II/x Kein Bestandteil sein 1

– Hallo Endi.

– Hi Fog.

– Bist Du jetzt berühmt?

– Was meinst Du?

– Ich habe das zweite Mal Deinen Namen in der Zeitung gelesen. Na ja, nicht wirklich Deinen Namen aber einen Artikel zu Tod und Verderben.

Ich war wirklich beeindruckt. Der erste Artikel war im Lokalblättchen der Stadt im Norden. Der andere war jedoch eine halbe Seite mit Bild in der taz. Ich konnte dem theoretischen Blabla nicht ganz folgen. Auf jeden Fall wurden Konzept und Umsetzung sehr gelobt. Der Autor des Artikels verwendete Attribute wie „relevant“ und „zeitgemäß“. Besonders beeindruckt war ich von der Formulierung „ein Vakuum in der Kunstlandschaft wurde gefüllt“. Das war doch genau Endis Triebfeder die Ausstellung zu machen. Endi hatte mir vor einiger Zeit von der Entstehung des Namens „Endi“ erzählt. Der Cordelius hatte Andreas Warhold auf einer Party spontan porträtiert und ein passendes Gedicht dazu improvisiert. Es kam irgendwas mit „… da kippte irgendwo irgendwann ein Vaku um …“ vor. Endi war von der spontanen Treffsicherheit von Cordelius betroffen. Er hatte die Leere in seinem Leben und seine Sehnsucht nach Inhalt auf den ersten Blick erkannt und in der Zeichnung und dem Gedicht in Minuten in Kunst umgewandelt. Ich glaube das Verhältnis zwischen den beiden ist heute nicht mehr gut, dieses Ereignis damals war für Endi jedoch eine wichtige Erfahrung. Ich denke er hatte vorher noch nie ein so präzises Spiegelbild von sich und seiner Lebenssituation erblickt.

– Und, was stand drin?

– Hör doch auf. Du liest doch mit Sicherheit jeden Buchstaben.

– Stimmt. Aber trotzdem, was stand drin?

– Du Arsch. Möchtest Du jetzt von Deinem Plattenhändler die Lobeshymnen aus der Zeitung hören?

– Da hätte ich nichts dagegen einzuwenden.

– Vergiss es. Mich freut dein Erfolg aber sehr. Wie geht es Dir damit?

– Na ja. Super!

Endi war schon seit einigen Wochen nicht mehr im Spektrum gewesen. Ich hatte ihn einmal mit einer Art Delegation in den Sternetempel der Stadt im Norden gehen sehen. Frauen mit symmetrischen Ponyfrisuren, Männer mit schwarzen Rollkragenpullis flankiert von Reportern und Kameraleuten. Ein anderes Mal hetzte er an einem Sonntagabend zufällig mit Rollkoffer auf dem Weg zum Bahnhof an mir vorbei. Offenkundig war die Tod und Verderben-Ausstellung wirklich ein Treffer.

– Bist Du jetzt Bestandteil?

– „Will will kein Bestandteil sein! grölte Endi, Blixa hat immer noch recht. Ich bin mir aber nicht mehr ganz so sicher ob ich immer noch kein Bestandteil sein möchte. Man wird ja nicht jünger. Was sich früher wie Freiheit anfühlte, hat heute manchmal etwas von Einsamkeit.

Als wir uns in den Neunzigern kennen lernten waren die Einstürzenden Neubauten unser erster gemeinsamer Anknüpfungspunkt. Blixas Credo „Kein Bestandteil sein“ war unser erstes Gebot. Unser zweites Gebot kam von Groucho Marx, übermittelt durch Woody Allen in Die Stadtneurotiker: „Ich möchte nicht Mitglied eines Vereins sein, der Menschen wie mich aufnimmt.“ Über die Jahre hatte ich zunehmend den Eindruck, dass für Endi diese Gebote nicht mehr galten. So richtig gut ging es ihm immer dann, wenn er soziale Bestätigung erfuhr. Beispielsweise war er auf lächerliche Weise euphorisch wenn er zu irgendwelchen gesellschaftlichen Events oder auch nur der Party eines Lokalhelden eingeladen wurde. Peinlich wurde es dann, wenn er tagelang im Vorfeld davon faselte, er würde zu dem Dreck natürlich nicht hingehen. Wenn er dann doch hingegangen war, war die Party fantastisch und exzessiv gewesen, die Gäste waren glamourös und die Frauen wunderschön. Die Arschlochzüge seines Charakters würden durch den Erfolg sicher nicht abnehmen. So sehr ich Endis Bekanntschaft schätzte, manchmal war er wirklich zum kotzen. Wenn ich über Endi und mich nachdachte, fragte ich mich regelmäßig was die Grenze zwischen Bekanntschaft und Freundschaft ausmacht, und ob wir diese überschritten hatten.

