I/11 Die Stadt der Neurotiker 4: Der Blick

Das in Dashi-Essig pochierte Kalbshirn wurde serviert. Mit leichtem Ekel aß Isabelle das wunderbar zarte und fein säuerliche Organ eines jungen Kalbs.

– Du wirst ihn mit Werken aus dem Museé des Beaux-Arts unterstützen?

– Natürlich. Cozzas Les massacre des innoncents. Le Blancs Les martyr des San Sébastian.

– Das Bild ist barocker Kitsch. Im Grunde schon eine Todesart an sich. Ausserdem hat Le Blanc Probleme mit den Proportionen. Der Sebastian hat einen viel zu kleinen Kopf. Oder für den Kopf einen überproportionierten Körper.

Isabelle schaute Pénélope kritisch an.

– Aber sieh Dir nur die lüsternen Augen an mit denen der Sebastian die Engel anhimmelt. Er kann es kaum erwarten in den Reigen der himmlischen Lüste aufzusteigen. Wahrscheinlich war es eine Enttäuschung für ihn, dass er letztlich nicht an den Martern des römischen Vasallen gestorben ist, der ihn mit den Pfeilen durchbohrt hat. Horace Le Blanc hat das Gemälde sechzehnhuntertvierundachtzig geschaffen. Diese Gemälde hat das erste Mal homoerotische Untertöne in die Sebastian-Ikonographie gebracht. Hast Du schon einmal von Derek Jarmans Sebastiane gehört?

– Nein, aber ich bin gespannt, erwiderte Pénélope.

– Jarman hat mit dem Film eine Ode an die Homoerotik in der römischen Armee geschaffen. Der gesamte Text des Drehbuchs des Films ist mit viel Aufwand in authentischem Vulgärlatein geschrieben. Sebastiane ist der einzige in England entstandene Film der ausschließlich mit Untertitel gezeigt wurde. Er wird mit Sicherheit nicht bei TV1 laufen. Bei YouTube gibt es eine Menge Szenen zu sehen. Du wirst ihn mögen.

Obwohl Pénélope über kein eigenes Sexualleben verfügte, liebte sie alle abseitigen sexuellen Schöpfungen der Kunst. Wenn man dem Gespräch mit ihr Freiraum ließ war man schnell bei Kokain von Pitigrilli, Blaise Cedrars Moravagine, den abscheulichen Performances der Wiener Aktionisten und schließlich bei Pasolinis 120 Tage von Sodom. Pasolini war bestimmt der Mensch demgegenüber Pénélopes Gefühle am ehesten dem entsprachen, was gemeinhin als Liebe bezeichnet wird. Das Pasolini seit neunzehnhundertfünfundsiebzig tot war, zu Lebzeiten als Inbegriff des schwulen Mannes galt und eine große Anzahl von Werken hinterlassen hat, die bei den meisten Menschen tiefe Verstörung hervorrufen, war für diese Zuneigung nicht hinderlich sondern in hohem Maße fördernd.

– Hört sich vielversprechend an, erwiderte Pénélope. Hast Du morgen Abend schon etwas vor? Ich war schon lange nicht mehr nach Ende der Öffnungszeit im Beaux-Arts. Vielleicht gibst Du mir die Gelegenheit das Bild mit neuen Augen zu sehen? Und vielleicht schauen wir danach den Film?

Isabelle hatte wenig Interesse zwei Abende hintereinander mit Pénélope zu verbringen. Sie hatte aber nichts vor und da weder brüske Ablehnung noch Schlagfertigkeit zu ihrem Repertoire gehörten, antwortete sie à la rouenaise ausweichend:

– Mal schauen.

– Wirst Du auch etwas aus eurem Gericault-Bestand in Endis Ausstellung geben?

– Natürlich. Ich hatte gedacht Tête de jeune homme, mort, die Mutter mit ihrem toten Kind in La Têmpete, Gericault Totenbildnis von Corréard und Scheffers La mort de Gericault zu verleihen.

Isabelle bemerkte, wie Pénélope permanent nicht vorhandene Brotkrumen von der Tischdecke wischte. Der Verlust der langen Haare war ersichtlich schwer zu kompensieren.

– Endi sagte, dass er die Zusage der Bremer Kunsthalle für Gericaults Brunhilde hat. Es wäre schön, das Bild einmal im Kontext mit unseren Pferden zu sehen. Du weißt schon, dem Officier de chasseurs à cheval de la garde impériale chargeant und dem Cheval arabe gris-blanc. Der Gardeoffizier wird bald sterben und der Araberhengst sieht mit seinem leichenfarbigen Fell und dem Totenschädel sehr jenseitig aus, beide Gemälde würden also auch gut zum Thema passen.

– Ich mag den ganzen Gericault nicht, antwortete Pénélope. In seinen frühen Jahren hat er diese prunkvollen Schlachtszenen gemalt um zu Ruhm und Ehre zu gelangen, im Floß der Medusa sehe ich nur Abenteuerlust und diese seltsamen Bilder von englischen Pferderennen seiner späten Jahre widern mich an.

– Pénélope, du tust ihm Unrecht. Dass du die faszinierenden Porträts der Irren aus der Salpêtrière nicht erwähnst ist bezeichnend. Du bildest dir deine Meinungen so wie du sie haben möchtest und blendest dann die nicht passenden Aspekte aus.

– So ein Quatsch. Natürlich bewundere ich den schwer zu ertragenden Blick der alten Geisteskranken – aber das ändert nichts an meiner Meinung über Gericault. Er war ein geltungssüchtiger Narziss der für Ruhm und Publikum gemalt hat.

– Aha, und damit hast gerade du ein Problem? Es ist doch deine Profession den Publikumsgeschmack zu ertasten und mit den passenden Botschaften zu bedienen.

– Du sagst es, es ist meine Profession. Die Profession des Künstler ist das genaue Gegenteil. Er soll seine Persönlichkeit, seine Kreativität über seine Kunst ausdrücken und so den Geschmack prägen und weiterentwickeln.

– Trotzdem, schau Dir die späten Werke noch einmal genauer an und du wirst genau das entdecken. Gericault legt in die Bilder seinen ganzen Haß auf die Eitelkeit der Gesellschaft und bereitet so den Boden für naturalistische Weltanschauungen.

Isabelle hatte genug von dieser Diskussion. Die Unterbrechung durch den Hauptgang, Canard à la rouennaise, kam ihr sehr gelegen.

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