documenta 14 I: Kassel

In der Nacht zum Freitag konnte Endi das erste Mal seit seinem Drogenexzess wieder länger als vier Stunden schlafen. Die Drogen hatten eine emotionales Vakuum hinterlassen. So hatte er bis zwei Uhr morgens mit Claire telefoniert. Claire, die einzige emotionale Konstante in seinem Leben. Claire würde nach Kassel kommen, um auf der documenta 14 einige Leute zu treffen. Sie hatte die vage Idee mit einer Auswahl der documenta-Künstler eine Ausstellung im Musée des Beaux-Arts auf die Beine zu stellen. Schon lange erstarrte das Museum in der Konservierung der Werke der französischen Klassiker. Gericault und Monet waren für Claire immer noch ein Universum. Die Stadt und das Museum jedoch verlangten nach Erneuerung. Mit dem Label „documenta“ könnte sie dem Museum die nötige Aufmerksamkeit für einen neuen Weg in eine moderne Moderne verschaffen.

Noch während des Telefonats bemerkte er das erst Mal seit drei Tagen eine aufkommende Müdigkeit ohne die psychotischen Schattierungen und Angstgefühle, die ihn in den letzten Tagen um den Schlaf gebracht hatten.

Sie verabredeten sich für den Samstag in Kassel und noch mit dem leisen Tick der abbrechenden Verbindung im Ohr viel Endi in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Am nächsten Morgen wurde er um neun vom wütenden Geschrei einer Mönchsgrasmücke geweckt. Ganz sicher streifte die Nachbarskatze durch den Garten, was den kleinen Vogel in helle Aufregung versetzte. Endi war schon seit seiner Kindheit fasziniert von der Grazie und Vielfalt der Gartenvögel. Die Mönchsgrasmücke nahm die Rolle des Wächters und Warners für die anderen Vögel ein.  Im großen Garten der Villa seines Vaters schaute er stundenlang den mutigen Rotkehlchen zu, die dem Gärtner bei seiner Arbeit auf Schritt und Tritt folgten um die ans Tageslicht geförderten Würmer und Käfer abgreifen zu können während seine großen Schwestern lärmend ihren sportlichen Aktivitäten nachgingen. Gebannt verfolgte er über Wochen im Frühjahr die Mühe des Zaunkönigs in einem Winkel der Veranda erst ein Nest zu bauen und dann aufopferungsvoll die kleinen Zaunkönige zu füttern. Die lustigen Amseln, die sich mit ausgebreitetem Gefieder in der Abendsonne wärmten und dabei die vom Baum gefallenen Mirabellen fraßen brachten ihn zum Lachen. Der Gärtner hatte ihm gesagt, dass die Mirabellen vielleicht vergoren waren und die Amseln davon betrunken wurden. Er hatte versucht Anzeichen dafür zu finden. Er wußte wie sein Vater aussah und sich bewegte wenn er betrunken war, konnte an den Amseln aber nichts vergleichbares feststellen. Wahrscheinlich, so dachte er, können die Amseln mehr vertragen als sein Vater.

In einem Frühjahr brüteten Mönchsgrasmücken ihr Gelege im Garten seines Elternhauses aus. Das schwächste Mönchsgrasmückenküken hatte es beim Versuch, aus dem im Gebüsch verborgenen Nest seinen Geschwister bei ersten Flugversuchen zu folgen nicht geschafft, und war auf dem Rasen, gut sichtbar als Leckerbissen für alle Katzen der Nachbarschaft havariert. Unter lautem Protest der Mönchgrasmückeneltern hatte Endi das Kleine vorsichtig von der Wiese aufgenommen und in einem in einem Schuhkarton improvisierten Nest seiner ersatzvogelelterliche Liebe unterzogen. Stundenlang durchsuchte er den Garten nach allen möglichem Kleingetier und überwand mühelos seinen Ekel beim Zerteilen von Würmern und Engerlingen in schnabelgerechte Portionen. Das kleine Mönchsgrasmückenküken hielt so noch zwei Tage durch, bis es zunehmend apathischer wurde und schließlich für immer die kleinen Augen schloß. Bis zu diesem Tag in seinem achten Lebensjahr hatte die Welt Endi noch nicht mit der Sterblichkeit der Lebewesen konfrontiert. Er war zuerst völlig überrascht über den Tod des Kükens – hatte er doch diesen möglichen Ausgang seiner Bemühungen nicht als realistische Option in seine Überlegungen einbezogen. Er hatte niemandem von seinen Aufzuchtsversuchen erzählt und mußte nun zusätzlich zur Wut und Überraschung über den nicht einkalkulierten Tod auch noch den überwältigenden Schmerz und die Trauer über den Verlust und seine Unfähigkeit diesen zu verhindern alleine bewältigen.

Mit einem Erinnerungsflash an diese kindliche Episode ging Endi ins Bad und betrachtete sein graues Antlitz mit milder Sorge im Spiegel. Solange er nicht an die hinter ihm liegenden psychotischen Nächte dachte, fühlte er sich einigermaßen OK.

Mit einer ausgiebigen Zahnreinigung – Zahnseide, Zungenschaber, zwei Durchgänge mit dem langen Programm seiner Sonicare Flexcare, davon einer mit  Aronal und der andere mit seiner geliebten swiss smile snow white, danach zum Abschluss zwei ausgiebige Listerine Cool Mint Spülungen – versuchte er den hartnäckigen Geschmack unzähliger Zigaretten und einem wilden Mix unterschiedlicher Alkoholika, verstärkt durch den Wahrnehmungszoom erstklassigem Kokains und gereift durch eine Nacht tiefen, speichelflussfreien Schlafes in seinem Mund loszuwerden.

