documenta 14 II: Fade Orte

Claire ließ ein Taxi kommen und sie fuhren durch die tristen Straßen Kassels zum Courtyard Marriott am Hauptbahnhof. Unterwegs fragte Claire ob es für Endi in Ordnung sei, wenn sie in einem gemeinsamen Zimmer übernachten würden. Endi sagte, natürlich sei das für ihn in Ordnung. Trotzdem wunderte er sich ein wenig. Claire war bei allem Reichtum und den Feinheiten ihres Lebensstils eine sparsame Frau. In diesem Fall war er sich nicht sicher, ob es ausser Sparsamkeit weitere Motive für das gemeinsame Zimmer gab.
Das Hotel lag in einer seltsam schwer zu erreichenden Position. Das Taxi musste von einer Hauptstrasse in eine kleine Seitenstrasse einbiegen, eine hundertachtzig Grad-Wendung ausführen, ungefähr einen Kilometer in die Richtung zurückfahren aus der es gekommen war, den Bahnhof durch einen Tunnel unterqueren um dann vor dem im Nichts liegenden Hotel anzukommen. Endi schaute den Taxifahrer mit ungläubigem Blick an, der antwortete ungefragt mit der Auskunft, dies sei der einzige Zufahrtsweg.
Sie gingen direkt ins Hotel und checkten unter Claire Caveliers Namen ein. Auf dem Weg zum Aufzug fiel Endis Blick auf die Hotelbar und er dachte: Fade Orte. In der Stadt im Norden hatte er auf einer Führung durch Tod und Verderben mit dem Kurator, natürlich durchgeführt von Professor Cordelius, eine Schriftstellerin getroffen, die auf der Suche nach faden Orten in der Natur war. Unter faden Orten verstand sie Orte ohne besondere Merkmale. Unauffällige, gemäßigte, in keiner Weise hervorstechende Orte ohne schrille Reize, die Raum für kreative Prozesse lassen. Den Begriff hatte sie aus der chinesischen Ästhetik entlehnt, in der schon das satte Grün eines Rasens als grobschlächtig gilt und die Aura eines faden Ortes zerstören kann. Endi gefiel dieser Gedanke. Er suchte seitdem, wann immer er unterwegs war, nach faden Orten. Endi hielt sich selten in der Natur auf. Er fand seine faden Orte mitten in den hochentwickelten Zonen der Zivilisation. Orte, die darauf ausgerichtet waren, täglich von tausenden Menschen frequentiert zu werden wurden zu faden Orten. Bahnhöfe, Flughäfen, Fußgängerzonen. Man mußte sich nur aus dem Strom der geschäftigen Menschen ausklinken und binnen Minuten konnte man die fade Ästhetik moderner Masseninfrastruktur wahrnehmen.
Ein besonders fader Ort war das Gastro-Ghetto im Hamburger Hauptbahnhof. Mehr als zwanzig überregionale Franchise-Gastronomien standen sich dort auf einer Fläche ohne Tageslicht gegenüber. Die Fachwerkgemütlichkeit aus der Retorte vom Löwenbräu neben dem Gosch Sylt, die Fischbrötchen von Nordsee neben dem Spar-Express und die widerlichen Hähnchenteile von KFC neben dem Asia Hung. Dort ging kein Mensch hin weil er dort hingehen wollte. Alle Gäste waren dort mindestens zufällig, eher noch gezwungenermaßen. Endi war dort gestrandet, als er einen Freund, dessen Zug Verspätung hatte abholen wollte. Es war die Zeit, in der er an Texten für den Ausstellungskatalog arbeitete. Nach zehn Minuten in all dem anonymen Kommen und Gehen war er in tiefer Konzentration versunken, nach einer Stunde hatte er mehr Wörter geschrieben als jemals davor oder danach in einem vergleichbaren Zeitraum. Als er den Text am nächsten Tag erneut las, war er erstaunt über die Tiefe seiner Gedanken und die Eleganz seiner Formulierungen.
Auch die Mehrzahl der Bars in Mittelklassehotels waren fade Orte.
Der Hotellift brachte sie zu ihrer Suite im vierten Stock des Hotels. Das Zimmer war geräumig und mit einem übergroßen King Size-Bett ausgestattet. Claire schaute Endi mit einem vielsagenden Blick an.
– Du hättest nicht gedacht, noch einmal eine Nacht mit mir in einem Zimmer zu verbringen?
