I/11 Die Stadt der Neurotiker 5: Andromaque

Die Stadt hat dieses Gericht verdient, dachte sie. Das Traditionsgericht der Stadt. Die Ente für dieses Gericht wird nicht einfach nur geschlachtet. Sie wird erstickt. Damit das Blut im Körper bleibt. Dann wird die Karkasse mit einer speziellen Presse ausgepresst um die Blutsauce herzustellen.

Isabelle hatte lange nicht mehr Canard gegessen und mußte sich eingestehen, dass sie sich sehr auf den speziellen Geschmack freute.

Ich bin Teil dieser Stadt, wie die gepresste Ente Teil dieser Stadt ist, dachte sie. Genau wie die Stadt als soziales und architektonische Gebilde sich nicht gegen seine Wirkung auf die Einwohner wehren kann, genau so wenig kann ich mich dagegen wehren Teil dieser Stadt zu sein. Auf welcher Ebene fühle ich mich damit nicht wohl? Mein Bauch, meine Gefühle lieben Rouen. Mein Kopf, meine Nerven wollen weg von hier.

Anscheinend dachte Pénélope gerade das gleiche.

– Gericault ist ein würdiger Repräsentant Rouens – genauso wie diese Stadt dieses Gericht verdient hat, sagte sie. Degeneration und Dekadenz wird als Tugend ausgegeben und dabei kippt die Stimmung der Stadt und dumpfe Verzweiflung breitet sich aus.

– Du sagst es. Schau uns beide an. Alleine, neurotisch und zu keiner Veränderung fähig.

– Ja, ist das nicht herrlich?

Dafür liebte Isabelle ihr Freundin. Sie hatte recht. Niemals hätte sie ihren hermetischen und auf ein Höchstmaß an Künstlichkeit ausgerichteten Lebensstil gegen etwas einfacheres, simples eingetauscht. Das war auch der Grund warum sie eine so tiefe Zuneigung zu Bruno empfand. Sie spürte in seiner Lissabonner Seele die gleichen jahrhundertalten Narben, die gleiche Verzweiflung angesichts der Gräuel der Moderne, denen sie selber jeden Tag zu entfliehen suchte.

Thomas Tellier kam an ihren Tisch um sich ihrer Zufriedenheit zu versichern.

– Fantastisch, deine Ente. Hast du für die Sauce deine Entenpresse aus dem achtzehnten Jahrhundert verwendet?

– Aber natürlich. Nur so wird mit dem Blut der Ente auch die Essenz dieses Gerichtes in die Sauce transportiert, antwortete er.

Bei aller Perversion dieses Gerichtes, angefangen von der grausamen Schlachtung der Tiere bis zur Herstellung der Sauce mit der Entenpresse, war Isabelle ohne weiteres in der  Lage das ungeheuer zarte Fleisch und die vollen Aromen der Blutsauce vorbehaltlos zu genießen.

– Ich werde Endi auch Andromaque von Rochegrosse zur Verfügung stellen, knüpfte Isabelle an das Gespräch über Tod und Verderben an.

Mit erhobener Augenbraue schaute Pénélope von ihrem Teller auf.

– Bist Du sicher? Das Gemälde ist doch mindestens drei Meter hoch. Alleine der Transport wird ein Vermögen kosten.

– Schon, aber das Werk wird eine Ausstellung zum Thema Tod und Verderben entscheidend bereichern.

– Ich kenne die Geschichte hinter dem Bild nicht? fragte Pénélope.

– Der Säugling Astyanax, Sohn des „helmumflatterten und erzumschimmerten“ trojanischen Kriegers Hector und der schönen Andromaque wird nach Homer im Auftrag von Odysseus von den Festungsmauern der trojanischen Festung Ilios geworfen um nicht später den Tod seines Vaters rächen zu können. Die arme Andromaque sieht im sechsten Gesang der Ilias ihr Schicksal klarsichtig in wunderschönen Hexametern voraus:

„Trautester Mann, dich tötet Dein Mut noch, und du erbarmst dich/nicht des stammelnden Kindes, noch mein, des elenden Weibes,/Ach, bald Witwe von dir! Denn dich töten gewiss die Achaier,/Alle daher dir stürmend! Allein mir wäre das Beste,/Deiner beraubt, in die Erde hinabzusinken; denn weiter/ist kein Trost mir übrig, wenn du dein Schicksal vollendest,/sondern Weh! Und ich habe nicht Vater mehr noch Mutter.