Um in zivilisierte Stimmung zu kommen legte er eine Scheibe aus seiner Liste ausgesprochener Morgenplatten auf. Um auf diese Liste zu kommen, mußte das Album clean produziert sein, am besten alltägliche Themen behandeln und vorzugsweise aus England kommen. Blurs Parklife war auf der Liste, ebenso wie The Kinks are the Village Green Perservation Society und Lloyd Coles Rattlesnakes. An diese Morgen entschied er sich für Keep Moving von Madness. Zu den Klängen von Victoria Gardens setzte er seine Menschwerdung mit einer kochendheißen Dusche fort.

„Looking listening hoping that things are changing for the better“

Erst reinigte er jede seiner Körperöffnungen ausgiebig mit der, keimfreie Sauberkeit garantierenden, Dermasence-Seife und legte dann mit Terre d´Hermès Hair & Body Duschgel für den guten Geruch nach. Der Dusche entstiegen griff er nach einem seiner üppigen Frottéhandtücher, trocknete sich gründlich ab und zog einen der Zipfel zwischen den Zehen hindurch, um die letzten Spuren von Feuchtigkeit zu entfernen. „Colin beendete seine Toilette.“, dachte er, den Eröffnungssatz des besten Romans von Boris Vian erinnernd. Buchanfänge, erste Sätze, in vielen Büchern lohnte es sich häufig nicht, nach der ersten Seite weiterzulesen. Oft konnte man schon auf der zweiten Seite das Gefälle der Sorgfalt und des Einsatzes an Schreibzeit im Gegensatz zur wichtigen Einstiegsseite erkennen. In seiner Wohnung standen stapelweise Bücher die sein Interesse nicht über die ersten zwanzig Seiten hinaus zu fesseln vermochten. Dem ersten Satz von Vians „Die Gischt der Tage“ folgten allerdings viele weitere geschliffene Kleinode und mit Colin hatte der Autor es vollbracht nicht nur Literatur zu erschaffen, sondern einen echten Menschen zu kreieren. Für Endi waren manche literarische Figuren reale Lebensbegleiter. Ein Leben ohne die mikroskopischen Beobachtungen Leopold Blooms, ohne die souveräne Nüchternheit Walter Fabers oder die naiv-präzise Weltsicht aus der Perspektive des geistig behinderten Benjamin Compsons konnte er sich genau so wenig vorstellen wie den Verlust von Fog oder Nadine.

Deutlich seltener als Bücher mit fantastischen Anfängen, waren Bücher mit letzten Sätzen, die im Gedächtnis haften bleiben. Wer kannte nicht Tolstois glückliche Familien die sich in ihrem Glück ähneln und ihre unglücklichen Counterparts die in ihrem Unglück ganz individuell waren oder den ersten Satz von Kafkas Prozess der im Grunde bereits die gesamte Geschichte enthält:

„Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“

Alles was diesem ersten Satz folgt, ist im Grunde nur eine Ausschmückung der grundlosen Verhaftung und schließlich Verurteilung von Franz Kafkas Helden.

Wie auch Vians` Colin observierte er nun im Vergrößerungsspiegel die Gegend um seine Nase auf der Suche nach Mitessern. Glücklicherweise konnte er im Gegensatz zu Colin keine entdecken die dann auch nicht angesichts des Anblicks ihrer eigenen Hässlichkeit im Spiegel „schnurstracks wieder unter die Haut“ kriechen konnten.

Nun schon nahe an seiner normalen Befindlichkeit verließ er das Bad und kleidete sich mit seiner Wohlfühlkleidung für normale Tage, Jeans, Hemd und  Fred-Perry-Sneaker, an.

Nach einem Blick in den Kühlschrank entschied er sich für ein Frühstück in seinem Lieblingscafé in der Stadt im Norden. Die Stadt im Norden verfügte über ein in alten Glanzzeiten entstandenes und heute hoffnungslos überdimensioniertes Staatstheater. Das Theatercafé war sozusagen sein Frühstückszimmer. Das geschäftige aber unaufdringliche Treiben des morgendlichen Cafébetriebs war genau die richtige Dosis menschlicher Gemeinschaft die er regelmäßig brauchte um das Gefühl der sozialen Isoliertheit loszuwerden ohne gleichzeitig in echte Interaktion mit anderen Spezies seiner Gattung treten zu müssen. Mit etwas Glück wurde der vorzügliche Milchkaffee und die besten Croissants der Stadt mit dem Anblick der Mitglieder der deutlich über dem Niveau der sonstigen kulturellen Institutionen der Stadt liegenden Tanzcompanie des Theaters geadelt.

Im Café wurde er von seiner Lieblingskellnerin empfangen. Strahlendes Profilächeln, hochgesteckte Haare, spitze Nase, etwas propper und jederzeit Herrin der Lage. Mit lässiger Autorität beherrschte sie das Café. Sie machte nicht einen unnötigen Weg, nicht eine unnötige Handbewegung und ihr Timing für die richtige Aktion am Kunden war absolut makellos. Nie störte sie, nie war sie nicht zur Stelle wenn man einen Wunsch hatte. Natürlich glich ihr Frühstücksservice für Endi als Stammgast einem streng choreographiertem Tanz und Endi konnte sich vollkommen entspannt der Zeitung und den anderen Gästen widmen.

