Was ist prätentiös? II

„Wir sind Tom Schilling und die Jazz Kids!“ Mit diesen Worten eröffnet Tom Schilling sein (oder ihr?) Konzert im Rahmen des Oldenburger Kultursommers. Eigentlich heißt die Band „Tom Schilling & The Jazz Kids“ – so steht es zumindest auf der passenden Facebook-Seite.  „Wir sind Tom Schilling & The Jazz Kids“ hätte sich aber wohl noch doofer angehört. Man hat auch nicht den Eindruck, dass die Band Tom Schilling ist. Eher schon, dass Tom Schilling die Jazz Kids sind – aber auch nicht so richtig. Warum hat man diesen Eindruck? Weil Tom Schilling viele ist.  Er ist …

… der alte Tom Schilling, der auf sein Leben in seiner bestimmt frustrierend langweiligen Heimatstadt zurückschaut.

… Dean Martin, der mit lockerer Hand beim Singen sein Weinglas leert. (Klar – bei Dean Martin wäre es Whiskey gewesen – aber auch ein Tom Schilling braucht noch Luft nach oben).

… Sven Regener, der mit knarziger Stimme von Sehnsucht, Butterbrotpapier, Kleinstadtfrust und ersten Lieben singt.

Wir haben es nur bis zum Ende des dritten Liedes geschafft, bevor der Fluchtreflex übermächtig wurde. Bestimmt wäre diese Liste noch länger wenn wir mehr Durchhaltewillen und Zeit gehabt hätten. Hatten wir aber nicht.

Das Oldenburger Publikum ist grundsätzlich sehr dankbar für jede Art von Impuls. An den vorherigen Abenden wurden beispielsweise schlimm röhrende Bluesrockerinnen, dilettierende World-Music-Orchester und französisch-deutsche Studentenbands die ohne Studio Equipment wie der Kaiser in „Des Kaiser neue Kleider“ wirkten mit viel Wohlwollen und Applaus warmherzig aufgenommen. Aber an diesem Abend war „irgendwie lahmarschig“ noch ein wohlwollender Kommentar.

Der Tom hatte für Oldenburg auch nicht so viel Zeit um seinen „Romantic  Indie Jazz“ an den Mann zu bringen. Der Auftritt wurde in eine bestimmt zu kurze Drehpause seines neuen Films in Prag gequetscht.

Wir fragen uns: Warum macht der das? Als Schauspieler sieht man in jeder Szene seiner Filme sein Talent. In der Rolle als jugendlicher Held überzeugt er vom Hitlerjungen bis zum Coming-of-Age Studenten genauso wie als Loverboy im Auftrag der Stasi. Wer hat ihm gesagt, dass er zur Abrundung seines Künstlerprofils ausgerechnet jazzige Chansonpastiches im eng sitzenden Anzug zum Besten geben muß? Ist er selber auf diese Idee gekommen? Oder sieht die PR-Maschinerie zur Abrundung des Künstlerprofils mindestens eine Nebendisziplin zur Schauspielerei vor und zum Schreiben oder zum Malen hat Tom Schilling zu wenig Geduld?

PS: In dem Moment des Schreibens frage ich mich: Warum schreibe ich das jetzt in mein Blog unter der Kategorie „Blickwinkel“? Ich habe keine wirklich gute und überzeugende Antwort.

Aber frei nach Elvis Costellos „Some things you never get used to…“ tut es gut sich –  über welchen Kanal auch immer –  etwas Luft zu verschaffen.

Liste der Dinge an die ich mich nie gewöhnen werde:

  • Künstler, die sich bei allem Talent gnadenlos überschätzen, übermäßig ernst nehmen und ihre Bekanntheit nutzen um bei jeder Gelegenheit prätentiösen Schrott senden. (siehe „Was ist prätentiös? I“)
  • mehr unter „Some things you never get used to…“

 

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