– Na dann ist ja gut. Dafür warst Du aber schon lange nicht mehr im Spektrum. Keine Zeit mehr vor lauter Erfolg?

– Das hat damit nichts zu tun. Wir sind noch mitten in der PR-Phase für Tod und Verderben und ich hetze von einem beschissenen Termin zum nächsten. Kannst du dir vorstellen wie interessant ein zweitägiges Symposium in Hildesheim zur Didaktik moderner Ausstellungskonzepte in mittleren Häusern des Nordens, veranstaltet vom niedersächsischen Ministerium für Kultur und Wissenschaft ist? Selbst wenn ich Bestandteil dieses Clubs wäre, gegen die Entfremdung würde das bisschen Aufmerksamkeit sicher nicht helfen.

Die Ausstellung wirklich realisiert zu haben ist natürlich ein gutes Gefühl. Es ist schön von einem Interview zum nächsten Empfang zu pendeln und dabei zunehmend von den Honoratioren erkannt zu werden. Es fühlt sich gut an, nicht nur der Hiwi aus dem Provinzmuseum zu sein wenn ich mit Maryam zusammen bin. Es ist aber trotzdem nicht alles pretty. Das Vakuum ist immer noch da. Nun kommt zunehmend das Gefühl dazu, niemals die Füllung zu erreichen. Mir geht die Phantasie für weitere Versuche aus. Völlig Freiheit und Ungebundenheit sind es nicht. Drogen und Alkohol sind es nicht. Erfolg und Anerkennung sind es nicht. Eine fantastische Frau an meiner Seite ist es nicht.

Reichtum als Pol sozialer Anziehung und Erfüllung für mein klägliches Dasein scheidet nach meinen Tagen bei Zest in Düsseldorf als Alternative leider auch aus. Habe ich Dir davon eigentlich mal erzählt?, war seine Antwort.

– Nein, ich weiß nur aus der Presse, dass die Frau von dem Zest sich das Leben genommen hat.

– Stimmt. Und zwar genau zu dem Zeitpunkt als ich in Düsseldorf war um die Dix-Bilder für die Ausstellung von Zest zu bekommen. Die beiden Sterne der Boheme hatten sich über Jahr eine Ehehölle, getränkt von Alkohol und gepudert mit Drogen geschaffen. Ich weiß nicht ob es wirklich stimmt, aber Gunter Zest hat mir gegenüber gesagt, der Auslöser für den Selbstmord von Elly Zest wäre unser Abend in Düsseldorf gewesen, an dem wir sie nicht mitgenommen haben.

– Scheisse. Und wie geht es Dir damit?

– Ich habe mit den Menschen nicht wirklich etwas zu tun. Zest ist ein riesiges Arschloch und seine Frau war eine alternde, unglückliche und drogenverseuchte Diva. Da halten sich meine Gewissensbisse in Grenzen. Außerdem stimmt es nicht was ich eben gesagt habe. Nicht „wir“ haben sie nicht mitgenommen sondern „er“ hat sie nicht mitgenommen. Aber so zynisch sich das auch darstellt; vor dem Hintergrund dieser Geschichte sind die Bilder von Dix´ Tod und Auferstehungszyklus ein Magnet der Ausstellung. Ohne diese Geschichte wären die Bilder hinter dem schillernden Inferno oder den Gericaults kaum beachtet worden.

– Wie hat die Zest sich eigentlich das Leben genommen? Ich hoffe sie hat nicht versucht die Dix-Bilder nachzustellen?

Obwohl ich mich kaum für Literatur interessiere hatte ich mir aus Verbundenheit zu Endi die Ausstellung angeschaut und war schwer von den blutigen Schlachtfeldern kranker Lustmordphantasien von Dix beeindruckt gewesen.

– Nein. Sie hat die naheliegende Methode gewählt. Ein Cocktail aus Kokain, Schmerz- und Schlaftabletten in einem See von Wodka. Na ja, wie gesagt, Reichtum verschafft den Menschen auch kein Gefühl der Zugehörigkeit. Vielleicht sollte ich mir doch einmal so etwas wie Freunde zulegen. Oder nach Mitgliedern meiner sicher sehr zahlreichen Familie suchen. Oder eine Religion ausprobieren?

– Damit brauchst Du jetzt auch nicht mehr anfangen. Ich glaube Dir geht es mit Dir selber als liebster Gesellschaft und ab und zu einer Frau an deiner Seite ganz gut. Also: „Kein Bestandteil sein!“ bleibt unser Imperativ!

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