Er hatte tatsächlich Glück, denn im Café wimmelte es von Theaterleuten. Er wußte nicht, ob ihn die Tänzerinnen mit ihrer der eigenen Begehrenswertheit bewußten Attitüde oder die Tänzer mit ihrem androgynen Selbstbewusstsein und ihrer klinischen Körperlichkeit mehr fesselten. Voll im Trend, dachte er mit dem Blick in die Tageszeitung. In Dating-Portalen, stand dort zu lesen, fächert die Menge der Optionen bei der Angabe nach der sexuellen Orientierung immer weiter auf. Nach asexuell, demisexuell, heteroflexibel, homoflexibel und pansexuell, standen nun auch questioning und sabiosexuell zur Auswahl. Die Sabiosexualität bezeichnete die erstaunliche sexuelle Anziehung durch Intelligenz. Endi war jederzeit von Intelligenz fasziniert, er hatte allerdings noch nicht über die sexuelle Ebene dieser Faszination nachgedacht. Masturbierten diese Menschen auf Bilder von Stephen Hawking? Und mit Questioning hatte die simple Tatsache einen Begriff erhalten, dass es Menschen gibt die ihre Sexualität regelmäßig hinterfragen. Sabiosexualität als Option konnte er sich gut in Ergänzung seiner ansonsten heterosexuellen, durch ausgiebige Questioning-Sessions maximal in Richtung einer leichten Homoflexibiltät erweiterbaren sexuellen Identität vorstellen.

Nach dem Frühstück ging er in seine favorisierte Buchhandlung und erkundigte sich nach den Publikationen zur documenta14. Er war sich sicher, dass auch diese documenta von betonschweren Wälzern mit kunsttheoretischen Diskursen begleitet wurde. Den Reader, prall gefüllt mit „Essays, Allegorien, Gedichten, historischen Rechtsdokumenten und anderen, hybriden literarischen Formen“ ließ er ohne zu zögern im Regal stehen. Das Daybook schien jedoch geeignet zu sein, einen Überblick über die Ausstellung zu erhalten. Er ging zur Kasse der Buchhandlung um zu bezahlen und freute sich, als er schon von weitem seine Lieblingsbuchhändlerin sah. Er hatte sie nie ausserhalb der Buchhandlung getroffen. Er kannte ihren Namen aus den Gesprächen mit ihren Kollegen, Karen. Wie die Karen aus dem Karen von den Go-Betweens. Jedes Mal, wenn er sie nach Büchern fragte, dachte er „Helps me find Hemingway, helps me find Brecht.“

Zurück in seiner Wohnung packte er die notwendigen Reisutensilien, fuhr mit dem Taxi zum Bahnhof und nahm den nächsten Zug nach Bremen. Dort stieg er in den ICE nach Frankfurt. Wie immer auf Bahnfahrten nahm er sich vor, die Zeit zum konzentrierten Lesen zu nutzen. Stattdessen beobachtete er auch dieses Mal seine Reisegefährten.

Bis Hannover saß neben ihm ein junges Mädchen. Auf neuestem Stand der Tussi-Mode gekleidet, verschickte es im Sekundentakt mit ultraschnellen Fingern geschriebene WhatsApp-Nachrichten und versendete gerade geschossene Selfies auf Snapchat. Er war sich sicher, dass er dabei mindestens einmal mit auf das Foto gelangt war. Ich bin auf Snapchat, dachte er, wie schön.

In Hannover stieg eine Person zu, die Endis Aufmerksamkeit weckte. Wie Endi war der Mann schon von weitem am gut sichtbar getragenen documenta-Daybook als documenta-Besucher zu erkennen. Der Zugestiegene setzte sich auf den gegenüberliegenden Platz eines Vierertisches. Etwas am Aussehen des Mannes irritierte, störte ihn. Endi konnte nicht anders, als sein Gegenüber anzustarren. Er stellte fest, dass der Mann eine große Ähnlichkeit mit ihm hatte. Bei genauerer Betrachtung waren es nicht so sehr die Gesichtszüge oder die Statur, es fiel ihm eher eine vertraute Ausstrahlung auf, gleichsam die Aura des Mannes, die Endi irritierte und ihn an auf seltsame Weise an ihn selbst erinnerte.

Der Mann schien die aufmerksame Begutachtung durch Endi nicht zu bemerken. Nachdem er sich eingerichtet hatte, blätterte er zunehmend lustlos im Daybook herum und nahm dann nach weniger als zehn Minuten ein Geo-Magazin zur Hand. Ein Artikel zu einem afrikanischen Volksstamm gefiel ihm wohl besonders gut. Bei der Betrachtung der groß gewachsenen Krieger die mit weit aufgerissenen Augen und gefletschten Zähne ihren Imponiertanz aufführten blieb er lange hängen. Er nestelte dann umständlich sein iPad aus der Reisetasche, stellte routiniert eine Verbindung zum ICE-Wlan her und begann nach weiteren Fotos von Stammeskriegern zu suchen. Es dauerte nur wenige Klicks bis er auf einer Schwulenpornoseite gelandet war. Ohne irgendwelche Anzeichen von Unbehagen betrachtete er erst Bilder, danach Videos – allerdings nur kurz, da diese angesichts der schwankenden Bandbreite im Zug ordentlich ruckelten – von dunkelhäutigen Männern mit teilweise enorm langen Penissen. Erstaunt stellte Endi fest, dass er davon berührt war, seinem auralen Ebenbild bei der Betrachtung von Penissen zuzuschauen. Penismann, dachte Endi. Als eine ältere Dame Anstalten machte sich zu ihnen an den Tisch zu setzen, hatte er den Reflex ihr mit einer Ausrede den Platz zu verwehren. Als die Dame dann saß und ohne irgendeine erkennbare Reaktion dem Penismann über die Schulter schaute, verstärkte sich sein Unwohlsein.

