I/11 Die Stadt der Neurotiker 2: Rotomagus

Auf den wenigen Metern zum Rotomagus passierte Isabelle kein Haus, welches nicht mindestens seit dreihundert Jahren an seinem Platz stand. Dann blickte sie auf die Église Saint-Maclou. Sie ging kurz in die gotische Kirche um sich mit einem Blick in die himmelwärts strebende Pracht des zentralen Vierungsturms vom Sinn ihres in der Traditionen der Stadt verhafteten Lebens zu vergewissern. Heute funktionierte diese wohleinstudierte Routine nicht. Statt dem erwünschten Gefühl auserwählt zu sein und ihre Rolle als Privileg zu verstehen stellte sich eher die Vision von Ihr als letzte Wärterin eines vernachlässigtem Museums für mittelalterliche Fachwerkkunst ein. Nachdem sie die ganze Woche als Direktorin des Musée des Beaux-Arts von Rouen ausschließlich mit der Beschaffung von Mitteln zur Renovierung der sanitären Anlagen des Museums beschäftigt war, wunderte sie das wenig.

Als sie im Rotomagus eintraf wartete Pénélope bereits auf sie. Isabelle fiel sofort die neue Frisur an Pénélope auf. Sie begrüßten sich mit drei Küsschen auf die linke und rechte Wange.

– Du siehst toll aus. Die kurzen Haare stehen Dir gut.

– Merci. Bei meinen dünnen und matten Haaren ist das die einzige Option die mir geblieben ist um nicht wie eine Provinzhausfrau mit Jugendwahn auszusehen.

Außerdem hört dann auch das nervöse In-den-Mund-nehmen-und-darauf-herumkauen der Haare auf, dachte Isabelle.

– Dann kann ich auch nicht mehr die Haarenden in den Mund nehmen um darauf herumzukauen, sagte Pénélope.

Beide erschreckten leicht. Isabelle, weil sie sich ertappt fühlte und gleichzeitig dachte, dass man Freunde auch zu gut kennen kann. Pénélope weil sie das erschreckte Gesicht von Isabelle sah und gar nicht wusste was sie Erschreckendes gesagt hatte.

Thomas Tellier, der Maitre des Rotomagus ließ es sich nicht nehmen seine Stammgäste persönlich zu begrüßen.

– Bonjour, die Damen sehen fantastisch aus. Das Rotomagus freut sich auf jeden Freitag Abend.

– Danke, Thomas. Was hast Du heute für uns? Isabelle hatte heute kein Interesse an einem ausgiebigen Small Talk mit Thomas.

– Ich bringe Euch fantastische Tsarskaya Austern, heute morgen in Biarritz geerntet.

– Fein, dazu bitte Veuve Cliquot. Etwas anderes kam für Pénélope nicht in Frage. Ich hoffe Dir geht es gut, meine Liebe?

– So la la. Ich habe heute mal wieder einen meiner schlechteren Tage. Für Isabelle war das einer der positiven Aspekte ihrer langen Freundschaft mit Pénélope. Sie kannten sich gut genug um sich keine blendende Laune vorspielen zu müssen.

– Ich habe im Figaro heute das Bild der „Marcheuses“ gesehen. Auf dem Bild solltest eigentlich auch Du zu sehen sein.

Das meinte sie ganz ernst. Pénélope war die Inhaberin der florierenden Public Relations-Agentur Madame Robert fait PR. Sie hatte den jungen En Marche!-Kandidaten von Rouen professionell in den Medien platziert und so für ein herausragendes Ergebnis bei der Parlamentswahl gesorgt. Der Kandidat versuchte sie schon seit längerer Zeit für die Bewegung zu gewinnen.

– Ach, Du weißt doch, die Politik ist ein schmutziges Geschäft und ich würde kaum Geld verdienen. Und könntest du dir mich zwischen all diesen Landeiern vorstellen?

– Natürlich, Du würdest glänzen und dein Glanz würde auf das Parlament abstrahlen.

– Etwas Glanz könnte die Gruppe gut vertragen. Das Foto ist übrigens grauenvoll. Man sieht sofort, dass die einzig vorzeigbare Kandidatin, die entzückende Stephanie mit ihren vietnamesischen Wurzeln, in die erste Reihe platziert wurde um zumindest den Anschein eines gesellschaftlichen Querschnitts zu erwecken. Dieser Fotograf würde von Madame Robert keinen einzigen Auftrag erhalten.

Isabelle viel auf, dass Pénélope, während sie ihre Ansichten verkündete auf ihrer Unterlippe nagte. Offensichtlich hatte ihre innere Angespanntheit – nun da keine Haare mehr zu kauen waren – einen neuen Kanal gefunden.

– Außerdem fürchte ich, der Kandidat ist scharf auf mich und möchte sich wie der große Emmanuel mit einer Frau schmücken, die seine Mutter sein könnte.

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