I/12 Inferno 2

Endi war gespannt auf Lissabon und auf Bruno de Aveiro. Er war lange nicht mehr geflogen. Das Konzept Urlaub kam in seinem Lebensentwurf nicht vor, und beruflich war er seit langem nicht mehr in der Position weiter als im Umland der Stadt im Norden reisen zu müssen. Das letzte Mal, als er einen Flug zu buchen hatte, war es noch normal in ein Reisbüro zu gehen, dem mittelmäßig freundlichen Reiseverkehrskaufmann Zielort und Wunschzeit für die Ankunft zu nennen und dann angesichts des saftigen Flugpreises mit dem Gefühl im Jet Set angekommen zu sein auf die Straße hinaus zu den gewöhnlichen Menschen zu treten.

Von Isabelle hatte er die Chance erhalten Bruno de Aveiro, den wissenschaftlichen Leiter des Musueu Nacional de Arte Antiga in Lissabon zu treffen. Er war sich nicht sicher welcher Art die Beziehung zwischen Isabelle und dem Portugiesen war – auf jeden Fall war das Museum eine vielversprechende Quelle für Impulse für Tod und Verderben. Die Sammlung des MNAA war bekannt für ihren Querschnitt durch das katholische Erbe des kolonialen Portugals. Ein besserer Nährboden für Kunstwerke mit Bezug zu Tod und Verderben war schwer vorstellbar. Isabelle war von Endis Idee eine Ausstellung zu kuratieren geradezu euphorisiert gewesen und hatte versprochen all ihre Beziehungen zur Unterstützung des Vorhabens zu strapazieren. Er war sich nicht sicher, ob eine reale Chance bestand, tatsächlich ein Werk der Sammlung als Leihgabe für Tod und Verderben zu erhalten; mindestens mit einer kleinen Hoffnung machte er sich an das Vorhaben Lissabon. Natürlich war ihm klar, dass ein weltbekanntes Meisterwerk wie Boschs „Die Versuchung des heiligen Antonius“ vollkommen ausserhalb einer realistischen Möglichkeit war. Es gab aber trotzdem genug hochkarätige Gemälde, die für Tod und Verderben den Rang einer Attraktion einnehmen konnten, und auf deren Leihe er ernsthaft hoffen konnte. Er interessierte sich besonders für das „Inferno“ eines unbekannten portugiesischen Meister. Das großformatige Bild aus dem sechzehnten Jahrhundert zeigte die damals gängigen Foltermethoden in eine dantischen Todesreigen.

Obwohl in Sachen Reisebuchung aus der Übung, war ihm schon klar, dass eine Buchung eine Sache für irgendwelche Apps im Internet war. Mit Hilfe von Google waren entsprechende Möglichkeiten schnell gefunden. Nach anfänglicher Freude über die erstaunlich niedrigen Preise – für unter einhundert Euro waren mehrere Billigflieger bereit ihn von Hamburg nach Lissabon zu transportieren – wurde es zunehmend unerfreulicher. Immer wenn er dachte nun alles eingegeben zu haben poppten weitere Auswahlfenster mit einer unüberschaubaren Anzahl von Optionen auf, die ihm allesamt gleichermaßen nichts sagend wie abgrundtief einerlei waren. Reservierte Plätze mit oder ohne Quick Check In, Gepäck einchecken oder nur Handgepäck (dann natürlich nur im formatierten Reisegepäck welches man praktischerweise auch gleich dazu buchen konnte), Gepäck über zehn Kilogramm und nicht zuletzt die Auswahl von mindestens acht Park- oder Shuttle-Bus Varianten am Flughafen. Nachdem an allen Stellen ein Kreuz gesetzt oder eine Option ausgewählt war, stellt er frustriert fest, daß er weder über einen Bookingdotcom noch über eine Paypal-Acount verfügte und er sich durch weitere endlose Formulare mit Angaben zu Person und Bankverbindungen quälen mußte. Am Ende der ganzen Prozedur bekam er dann ein Online-Ticket zum Ausdrucken – ein Vorgang der noch einmal sein ganzes Computer-Know How auf die Probe stellte. Als er dann den labbrigen Ausdruck auf normalem DIN-A4-Papier in den Händen hielt, war er ein wenig enttäuscht. Wie viel glamouröser waren die längsformatigen Flugtickets aus Spezialpapier seiner Erinnerung.