Unter seiner Fähigkeit zum Fremdschämen hatte er früher gelitten. Es brauchte nur jemand zotige Witze zu reißen oder auf plumpe Art die Bedienung im Synthetik anzumachen und Endi wäre vor Scham beinahe im Erdboden versunken. Fast immer stellte er dann erstaunt fest, dass die Szene dank seiner Feinfühligkeit dann tatsächlich für alle Beteiligten unangenehm wurde – allerdings mit ihm selber als Quelle der Peinlichkeit. Zurück blieben nach einer solchen Situation eine mitleidig schauende Bedienung, ein verärgerter Freund und ein gedemütigter Endi. Es gab Zeiten, als die Versuche dieses Syndrom zu vermeiden seinen Bekanntenkreis auf wenige Menschen mit den gleichen hohen Ansprüchen an Benehmen und Distanz einschränkten.

Einen Moment wie diesen, hatte er schon lange nicht mehr erlebt.

Kurz vor Kassel verstaute der Mann sein iPad und nahm das Daybook wieder zur Hand. Sie stiegen gemeinsam am Bahnhof Wilhelmshöhe aus und der Mann nickte Endi mit Verschwörermiene zu. Endi blickte dem Mann nach, wie er sich ruhigen Schrittes vom Bahnhof entfernte.

In Kassel angekommen ließ er sich mit dem Taxi zum Friedrichsplatz fahren. Von weitem schon sah er Daniel Knorrs Rauch aus dem Turm des Fridericianums aufsteigen. Expiration Movement. In der Mitte des Platzes thronte Der Parthenon der Bücher der Argentinierin Marta Minujín. Endi, der wenig mit politischer Kunst anfangen konnte, dachte beim ersten Blick auf das Werk: Wie banal!

Ohne auf die weiteren Exponate auf dem großen Platz zu achten, ging er in ein Café um auf Claire zu warten. Sie hatte ihm gesagt, er müsse sich um Eintrittskarten und Hotelzimmer nicht kümmern. Zur Not könne er in ihrem Doppelzimmer schlafen. Beim Gedanke daran mußte er einen leichten Schauer der Erregung unterdrücken. Claire Cavelier war in ihren späten Fünfzigern eine anziehende Frau. Für Endi war sie der Inbegriff der grazilen und komplizierten Französin. Ihre roten Haaren, die weiße, nahezu durchsichtige Haut und ihr unterkühlter Blick übten eine starke Anziehungskraft aus.

Der Reiz des Gedankens an eine Nacht im Doppelbett eines gemeinsamen Hotelzimmers wurde von der Mutter-Sohn-ähnlichen Beziehung zwischen ihnen noch verstärkt. Natürlich waren sie nicht verwandt. Auf psychologischer Ebene jedoch war Claire für Endi als einziges Bindeglied zu seiner leiblichen Mutter immer eine Art von Ersatzmutter gewesen. Er hatte noch nie mit echter Mutterliebe geliebt und auch die Liebe seiner leiblichen Mutter Maruko spürte er nur indirekt über das vertraute Verhältnis zwischen  ihr und Claire.

Er vermutete jedoch, dass seine Gefühle Claire gegenüber dieser Sehnsucht am nächsten kamen und somit seine einzige Chance auf ödipale Erfahrungen waren – mit dem charmanten Aspekt, diese Erfahrungen völlig legal ausleben zu können. Die kleinen Wellen seines iPhones verscheuchten diese angenehm verstörenden Gedanken. Claire rief an, um ihm mitzuteilen, dass sie pünktlich eintreffen würde und um achtzehn Uhr an der Neuen Galerie sei. Sie würden dort Maria Boston treffen, die schon Chus Martínez bei der Kuration der documenta 13 unterstützt hatte und diese Dienste nun auch für Adam Szymczyk verrichtete. Später würden sie noch zwei Künstler treffen und Claire würde sich freuen falls Endi dazukäme. Vor gar nicht allzu langer Zeit hätte Endi eine solche Einladung aus Scham über seine eigene mindere Rolle im Kulturbetrieb unter einem Vorwand abgelehnt. Mit dem Erfolg von Tod und Verderben im Rücken sagte er jedoch ohne weiteres Nachdenken zu. Insgeheim hielt er es durchaus für möglich, dass eine der Personen die er später treffen würde wenn nicht von seinem Namen, so doch zumindest von seiner Ausstellung schon einmal etwas gehört hatte.

Vorbei an dem wunderschönen Gebäude der AOK-Verwaltung aus der Epoche der Wirtschaftswunder-Architektur ging er zum Treffpunkt. Als er an der Neuen Galerie eintraf, hatten sich die meisten documenta-Besucher mit ihren Stadtplänen und Regenschirmen bereits in die umliegenden Restaurants und Bars verteilt. Schon von weitem sah er die zierliche Person der Claire Cavelier auf den Stufen zur Neuen Galerie, eine Vogue Super Slim zwischen gespreiztem Zeige- und Mittelfinger der linken Hand, im Gespräch mit einer mindestens einen Kopf größeren Frau. Diese war nach dem prototypischen „Starke Frau im Kunstbetrieb“-Style gekleidet – glatter, schwarzer Bubikopf, schwarze Leinenhose mit Kordel bis unter die Achselhöhlen, eng anliegender, schwarz-weiß gestreifter Pullover und Brille mit einem extrem breitem, schwarzem Horngestell. Claire hingegen war, wie nicht anders zu erwarten, mit einem rotglänzenden Seidenanzug zu einem schwarzen Trench perfekt gekleidet.