In den Achtzigern hatte Endi einige Male seine Ferien mit Claire und ihren Freunden in Frankreich verbracht. Er erinnerte sich an beschwingte und sonnendurchtränkte Sommer in der Bretagne und auf der Île de Ré. Stundenlang hatte er an der zerklüfteten Küste gesessen und dem mit der Flut steigenden Wasser zugeschaut, wie es in die Lücken zwischen den Felsen gurgelte. Die Felsen waren vom ständigen Kommen und Gehen des Meeres aufgeraut und boten Platz für allerlei Getier. Er war fasziniert von der Kraft, mit der sich die Napfschnecken am Felsen festklammerten. Wenn man nicht beim ersten Versuch mit aller Kraft zog, hatte man danach keine Chance mehr, die Schnecke vom Felsen zu entfernen. Er verspürte Claire gegenüber noch heute eine tiefe Dankbarkeit. Näher war er seiner Vorstellung von Familie nie wieder gekommen. Als Kind verstand er noch weniger als heute, was seine Mutter dazu bewog – obwohl sie lebte und die Möglichkeit dazu gehabt hätte – ihn nicht zu sehen, nicht mit ihm zusammen zu sein, nicht einmal persönlich mit ihm zu sprechen, sondern immer nur über ihr Sprachrohr Claire Kontakt mit ihm zu halten. Manchmal verdächtigte er Claire, ihm nur eine Lügengeschichte zu erzählen und seine Mutter in Wahrheit tot sei. Doch er fragte sich dann warum sie das machen sollte, war doch der Gedanke an eine lebende Mutter die ihn nicht sehen will schwieriger zu ertragen als gar keine Mutter zu haben.
Besonders genoss er es abends zu Claire ins Bett zu klettern und unter dem Vorwand sich zu fürchten bis in die Nacht Geschichten von Maruko zu hören. Claire war die erste Frau, die er in der Intimität ihres Schlafzimmers nackt betrachten konnte. Natürlich bemerkte Claire, dass Endi kein Kind mehr war, sondern zu einem jungen Mann heranwuchs.
Meistens war er alleine mit ihr in ihrem Bett. Er konnte sich nur an einen Sommer erinnern, in dem Claire männliche Begleitung hatte. Überhaupt wußte er wenig von Isabelles wechselnden Partner. Die Begegnung mit Bruno in Lissabon zählte schon zu den intensiveren Einblicken in Isabelles Privatleben. Er hatte die beiden nie zusammen erlebt. Die intimen Einblicke in die Psyche des Mannes Bruno de Aveiro verrieten jedoch auch vieles über das Verhältnis Isabelles zu Männern.

Claire bemerkte sein Zögern.
– Endi?
– Oh, entschuldige bitte. Etwas überrascht bin ich tatsächlich.
– Ich hoffe, dass ist für dich kein Problem. Wir kennen uns doch lange genug. Möchtest Du etwas essen? Ich bestelle uns eine Flasche Weißwein, ich bin ganz ausgetrocknet von der seltsamen Ausstellung.
– Nein danke. Du sagtest wir treffen noch einen deiner Freunde in einem Restaurant?
– Ja, ich glaube das Restaurant heißt Dschingis Khan. Wir werden dort Vila-Matas treffen, meinen Schriftstellerfreund aus Barcelona. Er macht dort irgendwas im Zusammenhang mit der documenta, ist dabei aber nicht besonders glücklich.
Claire bestellte eine Flasche Meursault und einen Caesars Salad. Noch bevor der Room-Service kam zog sie ihren roten Hosenanzug aus, zündete sich ungeachtet des Nichtraucherzimmers eine Vogue Super Slim Platine an und ging ins Bad ohne die Tür zu schließen. In ihrer dunkelblauen Seidenunterwäsche sah sie fantastisch aus. Endi konnte mit der Situation nicht gut umgehen. Ein Teil von ihm fühlte sich wie der kleine Junge, der Ferien mit seiner Ersatzmutter und damit der Projektionsfläche all seiner Sehnsüchte macht, der andere witterte die größtmögliche sexuelle Sensation. Er nutzte den eintreffenden Room Service um sich aus dem Zimmer mit einem möglichst neutral gerufenen „ich lasse dich in Ruhe baden“ zu entfernen. Er hörte noch, wie sie hinter ihm herrief, er müsse später ausführlich von Maryam berichten und wie es Nadine inzwischen gehe.

Endi dachte an die Hotelbar als einen guten Ort um etwas Abstand von der Situation zu gewinnen und sich zu neutralisieren. Er hatte Glück. Die Hotelbar im Marriott war der  Prototyp eines faden Ortes. Es gab dort Krüge, randvoll mit Streichholzbriefchen, gerahmte Trikots der deutschen Handballnationalmannschaft von 1996, die sich beim Personal der Vorgängerkette bedankte und an den Wänden die eingerahmten Logos der letzten documentas als lokalen Tribut an Kassel. In der Ecke hing ein Fernseher in dem Nonstop Sky Sport lief und das Personal trug die schlecht sitzende Standarduniform der Hotelkette. Dieses Paralleluniversum unpersönlicher Belanglosigkeit war perfekt um seine Gefühlswelt wieder zu beruhigen. Ausser einem Rentnerehepaar, das andächtig die Speisekarte studierte war er allein in der Bar. Er mußte etwas suchen, um einen Platz zu finden von dem aus er nicht automatisch in den weit geöffneten Schritt des Rentners schauen mußte, in dem ein voluminöser Schlüsselbund baumelte. So ließ sich nicht vermeiden, mit einen Platz frontal vor einem Spiegel vorlieb zu nehmen. Endi sah sich eigentlich nicht gerne beim Trinken zu. Wenn man an einem öffentlichen Ort trinkt, möchte man lieber anderen Leuten beim Trinken zuschauen als sich selbst. Oder nach draußen. Es fühlte sich ein wenig so an, als würde man beim Scheißen vor einem Spiegel sitzen. Bei der Zu- und Abfuhr von Lebensmittel schaute man sich lieber nicht zu.
