I/11 Die Stadt der Neurotiker 1: Rouen

An diesem Freitag Abend war Isabelle wie jeden Freitag Abend im Rotomagus mit ihren Freunden zum Essen verabredet. Heute allerdings würde sie nur ihre engste und älteste Freundin, Pénélope Robert, treffen. Sie kannte alle ihre Freunde in Rouen schon seit mindestens zwanzig Jahren. Manchmal fragte sie sich, ob diese Vertrautheit mehr Belastung durch das Gefühl der ständigen Observation bedeutete, oder ob letztlich die positiven Einflüsse aus Geborgenheit und Nähe der engen Bindungen überwogen.

Bis zum Rotomagus, dem Hort französischer Spitzenküche und gastronomischer Distinguiertheit in Rouen, hatte sie es von ihrer Wohnung nicht weit. Von ihrem Haus in der Rue Sainte Romaine brauchte sie nur wenige Meter bis zur Place Barthélemy zu laufen.

Ihr Haus. Das Haus ihrer Familie. Das Haus ihrer Familie seit vielen Generationen. Seit Generation wohnte der jeweilige Patriarch, oder in ihrem Fall die jeweilige Matriarchin der Hauptlinie der Familie Cavelier in diesem Haus.

Sie konnte nicht sagen, dass sie dieses Haus nicht mochte. Seit Jahrhunderten lag es im Zentrum von Rouen. Bis ins dreizehnte Jahrhundert konnte die Familie Cavelier als Eigentümer des Flecks nachgewiesen werden. In der Geschichte der Familie hielt sich über alle Generationen ein Gleichgewicht zwischen kaufmännischem Geschick das für anhaltenden und beständigen Wohlstand gesorgt hatte und entdeckerischen oder künstlerischen Begabungen die der Familie Ruhm und eine weit über die Landesgrenzen Frankreichs hinausgehende Bekanntheit des Namens Cavelier sicherten. Unter Ihren Vorfahren waren Bischöfe, einflussreiche Politiker, für den Nobelpreis nominierte Wissenschaftler und mit René Robert Cavelier, Sieur de la Salle der Entdecker Louisianas und damit der berühmteste in der langen Reihen ihrer berühmten Ahnen.

Das unter Denkmalschutz stehende Haus zeigte nach aussen eine seit dem Jahr Sechzehnhundertachtzig unveränderte reich verzierte Fachwerkfassade. Im Inneren war es über die Generationen vorsichtig dem jeweils aktuellen Komfort angepasst worden – immer mit Rücksicht auf die Bewahrung eines unverfälschten Stils. Es gab in ihrem Haus nur wenige Gegenstände von denen sie wußte wann und wo sie gekauft worden waren. In ihrer Familie wurde schon seit Jahrzehnten wenig gekauft und viel besessen. Die meisten Teile der Einrichtung waren alter Familienbesitz.

Nein, sie mochte das Haus. Aber mehr als sie es mit allen ihren Sinnen für Kunst, Stil und Tradition mochte, haßte sie es. Seit Jahren war es für sie der Inbegriff ihres Lebens hinter unsichtbaren Gefängnismauern geworden. Genauso wenig, wie sie an diesem Haus etwas verändern konnte, es gar verkaufen und an weniger historienbeladener Stelle einfach nur wohnen konnte, konnte sie die vorgegebenen Bahnen ihres Lebens ändern. Sie hätte ein Haus in der Bretagne kaufen können um das einfache Leben zu leben, nach dem sie sich so sehnte. Sie wäre stundenlang den Strand entlang gelaufen, der in einem weiten Halbkreis den gesamten Blick einnimmt, immer das Dröhnen der Brandung im Ohr. Sie hätte sich an verhangenen Tagen als Person  auflösen können, wenn die hellgrauen und tief hängenden Wolken mit der von den Wellen getränkten Sandfläche und dem hellblauen Ozean eine alle Konturen verwischende Einheit bilden. Wenn dann nach einem solchen Tag zum Nachmittag die Sonne das erste Mal durch die Wolken bricht und die Stimmung sofort auf federleicht und beschwingt wechselt, hätte sie in einer der einfachen Bar-Tabacs einen Aperitif nehmen können.

Als ihr die groteske Szene aus ihrem letzten Aufenthalt in den Sinn kam – eine verzweifelte syrische Großfamilie trifft auf der beschaulichen Uferpromenade des bretonischen Dorfes auf eine vollständig mit Funktionskleidung ausgestattete deutsche Touristengruppe – war sie beinahe froh. Die Aussicht auf den tägliche Anblick dieser Gegensätze machte diese Option zunichte.

Oder sie hätte zu Bruno de Aveiro ziehen können um in Lissabon neu anzufangen. Bruno, einer der wenigen Männer von dem sie wußte, dass er in der Lage wäre sie permanent zu ertragen, vielleicht zu lieben. Eine andere Person hätte das vielleicht fertig gebracht. Isabelle war keine solche Person. Stattdessen erfüllte sie ihre selbstauferlegte Pflicht, bildete ihre Neurosen aus und beobachtete die Menschen in ihrer Umgebung beim ausbilden derer Neurosen.

Es verging kein Tag an dem sie nicht darüber nachdachte, wie es wäre, jemand Anderes an einem anderen Ort zu sein. Es machte sie halb wahnsinnig, wenn sie sich eingestand, dass niemand sie daran hindern konnte – zumal sie die Herrin über den millionenschweren Besitz der Familie Cavelier war. Noch unerträglicher war der Gedanke an ihre Rolle, wenn sie an die Sinnlosigkeit ihres Opfers dachte. Als einzige Tochter ihrer Eltern – beide waren früh gestorben und hatten keine Chance mehr den geplanten Stammhalter hervorzubringen – hatte sie in ihrem Leben weder die Möglichkeit einer Ehe jemals in Betracht gezogen, noch hatte sie auf ausserehelichem Wege einen Stammhalter für die Familie Cavelier hervorgebracht. Sie tröstete sich mit dem Gedanken, dass das Opfer ihres eigenen Lebens dafür sorgte keine weitere, in den Zwängen der Vergangenheit gefangene und zutiefst unglückliche Generationen hervorzubringen.

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