Als Claire ihn sah, produzierten ihre Gesichtsmuskeln unverzüglich ein warmes Willkommenslächeln für den Adoptivsohn. Er kannte keinen anderen Menschen, dessen Mimik in der Normalstellung derart ausdruckslos war, bei Bedarf jedoch jede Emotionen wie auf Knopfdruck absolut präzise abrufen konnte. Diesen Blick, diese Wärme hatte er vermißt. Sie hatten sich seit mindestens drei Jahren nicht gesehen.

Als er auf Claire zuging, sah er aus dem Augenwinkel wie sie von dem Penisliebhaber aus dem Zug beobachtet wurden. Als Endi zu dem Mann hinüberblickte, senkte dieser den Blick und verließ den Eingangsbereich zur Neuen Galerie.

– Endi, wie schön dich zu sehen.

– Claire.

Claire fühlte sich bei der Umarmung zum Willkommen grazil und zart an. Endi spürte gleichzeitig die Energie, die in dieser Frau steckte.

– Wie lange haben wir uns nicht gesehen? Ich glaube, seitdem du mich vor drei Jahren mit Nadine in Rouen besucht hast, nicht mehr. Du bist älter geworden. Du siehst aus wie ein Mann.

– Und du siehst immer noch aus wie ein Mädchen. Allerdings wie eines, dass weiß was es will.

Er sah sie an und erblickte die Frau mit dem größtmöglichen Potential an Sophistication. In der überkandidelten Modebeilage zur Wochend-FAZ hatte er eine Bilderstrecke über den Chic der Ministerinnen des Kabinetts Macron gesehen. Er bewunderte die Fähigkeit der Franzosen ihre Eliten für ihre Eleganz und Lebensart zu feiern. In Deutschland verringerten Geschmack und gutes Aussehen – gerade bei weiblichen Politikerinnen – die Chancen an die Schaltstellen der Macht zu gelangen. Eine Politikerin mit Potential für Eleganz wie Manuela Schwesig kopierte zunehmend den MeckPom-Chic um von ihrem Wahlvolk geliebt zu werde. Katarina Barley, vermutlich die deutsche Politikerin mit dem besten Stil, hatte nicht zuletzt aufgrund ihres Erscheinungsbildes mit dem Ruf schwer zu bändigender Zickigkeit zu kämpfen.

Claire hätte die Riege der Macron-Ministerinnen in ihrem roten Hosenanzug ohne Probleme anführen können. Ihm kam Bryan Ferry als nahezu einziges Role Model mit der Chance an ihrer Seite als ebenbürtiger Partner bestehen zu können in den Sinn. Vermutlich hatte sie aus diesem Grund noch nicht die Erfahrung einer festen Beziehung gemacht.

– Endi, darf ich dir Maria Boston vorstellen.

Mit gefrorenem Lächeln wandte sich Maria Boston an Endi.

– Claire hat mir erzählt, sie seien der Kurator von Tod und Verderben? Ich habe von Ihrer Ausstellung gehört. Nicht gerade Avantgarde aber sie hatten ja schließlich großen Erfolg.

Endi spürte die Wellen arroganter Überlegenheit die von Maria Boston ausgingen. Sein Selbstbewußtsein war mit dem Erfolg von Tod und Verderben bestimmt auf einem Rekordhoch, aber er bemerkte trotzdem wie seine Zuversicht in den Keller rutschte und er gegen eine aufsteigende Wut, gespeist aus unterdrückten Minderwertigkeitsgefühlen ankämpfen mußte.

Er bewunderte das kompromisslose Konzept auch dieser documenta, wußte aber, dass er im Laufe des Abends Maria Boston gegenüber auf die schlechten Kritiken und die gleichzeitig rekordverdächtigen Besucherzahlen anspielen würde. Zuletzt wurde in den Medien von der documenta des Mitleids, von der abgrundtiefen Sehnsucht der Ausstellung moralisch richtig zu liegen und gleichzeitig vom zunehmenden Event-Charakter der Ausstellung berichtet.

– Ja, Tod und Verderben läuft gut. Und ich persönlich bin immer noch in die Ausstellung verliebt. Claire sagte, wir treffen Sergio Zevallos? Ich bin gespannt auf seine War Machine. Ich schätze, das Werk hätte sich auch in Tod und Verderben gut gemacht.

– Mag sein. Erwiderte Maria Boston. Zevallos geht es aber weniger um den oberflächlichen Blick auf die Vernichtung von Menschen, als um die konzeptionelle Qualität, die ethnographische Praxis der Herstellung von Schrumpfköpfen als Kriegsideologie umzudeuten.

Aus den Augenwinkeln sah Endi wie Claire hinter dem Rücken von Boston die Augen leicht verdrehte und sich andeutungsweise den Finger in den Hals steckte. Er war in diesem Moment sehr gespannt wie der Abend enden würde. Für sich konnte er mit dem Vorwurf des Traditionalismus gut umgehen. Claire hingegen war noch deutlich mehr an der figurativen und virtuosen Darstellung in der Kunst interessiert. Endi hatte sich vom ersten Moment an schwer vorstellen können, wie es ihr gelingen sollte, in diesem zu großen Teilen laienhaften Konzeptghetto ernsthaft an einer Weiterentwicklung des Beaux-Arts in Rouen zu arbeiten.