Natürlich hört der heldenhafte Hector nicht auf die Klage seiner Gattin und es kam wie es kommen musste.

– Gibt es zu dem Stoff nicht auch eine Tragödie von Racine? fragte Pénélope.

– Gibt es. Racine bringt Orest ins Spiel, der von Agamemnon geschickt wird um den kleine Astyanax zu ermorden. Das Bild schlägt mit der Geschichte aus der Ilias in Verbindung mit den ultranaturalistischen Darstellungen abgeschlagener Köpfe und blutbesudelter Festungsmauern den Bogen von der Antike zu den heutigen Filmen des Horror- und Splatter-Genres. Ich bin mir sicher das auch Don Lawrence das Gemälde kannte – es könnte ein Panel in einem seiner Trigan-Comics sein.

– Ist auch gut für die PR-Arbeit zur Ausstellung zu verwenden. Wenn ich mich recht erinnere ist eine Swastika auf dem Bild zu sehen. Das wird in Deutschland immer gerne aufgegriffen. Ich kann Endi gerne bei der Pressearbeit unterstützen. Ich kenne einige Redakteure im Feuilleton von FAZ und Die Welt.

– Vielen Dank Pénélope, das würde ihm und der Ausstellung bestimmt helfen.

– Ich habe immer noch nicht verstanden, warum du dich für diesen Deutschen so ins Zeug legst.

Damit hatte Isabelle gerechnet. Die Freundin ließt keine Gelegenheit verstreichen mehr über ihre Verbindung zu Endi zu erfahren.

– Er ist der Sohn Deiner geheimnisumwitterten Freundin Maruko – die allerdings noch niemand jemals zu Gesicht bekommen hat. Du kümmerst dich aus der Ferne um ihn wie um einen Sohn. Du hältst Kontakt, du unterstützt ihn mit Geld und Verbindungen – ohne etwas zurückzuerhalten. Warum nur?

Du täuscht dich sehr, wenn du denkst ich erhielte nichts zurück, dachte Isabelle.

– Ich werde Dir irgendwann die ganze Geschichte erzählen. Bitte hör aber jetzt auf weiter zu bohren.

Die beiden Frauen verzichteten auf ein Dessert, nahmen aber noch Käse und Café und verabschiedeten sich vor Mitternacht vom Rotomagus und Thomas Tellier. Als sie auf die Place Barthelmy traten, lief ihnen laut schreiend ein dicker Mann im grünen Jogging-Anzug über den Weg. Er hatte Kopfhörer auf und grölte laut und unverständlich den Text des Liedes das er gerade hörte.

Pénélopes Mercedes stand direkt um die Ecke des Restaurants, daher bot sie an Isabelle nach Hause zu fahren.

– Lass nur. Ich fühle mich in der Stadt niemals sicher. Aber nicht wegen der offensichtlich Verrückten auf der Straße, sondern wegen der neurotischen Wirkung dieser Stadt auf uns alle.

Isabelle machte einen kleinen Umweg entlang des Ufers der Seine. Bewußt blieb ihr Blick auf dem schlanken Hochhaus der Regionalverwaltung hängen. Sie sucht die gleichsam neutralisierende Wirkung des modernen Wahrzeichens Rouens. Doch auch diese Moderne im Stile des Niemeyerschen Brasilias war nicht mehr modern im Wortsinne sondern schon Teil der Tradition der Stadt geworden.

Auf den wenigen Metern zu ihrem Haus dachte Isabelle darüber nach, dass wirklich jeder den sie an diesem Abend getroffen hatte von nervösen Ticks gepeinigt war. Sie bemerkte nicht, wie sie leise aber regelmäßig Schnalzgeräusche mit ihrer Zunge machte.

– Morgen früh rufe ich Bruno an, dachte sie als sie ihre Haustür aufschloß.

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