II/x Kein Bestandteil sein 2

– Schon gut. Vermutlich liegst Du richtig. Ich mag den Lärm übrigens nicht mehr gerne hören.

– Welchen Lärm?

– Na ja, die Neubauten, Ministry, solche Sachen eben.

– Wie immer liegen wir auch bei dieser Ansicht weit auseinander. Ich warte auf den Tag, an dem wir erkennen, dass wir uns eigentlich hassen.

Es stimmte wirklich. Für meine Ohren konnte es momentan gar nicht laut genug sein. Die frühen Lärmorgien der Neubauten wie Halber Mensch oder Zeichnungen des Patienten O.T., der Trommelfell zerschmetternde Krach der Swans und die lauten Phasen von King Crimson bescherten mir bei hohem Lautstärkepegel Momente der Fokussierung und der Konzentration. Ich konnte sehr gut die kathartische Wirkung von gleichmäßiger Lärmbeschallung am eigenen Körper erleben und ertragen. Ich liebte den Moment, wenn die Musik laut und intensiv wird und der ganze Körper zum Hörorgan wird.

– Irgendwie hasse ich dich jetzt schon. Ich kann auch Musik mit vertikalen Rhythmen nicht mehr hören. St. Vincent, die gerade läuft geht mir echt auf den Sender. Cheerleader ist ein tolles Stück, aber ich merke wie sich meine Nerven straffen.

Wahrscheinlich war unser Verhältnis keine Bekanntschaft mehr sondern hatte sich inzwischen zur Freundschaft entwickelt. Aus einer Bekanntschaft heraus wäre der Wechsel zu Hass schwer vorstellbar.

– Was möchtest Du hören?

– Hast Du The Ship von Brian Eno da?

– Klar, hab ich aber noch nie gehört.

– Dann leg I´m set free auf.

Bei den ersten Tönen merkte ich, dass Endi mal wieder ein verstecktes Kleinod entdeckt hatte. Eno-Scheiben wurden von mir normalerweise unter Prog abgestellt und dann bis sie verkauft wurden nicht mehr beachtet. Bei diesem Stück handelte es sich jedoch um eine majestätisch beschwingte Cover-Version des Klassikers der Velvet Underground. Ich konnte nicht anders als meine Anerkennung auszudrücken:

– Stark!

– Logisch. Wie alles von Eno. Überhaupt ist Ambient gerade meine Musik. Fließende Strukturen, wenn überhaupt nur horizontale Rhythmen – das ist Balsam für meinen Schädel.

– Langweilig und eindimensional.

– Scheiße, antwortete Endi. Überhaupt nicht eindimensional. Es wimmelt nur so von Ambient Subgenres.

Ich war mir nicht sicher ob ich heute in der Stimmung für eine Vorlesung in Sachen Popkultur von Endi war. Mir fiel aber nicht schnell genug ein Ausweg ein um die drohende Gefahr abzuwenden, denn Endi legte schon los.

– Den meisten deiner mittelmäßigen Kunden fällt zu Ambient vermutlich nur Eno und Prog ein. Klar, er ist der Großmeister, hat das Manifest verfasst und ist auch sonst der Größte. Irgendwann in den Siebzigern muss er wohl viel auf Flughäfen unterwegs gewesen sein. Ihm ging der belanglose Muzak auf den Geist, der dort regelmäßig aus allen Lautsprechern plätscherte um die Fluggäste unterschwellig zu sedieren, damit sie braves Flugvolk sind und sich an alle Anweisungen des Bodenpersonals halten. Er hatte die Idee, Musik für verschiedene Umgebungssituationen, angefangen beim Flughafen, zu erschaffen die „as ignorable as interesting“ sein sollte. Also Musik die den Menschen wie gute Architektur umgibt. In Momenten der Ruhe bleibt der Blick an interessanten Details hängen, ohne jedoch aufdringlich zu sein und die eigentliche Funktion zu verwischen. Er war damit aber weder der Erste noch der Einzige. Schon mal was von Erik Satie gehört?

– Verschone mich.