– Na ja. Ideologie ist gut. Ich hätte ihn in direkter Nähe zu den Dix-Bildern aus der Zeit des ersten Weltkriegs platziert, erwiderte Endi.

– Zevallos zu Dix? Bitte sagen sie davon gleich nichts im Gespräch. Ich hoffe Zevallos kennt keinen Dix. Wenn doch wird er dessen frauenverachtenden Chauvinismus verurteilen. Wir sollten das Thema daher vermeiden.

Claire griff ein.

– Schon gut. Es geht ja nicht um Tod und Verderben sondern um die Möglichkeit neuer Ausstellungskonzepte in Rouen. Wann werden wir Zevallos treffen?

– Ich weiß es nicht genau, antwortete Maria Boston. Ich denke er wird gegen Acht hier eintreffen. Wir schauen uns so lange die Ausstellung an?

– Natürlich. Ich war noch auf keiner documenta. Das Echo der Ausstellung in Frankreich ist eher leise. Im letzten Jahrhundert hatte die Avantgarde in Frankreich ihre Heimat. Heutzutage werden die documenta-Künstler als Skurrilitäten wahrgenommen. Es sind ja auch nur sehr wenige französische Künstler vertreten?

– Ein paar haben wir schon. Die Videoinstallation von Michel Auder und noch ein paar andere. Wir haben aber auch wenig Deutsche, Italiener und Spanier. Die interessanten Dinge passieren nicht in Europa.

Endi schaute zu Claire und konnte ihrer guten Laune beim Schwinden zuschauen.

– Ich bin schon sehr gespannt, lasst uns gehen.

Sie betraten die Ausstellung in der Neuen Galerie. Obwohl Maria Boston ohne Unterbrechung und sichtlich euphorisch ihr lexikalisches Wissen über Künstler und Werke zum Besten gab, sprang weder bei Claire noch bei Endi der Funke über.

Endi blickte immer noch durch den Filter von Tod und Verderben auf die Werke. Automatisch suchte er nach Bezügen zum großen Sterben und wurde selten fündig. Die meisten Exponate hatten eine mehr oder minder offensichtliche politische Ebene und nichts langweilte ihn mehr als die aktuellen Probleme der Menschheit. Seine Ignoranz gegenüber den Belangen der Minderheiten, seine Indifferenz gegenüber den Ungerechtigkeiten, die die sogenannte erste Welt den Entwicklungsländern zumutete und seine vollständige Unfähigkeit zum Engagement hatten ihn lange irritiert. Heute konnte er sich seinen Mangel an Empathie gegenüber nicht persönlich bekannten Mitmenschen eingestehen. Manchmal gefiel er sich inzwischen in der phantasierten Rollen des leicht dekadenten Misanthropen. Er hatte Joris-Karl Huysmanns Gegen den Strich als Jugendlicher das erste Mal gelesen, nachdem er die morbide Genialität von Poe entdeckt hatte. Damals fand er die absurd ins Artifizielle gesteigerte Figur des Herzogs Jean Floressas des Esseintes abstoßend und lächerlich. Diese Abscheu entwickelte sich mit der Akzeptanz seiner asozialen Einstellung der heutigen Gesellschaft gegenüber zunehmend in eine Faszination für den dekadenten Lebensstil dieses Inbegriffs des Aussterbens aristokratischer Werte. So gehörte des Esseintes heute ebenso zu seinen Helden wie der sanfte Dandy Colin aus Boris Vians „Die Gischt der Tage“ oder David Bowie.

Er war noch nicht so weit, diese Einstellung anderen Menschen gegenüber offenbaren zu können. Mit Erleichterung stellte er manchmal fest, dass er noch längst nicht mit dem sonderlichen Einzelgänger des Esseintes vergleichbar war, hatte er doch für sein direktes Umfeld beinahe ein Übermaß an Mitgefühl. Beim Blick auf Claire, die ebenso lustlos und verloren wir er durch die vollgestellten und doch kargen Gänge der Neuen Galerie wandelte, entdeckte er sichere Anzeichen geistiger Verwandtschaft.

Auf seiner Suche nach Zeichen des Todes wurde er schließlich fündig bei Andrzej Wróblewskis unheilvollem Gemälde Mother with a killed Child. Ein leichenblaues Kleinkind klammert sich an den Hals seiner noch lebenden Mutter. Der sinnlose Versuch der Mutter die Aura des toten Kindes festzuhalten erinnerte ihn an Munchs Das Kind und der Tod. Die Leihgabe der Bremer Kunsthalle war das Werk in Tod und Verderben mit der längsten Verweildauer aller Betrachter. Das Ölgemälde Wróblewskis wäre die perfekte Ergänzung gewesen. Die Bilder, nebeneinander gehängt, hätten eine Brücke von der Verzweiflung des alkoholgetränkten Symbolismus Munchs zur Ausweglosigkeit der traumatisierten Nachkriegsgesellschaft Polens geschlagen.

