furchtsam das Leben hasst, fürchtet fasziniert den Tod. Sich seiner eigenen Brillanz bewußt genießt er seinen Buchhalterposten ohne Aussicht beruflichen Erfolg in den traurigen Straßen die sich ausgehend von der Rua da Alfandega ostwärts ziehen. Er spürt, wie das Wissen um den Tod in jungen Jahren das Bewusstsein als loses Band aus Papier umschließt, in den späten Jahren jedoch alle Lebensadern wie ein Stahlkorsett abschnürt.

Der Fado, dieses für unsere Ohren gewöhnungsbedürftige Gejaule häßlicher Sängerinnen im Sado-Look ist speziell zur Aktivierung und Befriedigung des Saudade von den Lissabonern erfunden worden. Ich sage es ja nur ungern, aber du mußt dir nur die portugiesische ESC-Heulboje anschauen, dann weißt du was Saudade ist. Erfreulicherweise führt das beständige Suhlen in der eigenen Traurigkeit augenscheinlich zu mentaler Gesundheit; in den Selbstmordraten liegen die Portugiesen weit hinter den anderen Depressionsexpertenländern wie Japan, Österreich und Finnland.

– Und Tschechien.

– Aha.

– Ja, der Selbstmordeifer der Tschechen verschafft dem Land zehn Plätze Vorsprung vor Portugal in der Statistik.

Das Gespräch lief noch besser, als ich erhofft hatte. Ich war sicher nicht so belesen wie Endi, aber meine Obsession für Kundera verschaffte mir in dieser Situation  einen guten Anknüpfungspunkt.

– Und auch die Tschechen haben ein unübersetzbares und nicht exportfähiges Spezialgefühl, das Litost.

– Interessant.

– Litost ist die Mischung aus Scham und Wut die man angesichts der eigenen unerwarteten Erbärmlichkeit verspürt. Im Gegensatz zur Saudade ist es aber weder erwünscht, noch hat es mit der allgemeinen Verfassung des Landes zu tun, sondern ist absolut privat. Stell Dir einen erfolgreichen tschechischen Geschäftsmann vor, der nach langer Zeit einen alten Freund trifft, den er seit Jahren nicht gesehen hat. Sie treffen sich zufällig an einem schmutzigen Tisch in einer der Prager Bierschwemmen – den großartigen Gleichmachern des Landes. Stolz erzählt der Mann von seinem Manager-Posten, seinem Auto, seiner hübschen Frau und seinen erfolgreichen Kindern. Er prahlt mit seiner außergewöhnlichen Karriere, mit seinen Beziehungen und seinem Ferienhaus in der Provence. Irgendwann fragt er den Freund, was er denn in Prag mache, so weit er weiß wohne er doch in Brünn. Darauf sagt der Freund, das stimme immer noch und er sei auch nur hier um die Ehrendoktorwürde der Karls-Universität für die Errungenschaften seiner Firma um die erneuerbaren Energien entgegenzunehmen. Er hätte nur kurz aus Gründen der Nostalgie in dieser Kneipe vorbeischauen wollen, müsse jetzt aber los zum Festbankett zu seinen Ehren.

Der Mann bleibt mit einem stärkeren Gefühl als Scham zurück. Ihn verlangt es nach Erniedrigung seines Freundes und gleichzeitig wünschte er nichts, aber auch gar nichts über sich selber erzählt zu haben. Litost.

– Stark. Schon typisch deutsch, dass gerade Weltschmerz es sowohl als Gefühl wie auch als Wort zum Exportschlager gebracht hat. Das gibts inzwischen in jedem europäischen Land und auch in den USA. Genauso wie Übermensch, Leitmotiv, Blitzkrieg und Weltanschauung.

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