Dekonstruktion

An diesem vierten Oktober war ungewöhnlich viel los im Spektrum. Normalerweise ist der Handel mit Schallplatten immun gegen saisonale Schwankungen, Urlaubszeiten oder Feiertage. Gemeinhin sind Plattensammler Kunden mit sehr gleichförmigen Gewohnheiten. Anscheinend brachte der in den letzten Monaten von den Medien befeuerte Hype um die gute alte Vinyl-Scheibe eine Veränderung der Stammklientel des Spektrums mit sich. Daher war ich überrascht Endi im Laden zu sehen ohne sein Eintreten bemerkt zu haben.

Seit er auf der documenta war, hatte ich ihn nur einmal kurz direkt am Tag nach seiner Rückkehr getroffen. Er war unterwegs ins Museum als er mir im Schlosspark über den Weg lief. Ich bin nicht sonderlich interessiert an seinem pseudowissenschaftlichen Ausführungen und so versuchte ich vor den drohenden Ausführungen zu diesem Sommerfest für Intellektuelle hinter einer Trauerweide in Deckung zu gehen. Ich betrachtete Endi schon als einen Freund, ausserhalb des Spektrums traf ich ihn jedoch eher ungern. Im Spektrum waren wir sozusagen auf sicherem Terrain, unsere Gespräche drehten sich fast ausschließlich um Musik. Und sollten sie doch einmal unerwünschte Wendungen nehmen, war es ein Leichtes mit einer Bemerkung über eine starke Neuerscheinung wieder zu unserem kleinsten gemeinsamen Nenner zurückzufinden.

Endi endeckte mich trotzdem und schaute mich für einen kurzen Moment seltsam an, so als ob er bemerkt hatte, dass ich ihm aus dem Weg zu gehen versuchte. Dann schien er seine Bedenken wegzuwischen und kam ungewohnt überschwänglich auf mich zu, umarmte mich und sagte, wie sehr er sich freue mich zu treffen, es wäre in letzter Zeit so viel geschehen. Er erzählte in einem hastigen Wortschwall von einer seltsamen Begegnung in einem unansehnlichen Chinarestaurant in Kassel mit einem spanischen Schriftsteller.  Er war sozusagen zu einem Teil eines documenta-Kunstwerks geworden. Anschließend erzählte er noch von seinem Treffen mit Claire.

Ich hatte Claire einmal zufällig vor Jahren mit Endi getroffen, als sie zu Besuch in der Stadt im Norden war. Er hatte sein Studium geschmissen, sein Alter wollte ihn enterben oder mindestens aus der Villa schmeißen und Claire reiste aus Frankreich an wie ein rettender Engel. Nicht das ich viel von der Aktion mitbekommen hätte, auf jeden Fall war Endi nach dem Eingreifen von Claire viel entspannter, beinahe glücklich.

Bis dahin hatte ich Endi nur ein paar Mal über seine Familiengeschichte reden hören. An einen frühen Sonntag Morgen nach zwei durchsoffenen Nächten auf den Eingangsstufen des einzigen Nachtcafés der Stadt im Norden hatte er das seltene Bedürfnis etwas über sich zu berichten. Normalerweise war Endi eine Mensch, der wenig von seine persönlichen Angelegenheit preisgab, zumindest mir gegenüber.

Er erzählte von einer japanischen Mutter die noch lebte, ihn aber aus geheimnisumwobenen Gründen nicht treffen konnte. Sozusagen über eine ferngesteuerte Freundin aus Frankreich trat sie jedoch regelmäßig in Kontakt mit ihm. Als Endi von seiner Mutter sprach, merkte man ihm eine über einen langen Zeitraum gewachsene Sehnsucht an. In seinem alkoholgetränkten Mitteilungsbedürfnis steigerte er sich in die Glorifizierung seiner Mutter als eine Art fernöstlich spirituellem Wesen hinein. Natürlich habe ich versucht seinen plötzlichen Enthusiasmus lächerlich zu machen, merkte aber schnell damit einen wunden Punkt getroffen zu haben.

Ehrlich gesagt war ich zu der Zeit nicht sicher, ob Endi seine geheimnisvolle japanische Mutter und die französische Ersatzmutter nicht nur erfunden hatte, um bei den Mädchen im Synthetik, dem Laden in dem wir damals meistens rumhingen, Eindruck zu machen. Irgendeine Erklärung für seine asiatischen Gesichtszüge mußte es ja geben und die Geschichte war auf jeden Fall glamouröser als die naheliegende Vermutung, Endi sein ein adoptiertes vietnamesisches Flüchtlingskind. Diese Claire machte auf jeden Fall schwer Eindruck auf mich. Ich war noch nie in Frankreich gewesen und dachte, solche Frauen gäbe es nur in den durchgeknallten französischen Filmen von Godard und Truffaut und Konsorten.

Dann erzählte er noch eine seltsame Geschichte von einem Perversen, der ihn in den Tagen der documenta in Kassel verfolgt hätte und der bei einem Unglück mit einem Straßenfertiger ums Leben gekommen wäre. Endi sagte, er würde das Gefühl nicht los, der Unfall habe etwas zu bedeuten und der Mann hätte ihm etwas mitteilen wollen.