Möchte das Kind bei Munch durch das Verschließen der Ohren mit den kleinen Händen das Grauen des zu frühen Todes der Mutter nicht in sich eindringen lassen, ist es bei Wróblewski die Mutter, die das Kind nicht gehen lassen kann. Er hatte bisher noch nie etwas von Wróblewski gehört, aber auch das zweite Werk faszinierte Endi. Unter dem Titel Flut in den Niederlanden hatte der Maler Szenen der Flutkatastrophe in den Niederlanden von Neunzehnhundertdreiundfünfzig festgehalten. Stilistisch waren die Bilder eine Vorwegnahme des Stils der Graphic Novels. Eine Frau, die auf ihrem nur noch knapp über der Wasserlinie schwebenden Balkon die Arme nach Rettung ausstreckt, eine Familie die auf einer kleinen Anhöhe mit ihren wenigen geretteten Habseligkeiten ausharrt und, besonders beeindruckend, die Nordsee in dem Moment, in dem sie unheilbringend die Deichkuppe überströmt.

Charakteristischerweise für die Wertschätzung der documenta für Konventionelles hing das Werk an einer völlig unangemessenen Stelle.

In der Wandflucht zwischen zwei Durchgangstüren die den Eindruck eines Flures vermittelten, stand der Betrachter der Werke Wróblewskis wie ein unerwünschter Wellenbrecher als Hindernis im Strom der Besucher. Die Ausstellung war inzwischen beinahe menschenleer, trotzdem handelte Endi sich böse Blicke der letzten documenta-Touristen ein, weil er länger als die üblichen zwanzig Sekunden bei der Bilderserie verweilte.

Eine aufgeregte Maria Boston setzte der Betrachtung ein Ende.

– Sergio ist eingetroffen. Bitte folgt mir.

Claire, gerade vertieft in Annie Sprinkles Why whores are my heroes, warf Endi einen subversiven Blick zu und gemeinsam folgten sie der hochmotivierten Boston.

Sie eilten durch die nun verlassenen Ausstellungsräume und trafen auf einen finster dreinblickenden Südamerikaner. Zevallos stand mitten in seiner Ausstellung der Grausamkeiten. Atrocity Exhibition, unmittelbar mußte Endi an den Roman von J.G. Ballard und infolgedessen unvermeidlicherweise an den Song von Joy Division denken.

„This is the way, step inside“

A war machine. In dem Raum hingen an einer Wand die Fotografien der Inbegriffe des internationalen Bösen, manche als Porträt mit ganzem Gesicht, manchen nur mit ihren besonders bösen Partien, Augen oder Mund. Vertreten waren mit Frau von der Leyen, Marine Le Pen und Hillary Clinton die weiblichen Vertreter der globalen Politik des Verderbens und mit Jeroen Dijsselboem und Recep Erdogan deren männliche Pendants. Dann kamen mit den Chefs von Krauss-Maffei und Airbus die Vertreter der bösen Firmen und mit John Cryan und Mario Draghi die Vorstände der wirkliche bösen Firmen. Es gab Platz für die kleinen Fieslinge wie Lyndie England und Beate Zschäpe und für die peruanischen Bösewichte Kardinal Thorne und Senor Ganoza, die man nur als Südamerika-Insider kennen mußte. Es gab auch noch ein paar Überraschungskandidaten.

Mario Vargas Llosa zum Beispiel hatte Endi in seiner Unwissenheit noch nicht mit anderen Bösartigkeiten als seinen zusammenfabulierten Schwulstromanen in Verbindung  gebracht. Auf der Infotafel stand nur zu lesen „Jorge Mario Pedro Vargas Llosa – Peruvian politician Literature Nobel Prize 2010„. Neben einem leichten Ärger über den ohnehin spärlichen Erläuterungsapparat der Ausstellung fragte sich Endi, welchem Universum der Künstler seine Grammatik entlehnt hatte. Eine kurze Google-Recherche mit seinem iPhone offenbarte eine radikal neoliberale Haltung Llosas, mit der er Neunzehnhundertneunzig im peruanischen Präsidentschaftswahlkampf gegen Alberto Fujimori unterlegen war. Das kann wohl noch nicht Alles sein, um auf diese Kandidatenliste des Bösen aufgenommen zu werden, dachte Endi. Immerhin wurde der Wahlgewinner Fujimori wegen eines Massakers an maoistischen Rebellen am Ende seiner Amtszeit zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt – ohne in der Neuen Galerie in Kassel zu landen. Vermutlich waren es doch eher Llosas Romane – Nobelpreis hin oder her – die ihm seinen Platz in Zevallos Galerie gesichert hatten.

Mit Erstaunen realisierte Endi das Fehlen, seiner bisherigen Einschätzung nach kanonischen Vertretern des Bösen wie Putin und Kim Jong Un. Bestimmt erscheinen manche mit Macht ausgestattete Politiker aus peruanischer Perspektive in einem anderen Licht, erklärte er sich diese Lücke.

Der Künstler hatte überflüssige Begrüßungsrituale weggelassen und war ohne Umschweife in die wortreiche Erläuterung seiner Werke eingestiegen. Maria Boston hing ihm an den Lippen und hatte für Endi und Claire nur noch besorgte Blicke über, war ihr doch die eher skeptische Begeisterung der Beiden nicht  unbemerkt geblieben.

Zevallos berichtete mit heiligem Ernst von der Rekonstruktion einer neuen Souveränität für den vom nekropolitischen Kapitalismus geschundenen sozialen Körper durch die Verwandlung der internationalen Herrscherelite in mehreren Arbeitsgängen zu Schrumpfköpfen. Dabei bediene sich die Prozedur der dreidimensionalen Porträts als Rohmaterial um sie in einem Prozess der Behandlung mit organischen Substanzen zur Mimesis des Bösen und damit zur Umdeutung der ecuadorianischen Ethnografie in Kriegsideologie zu verhelfen. Undsoweiter.