Am Abflugtag kam Endi zwei Stunden zu früh in Hamburg an. Ungeübt in Kontinentalreisen hatte er den Zeitpuffer sehr großzügig bemessen. Ein freier Parkplatz und Hunger leitet ihn in das „Fröhlichst“. An den tiefen Tischen und Sitzsäcken erkannte er schnell den Hipness-Faktor des Ladens, die vegane Speisekarte überraschte ihn dann schon nicht mehr. Am Ausgabeschalter bestellte er einen Burger aus Linsen und Süßkartoffeln mit grünem Spargel – alles glutenfrei – und dazu ein Glas Bio-Riesling. Erwartungsgemäß war das Personal des „Fröhlichst“ irre gut aussehend und ziemlich langsam in der Abarbeitung der Bestellung. Das gab Endi die Gelegenheit von seinem Platz aus mit gutem Blick auf die Straße vor dem Restaurant Schnellpsychogramme der vorbeigehenden Hamburger zu erstellen. Nach einer Kalibrierungszeit von weniger als zehn Minuten erzielte er nur durch Analyse des Aussehens, des Gangs und des Alters der Passanten eine nahezu huntertprozentige Trefferquote bei der Prognose „Betritt das Fröhlichst oder zieht vorbei“.

Der Rebell in ihm hatte auf die Buchung eines reservierten Parkplatzes verzichtet. Mit schlechtem Gefühl und dem labbrigen DIN-A4-Ticket in den Händen – er war sich nicht sicher ob dieses x-fach ausdruckbare Stück Papier wirklich gültig war und ob er nicht beim CheckIn vorwurfsvolle Fragen nach einen gültigen Ticket beantworten mußte während eine endlose Schlange von Profibilligfliegern hinter ihm nervös hüstelte –  machte er sich auf den Weg zur Abflughalle.

Erfreulich schnell fand er den CheckIn-Schalter des Billigfliegers und noch erfreuter stellte er fest, dass sein Ticket gültig war und er sogar völlig legitim die Priority-Lane benutzen durfte. Die neun Euro für die Option „schnelles Einchecken“ waren gut angelegt. Die Euphorie schwand schnell dahin, als er sich dann mit allen unterpriorisierten Langsam-Eincheckern in der gleichen Schlange vor dem Security Check wiederfand. Richtig ärgerlich wurde er als er feststellte, dass sein privilegierter Platz in der Boarding-Schlange dazu führte, dass er als erster in einen geschlossenen und nicht gelüfteten Raum gebeten wurde in den dann nach und nach alle weiteren Passagiere geführt wurden. Schon nachdem die erste Hälfte der Passagiere in den Raum gequetscht war, war er sich sicher, dass nun mehr nicht mehr geht. Aber die gleichermaßen überforderten wie unfreundliche Damen des Bodenpersonals schafften es mit Anfeuerungen und Drohungen, die Aufseherinnen im Problemtrakt jeder Justizvollzugsanstalt zur Ehre gereicht hätten, auch noch den letzten Kubikzentimeter Atemluft in dem  Flughafenpurgatorium durch schwitzende, aggressive und hyperventilierende menschliche Luftfracht zu ersetzen.

Gerade als er es für sich akzeptiert hatte nun ohnmächtig zu werden und sich dem Willen des Allmächtigen zu überantworten öffneten sich die Schleusen des Fegefeuers und er wurde in die paradiesische Frischluft des Flughafenvorfelds entlassen.

Die Erleichterung wich an Bord der Maschine jedoch schnell den schlechten Gefühlen angesichts der klaustrophob engen Bestuhlung und der Service-Qualität die von jedem Fährkutter zu ostfriesischen Inseln ohne weiteres in den Schatten gestellt wurde.

Er überstand den Flug eigentlich nur, indem er sich über die seltsam unbeteiligt dreinschauenden Passagiere freute, die nach dem Toilettengang jeweils zehn Minuten hinter dem Service-Trolley hertrippeln mußten, weil sich seitlich zwischen Trolley und Sitzreihen durchzuquetschen nur für die spargeldünnen Flugbegleiterinnen eine ernsthafte Option war.

Als er nach drei Stunden Flug die weiße Stadt beim Anflug von der Seeseite in all ihrer Pracht in der Sonne glitzern sah, war seine Reiselust zwar auf dem Tiefpunkt, die Erwartungshaltung an die Tage in Lissabon dafür auf höchstem Niveau.

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