I/11 Die Stadt der Neurotiker 3: Die Auster

– Was soll daran falsch sein?, fragte Isabelle.

Der Kellner brachte die Austern.

Pénélope, die Auster dachte Isabelle. Nur mit Kraftanstrengung zu öffnen. Shakespeare. Die Welt ist ihre Auster. Das Innere mag nicht jeder. Und ich? Die Muschel. Öffnet sich schon mit ein wenig heißem Wasser. Wird nicht im Dutzend sondern im Hundert genossen.

Pénélope kokettierte permanent mit unzähligen Verehrern. Beide Frauen wußten jedoch, dass Pénélope asexuell oder frigide oder beides war. Sie hatte ihn ihrem Leben noch kein einziges Mal Sex gehabt, nicht einmal mit ihr selber.

– Der soll sich Eine in seinem Alter zum ficken suchen.

Der Moment das Thema zu wechseln war gekommen.

– Die Woche habe ich mit Endi gesprochen. Für dieses Thema interessierte sich Pénélope immer.

– Und, wie geht es Deinem Protegé?

Isabelle kannte Endi schon sein ganzes Leben lang. Die wenigsten Menschen kannte die genauen Hintergründe ihrer Beziehung. Nicht einmal Endi wußte alles. Pénélope wußte genug um zu wissen, dass Endi für Isabelle Familie war.

– Ich glaube ganz gut. Er wird eine Ausstellung in der Stadt im Norden kuratieren.

– Das ist schön. Zuletzt hat er doch nur Scheiße gemacht. Wie kommt er nun dazu?

Isabelle ärgerte sich kurz, wie immer wenn jemand anderes als sie etwas Negatives über Endi sagte.

– Er arbeitet doch schon lange am Museum in der Stadt im Norden als Mädchen für alles. Nun hat er seinen Boss von der Idee von Tod und Verderben überzeugt.

Thomas Tellier kam persönlich an den Tisch um den nächsten Gang anzuzeigen.

– Ich hoffe die Austern haben Euch geschmeckt.

– Fantastisch, antwortete Isabelle.

– Ich habe mir noch nie etwas aus den Dingern gemacht. Kein Gehirn, kaum Sinneszellen, das ist fast als würde man vegetarisch essen und du weißt wie ich diese Leute hasse.

– Na, dann sollte Dir der nächste Gang gefallen – Cervelle de Veau en Dashi.

– Kalbshirn, das klingt verlockend.

– Das Hirn von Rouen, pochiert in Dashi-Essig, erläuterte Thomas.

– Dazu bitte einen guten Meursault. Pénélope wandte sich wieder zu Isabelle.

Tod und Verderben, guter Titel, gutes Thema.

– Ja, Endi möchte ein Querschnitt über die Stile und Epochen zu Kunstwerken mit Todesarten und allen Aspekten rund um den Tod zeigen. Ich kann das gut verstehen. Es gab keine Epoche in der jüngeren Geschichte der Menschheit, die den Tod dermaßen ausgeblendet hat. Heute beschäftigen wir uns damit nach Möglichkeit erst in den letzten Wochen bevor wir sterben. Bis dahin versuchen wir unser Leben zu leben als wäre es unendlich. Früher war der Tod mitten im Leben. Jedes Kind hatte bis es zehn Jahre alt war mit Sicherheit schon einen Toten gesehen. Meistens die Großeltern, die unter dem gleichen Dach wohnten.

– Zustimmung, sagte Pénélope, und heute sterben die Menschen völlig ungeübt und unvorbereitet. Für die meisten ist nicht einmal mehr die Religion ein Ankerpunkt um zu Lebzeiten mit ihrer Sterblichkeit konfrontiert zu werden.

Isabelle griff den Gedanken auf.

– Gerade in Sachen Sterben und Tod hat die Kirche heute noch ihre Legitimität. Den alten Männer in ihren Messgewändern traue ich in den frühen Lebensphasen des Menschen wenig zu. Woher sollen sie wissen, was die Kinder denen sie die Erstkommunion spenden benötigen? Aber der Tod ist immer noch die Spezialdisziplin der katholischen Kirche.

– Leider wissen auch das die meisten Menschen nicht mehr. So sterben sie reihenweise alleine und verängstigt, unter Schmerzen oder bestenfalls sediert an irgendwelchen Maschinen in einer Gesundheitsfabrik und sind schon glücklich wenn sie niemandem mehr peinlich sind. Auf den ersten Blick  wirken die Sterbeanstalten steril und keimfrei; sie sind aber total nutzlos wenn es darum geht eine menschliche Atmosphäre zu schaffen. Unter dem Mikroskop erkennt man dann die multiresistenten Keime die auf allen Flächen wimmeln und so auch einen guten Teil der eigentlich gesunden Patienten hinwegraffen. Diese Ausstellung füllt ein Vakuum!

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