Eine Auswahl dieser behandelten und unbehandelten Schrumpfköpfe gab es dann in einer Vitrine zu sehen. Christine Lagarde war durch die lange, blonde Haarpracht gut zu identifizieren, bei Beate Zschäpe hatte Zevallos die Gesichtszüge gut getroffen. Die Anderen waren weniger gut zu erkennen.

Als er dann im Gespräch zwischen Maria Boston und Zevallos eine sich gegenseitig überbietende Aneinanderreihung von Begriffe wie die „queere Abkehr von der Kraft des heteronormativen“ oder die „ikonografische Aufbereitung des andinischen Leidenswegs“ aufschnappte – wobei er sich nie absolut sicher war, ob er in der Lage war das Gespräch aus dem Englischen korrekt zu übersetzen – setzten Endis Fluchtreflexe ein.

Er fragte Zevallos ob es im Spanischen ein Wort für „Wutbürger“ gäbe oder ob er unabhängig davon mit dem Begriff etwas anfangen konnte.

Der Künstler schaute ihn mit einem erstaunten Blick an. Bisher ging Endi  in seiner Einschätzung als der Statist an der Seite der dekadenten französischen Kulturfunktionärin durch. Weder hatte Zevallos von ihm eine Wortmeldung erwartet, noch war er bereit dumme Fragen zu beantworten.

Endi ließ sich nicht beirren und fuhr fort radebrechend den Begriff Wutbürger als eine Art deutschem Prototypen für den, angesichts seines tatsächlichen Wohlstands, übertrieben gegen alles und jeden mißgünstigen Bürger zu schildern. Mit „enraged Citizen“ wäre der Begriff nur unzureichend zu übersetzen, Zevallos solle sich noch eine ordentliche Portion Bigotterie, „bigotry“ dazudenken.

Zevallos fragte worauf er hinaus wolle, „whats your point?“

Wo er nun so gut in Fahrt war, wollte er keinen Gang zurückschalten:

– Wenn ihr internationalen Wutbürger Beate Zschäpe in eine Reihe mit Christine Lagarde hängt und eine fiese amerikanische Infanteristen neben den Direktor von Frontex, macht ihr euch lächerlich.

Zevallos schaute ihn noch erstaunter an, Maria Bostons Blick hätte nicht ekelerfüllter beim Anblick eines Hundescheisshaufens sein können und auch Claire sah nicht glücklich aus.

– Ich lasse Euch dann mal lieber alleine, sagte Endi und ging Richtung Ausgang.

Die Ausstellung war inzwischen menschenleer und er nutzte die Gelegenheit um Beuys` Wolfsrudel anzuschauen – allerdings nur kurz. Er spürte die Faszination, die von dem Werken ausging. Die „ungeheure Aggressivität“, die manche Interpreten in den dem alten VW-Bulli folgenden Schlitten erkennen wollten, konnte Endi nicht entdecken.

Länger verweilte er bei den Nuttenporträts von Annie Sprinkle. Er hatte sich Nadine noch nie bildlich als Nutte vorgestellt. Das Porträt einer zierlichen Hure mit schmalen Brüsten, einer im Schneidersitz weit geöffneten Vagina und einem Gesicht und einer Frisur die man eher bei einer Marketingdirektorin verorten würde, in der Hand einen Riesendildo, erinnerte ihn an Nadine. Sieht sie so im Nuttenmodus aus, fragte er sich. Alleine vom Gedanken in die Rolle ihres Freiers schlüpfen zu können, bekam er eine ausgewachsene Erektion. Von den vierzig Gründe machte er ein iPhone-Foto.

Claire kam hinzu.

– Seit wann bist du politisch, fragte sie mit ironischem Seitenblick.

– Bin ich gar nicht. Der Typ war mir nur so widerlich.

– Ich weiß was du meinst. Ich habe es ernsthaft versucht, aber ich mag diesen überengagierten Kämpfer für die Menschenrechte genauso wenig leiden wie du. Warum macht so jemand Kunst? Könnte doch genauso gut in die Politik gehen, dort würde der Mangel an Kreativität nicht so auffallen. Die Idee einer Ausstellung mit einem Ausschnitt der documenta-Künstler habe ich verworfen. Ich denke, ich überlasse es meinen Nachfolgern, das Beaux-Arts zu modernisieren und werde mich fortan als Bewahrerin verlorener Zeiten verstehen.

Claire blickte auf die Fotos der Nutten.

– Ah, Annie Sprinkle, auch so eine Engagierte. Aber zumindest interessant. Mir gefallen die Bilder von diesen starken Frauen, die sie porträtiert. Komm, lass uns jetzt zum Hotel fahren, wir treffen uns später noch mit einem spanischen Freund von mir in einem mongolischen Restaurant. Ich möchte vorher noch ein Bad nehmen.

An der Seite von Claire verließ Endi die Neue Galerie von Claire und sie traten ein in die Tristesse des regnerischen Kassels mit seiner Nachkriegseinheitsarchitektur. Auf dem Weg zum Taxistand wurde Claire scheinbar versehentlich von einem Mann angerempelt. Dieser entschuldigte sich hastig und versuchte ohne Endi anzuschauen weiter zu gehen. Endi war sich trotzdem sicher den Penismann aus dem Zug zu erkennen.

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