Endi wirkte sehr verwirrt, als er von den Vorfällen berichtete und ich war mir zwischenzeitlich nicht sicher, ob er nicht einfach nur einen Drogentrip nach Kassel ausgedehnt hatte und aus diesem Grund völlig durch den Wind war. Als ich dann noch fragte, ob er von Claire Neuigkeiten von seiner japanischen Mutter erfahren hatte, wurde er abrupt sehr einsilbig und mußte auf einmal dringend weiter.

Ich hatte mir richtig Sorgen um ihn gemacht und war daher froh ihn nun aufgeräumt und munter im Spektrum zu sehen. Er war im Gespräch mit Diederichsen. Diederichsen hieß nicht wirklich Diederichsen. Er wurde nur so genannt weil er bei jeder Gelegenheit tiefschürfende Gespräch über die Poptheorie führte, eben wie der berühmte Diedrich Diederichsen von der Spex. Seinen richtigen Namen kannte ich nicht.

Diederichsen war irgendwie seltsam und man merkte ihm an, dass er einen permanenten Kampf um sozialen Anschluss führte. Er nutzte die kulturellen Events der Stadt als eine Art Schutzraum. Es gab kein Konzert, keine Filmfestival, keine Eröffnung  in der Stadt auf der Diederichsen nicht anzutreffen gewesen wäre. Er erschien grundsätzlich alleine, immer mit Ringelpulli und einer mehrere Nummern zu großer Lederjacke, war dann aber binnen Minuten mit den jeweiligen Organisatoren der Veranstaltung in Gespräche vertieft.

Als die beiden bemerkten wie ich sie beobachtete, kamen sie an meinen Verkaufstresen.

– Hast du die neue von We stood like kings?

– Von wem?

– We stood like kings. Tolle Postrock-Combo aus Brüssel. Waren gestern in der Kulturhalle und haben ihren Soundtrack zu Kooyanisqatsi als Alternative zu dem von Philipp Glass live zum besten gegeben.

Ich schaute Diederichsen belustigt an.

– Nein, schade, du kommst zu spät. Ich hatte mir extra fünfzig Expemplare aufs Lager gelegt, alle weg.

– Echt?

– Natürlich nicht.

Endi mischte sich ein.

– Banause. War wirklich ein großartiger Abend. Ich war anfangs auch skeptisch. Eine Band die als Einflüsse Pink Floyd, Mogwai und Chopin nennt in Verbindung mit einem Kunstfilm ohne Dialoge, das kann nach hinten losgehen. Ist es aber nicht. Die Verbindung der eindrucksvollen Bilder der radikalen Eroberung der Natur durch den Menschen mit der ultraengagierten Musik von We stood like Kings hat toll funktioniert.

– Finde ich auch, meldete sich Diederichsen zu Wort. Wir haben gestern ein poststrukturalistisches Gesamtkunstwerk erlebt.

– Habt ihr?

– Haben wir, sprang ihm Endi zur Seite. So wie sich bei Derrida der Begriff „Frau“ von dem Ding „Frau“ löst und die Beziehung zwischen dem Ding und dem Begriff sich aus keiner aussersprachlichen Notwendigkeit ergibt und somit beliebig ist, so hat sich gestern Abend der Begriff „Rockkonzert“ und „Filmvorführung“ von der gebräuchlichen Bedeutungsebene getrennt und etwas Neues ergeben, für das es so noch keinen Begriff gibt.

Nun schaute selbst Diederichsen skeptisch aber Endi war nicht mehr zu stoppen.

– Erst schaust du die Band an, dann Natursequenzen von Koyaanisqatsi und dann wieder die Band. Es war ein Abend frei von Bedeutungsüberlagerung – sowohl der Musik als auch des Films. Es ist sozusagen etwas neues, reines, noch von keinen falschen Interpretationen überlagertes entstanden.

– Komm mal wieder runter. Das war nicht das erste Mal, dass eine Rockband live zu einem Film gespielt hat, erwiderte Diederichsen. Ich habe den Film gestern das zweite Mal gesehen. Bei diesem Durchgang fand ich die Sequenzen mit den Übergriffen der Zivilisation in die Natur ästhetischer, als die langsamen Bilder  von Wellen und Wüsten zum Anfang des Films.

– Ging mir genauso. Gigantische Maschinen und Sprengungen von Hochhäusern haben mich immer schon fasziniert. Allerdings war die Band mit der etwas spießigen Pianisten zwar charmant, kam hinsichtlich der Wirkung der Musik aber nicht an den Original-Score von Philipp Glass heran. Besonders die lyrischen Pianoparts waren teilweise zu lang.

Diederichsen schaute die beiden mit seinen leichten Silberblick an.

– Genau. Ich kann momentan sowieso nur mit poststrukturalistischen Kunstwerken etwas anfangen. Ich höre seit Monaten nichts anderes als Godsped und Bark Psychosis und lese dazu Pynchon und Sorokin. Wenn die Töne der klassischen Rockmusik entweder vereinzelt dekonstruiert oder sozusagen randomisiert übereinander geschichtet werden und sich dazu scheinbar unsinnige Texte auf erstaunliche Weise zu einem Sinn zusammenfügen, finde ich tiefe Entspannung.

Auf so einen Scheiß hatte ich an diesem schönen Morgen wenig Lust.

– Faselt ihr mal schön weiter. Ich muss mich um meine Kunden kümmern.

Die beiden gaben mir nicht das Gefühl ihrer Gesprächsrunde einen Verlust zugefügt zu haben. Ich schaute noch einmal zu Endi herüber. Er sah verändert aus. Älter, aber auch zufriedener.

 

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