Die Antwort war nur der Erwartungshaltung Endis an unsere üblichen Gesprächsrituale geschuldet. Ich fand seine Ausführungen inzwischen wirklich interessant.

– Zu spät. Ich kann dich jetzt nicht mehr in deiner Ahnungslosigkeit leiden lassen. Erik Satie war ein seltsamer Vogel der sich in obskuren Sekten rumgetrieben hat und mehr als sechzig Jahre vor Eno den Begriff der „Musique d´ameublement“ prägte. Er hat dazu die passende Musik komponiert. Weite, flächige Klaviermusik mit minimalen Melodien die man erst gar nicht wahrnimmt, dann aber nie wieder vergisst. Besonders, seit seine Gymnopädien in der Fernsehwerbung mehrfach vergewaltigt wurden. Für mich ist das Enos schwarzer Fleck. Er hat sich nie auf Satie bezogen, ich bin mir aber sicher, dass seine Idee zum Ambient zu großen Anteilen von Saties Musik der Einrichtungsgegenstände abgeschaut ist. Mit einem weiteren Vorfahren seiner Ideen hat er später zusammengearbeitet. Cluster hat, als sie noch Kluster hießen, schon neunzehnhundertundsiebzig Ambient-Scheiben produziert. Tief in der Düsseldorfer Schule von Beuys und Stockhausen verhaftet haben Moebius, Roedlius und Schnitzler „Universalklänge“ erschaffen, die freie Assoziierungsmöglichkeiten bieten sollten. Musikalisch war das eine Mischung aus Musique Concrete unter Vorwegnahme der Maschinenmusik der Neubauten, angereichert mit Agitprop-Parolen:

„Ich bekenne mich schuldig der Anstiftung zum Frieden.

Ich bekenne mich schuldig des Fluchtversuchs aus dem Mittelalter.

Ich bekenne mich schuldig der Begünstigung des Fortschritts.“

– Ich glaube die Scheibe habe ich da.

Hatte ich tatsächlich. Es war inzwischen zwei Uhr und im Laden war nur noch ein Stammgast. Da konnte ich so was schon mal auflegen. Vor dem Hintergrund echolastiger, transformierter und manipulierter Klänge einer konventionellen Bandbesetzung mit Schlagzeug, Klavier und elektrischer Gitarre schallten Parolen durchs Spektrum:

„Unsere Bildung heißt Vermögensbildung.

Unser Verständnis heißt Einverständnis.

Unser Fall ist ein Ernstfall.

Unsere Kraft heißt Kaufkraft.

Unsere Moral heißt Arbeitsmoral.“

– Schon mal was von Akzelerationismus gehört?.

Damit konnte ich mit Sicherheit punkten.

– Nö.

– Der Merve Verlag hat das Manifest des „Accelerism“ zweier junger, der Ocupy-Bewegung nahestehenden aber deren primitivistischen Thesen ablehnenden Doktoranden aus London veröffentlichet. Der Kapitalismus wird durch die Beschleunigung kapitalistischer Mechanismen zerstört. Die Tagesbefehle lauten „mit dem Staat gegen den Staat“ und „dabei und dagegen“.

– Da bin ich dabei. Liberalisieren bis alles zusammenbricht. Das hätten den Typen von Kluster gefallen. Wie auch immer – Eno kam nicht aus dem luftleeren Raum. Als er dann auf der Reise nach Berlin war um mit Bowie die Ambient-Plattenseite von „Low“ aufzunehmen, hat er kurzerhand im Weserbergland auf dem Austeigerbauernhof von Roedelius und Moebius Station gemacht und die phantastischen Sessions, die unter dem Titel Harmonia & Eno `76 erschienen sind, aufgenommen. Vamos Companeros würde sich nahtlos in die zweite Seite von Low einfügen. Und danach kippte die Bilanz des Meisters von Musikern die ihn beeinflusst haben, hin zu Musikern die er beeinflusst hat. Sylvian und Czukay aus dem New Romantic, die Cocteau Twins aus dem Gothic, Aphex Twin aus dem Techno und The Orb aus der Rave-Szene.

– Und Ry Cooder aus dem Country.

– Quatsch.

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