Die Kellnerin in der Hotelbar fiel etwas aus der für Kettenhotels zu erwartenden Norm. Sie war extrem klein, er schätzte sie nicht größer als ein Meter und fünfzig Zentimeter, hatte dafür aber eine ungeheuer laute und durchdringende Stimme.
Die Stimme erinnerte ihn an einen Abend vor einiger Zeit mit Maryam in Bremen. Nach dem Besuch einer Vernissage  waren sie noch in die Bar des Hilton gegangen. Sie saßen dort an einem Ecktisch der Bar. Nach einiger Zeit setzte sich ein Paar auf die andere Seite und sie kamen ins Gespräch. Das Paar war deutlich jünger als sie und der charmante junge Mann hatte Maryam schon nach wenigen Minuten in eine angeregte Unterhaltung verwickelt. Die Wirkung von Maryam auf Männer verstärkte sich mit dem Altersunterschied und so merkte man dem charmanten Bastard seine zunehmende Faszination an. Als er dann noch erfuhr, dass er gerade auf Tuchfühlung mit einer internationalen Künstlerin war, ignorierte er seine Begleitung vollständig.
Diese wiederum war eine hübsche Studentin von der Sorte „alter hanseatischer Geldadel“ die man an Orten wie diesem regelmäßig in ihrem natürlichen Habitat beobachten konnte. Allerdings war sie an Ausstrahlung deutlich ärmer als ihr Begleiter. Der erinnerte an Matt Damon in seiner Paraderolle als Tom Ripley. Man merkte ihm eine problematische Herkunft an, die gepaart mit gutem Aussehen und sozialem Ehrgeiz ohne Zweifel eine enorme Anziehungskraft auf die Töchter aus gutem Hause der Stadt ausübte. Je intensiver das Gespräch zwischen Maryam und ihrem neuen Bewunderer wurde, desto unruhiger wurde seine Begleitung. Ohne wirklichem Interesse an einem Gespräch, mehr aus Höflichkeit wandte sich Endi ihr zu und stellte erstaunt fest, dass sie eine überhaupt nicht zu ihrem ansonsten perfektem Erscheinungsbild passende hohe und durchdringende Stimme hatte.
Sofort als er die Bedienung der Hotelbar hörte, kam ihm der weitere Verlauf dieser Begegnung wieder ins Gedächtnis. Ohne danach gefragt zu haben, offenbarte ihm Meret, so der Name der Bremer Bürgertochter, dass sie ihren Yvan erst kürzlich über Facebook kennengelernt hätte. Sie wäre sich noch nicht sicher ob es wirklich der richtige Mann für sie sei. Immerhin hätte er schon zwei Haftstrafen wegen schwerer Körperverletzung verbüßen müssen. Auch mit der Erotik, sie verwendete tatsächlich diese Begriff, wäre sie nicht ohne Sorge. Sie bräuchte Zärtlichkeit mit viel Küssen und streicheln, er hingegen schien seine sexuellen Vorlieben eher anhand intensiver Exkursionen in den pornografischen Weiten des Internets entwickelt zu haben. An dieser Stelle begann er Aufbruchszeichen in Richtung Maryam zu senden.
Nicht nur verlange Yvan von ihr exotische Sexualpraktiken, nun hätte er es sich auch noch in den Kopf gesetzt, sie in eine Dreier-Situation mit mindestens einer anderen Frau zu bringen.
Kurz überlegte er ob diese Geschichte ein geschicktes Manöver seines Gegenübers sein könnte, um sie loszuwerden. Ohne zu einen Ergebnis zu kommen, sah er sich mit Blick auf den ausgeprägt muskulösen Oberkörper Yvans in Verteidigung Maryams und seiner sexuellen Integrität in einer Blutlache auf dem Pflaster eines Bremer Bürgersteigs liegen. Unter diesem Eindruck stand er auf, verkündete, dass sie jetzt gehen müßten, platzierte einen fünfzig Euroschein für die zwei Drinks auf der Theke und bugsierte Maryam an die frische Luft. Erst war Maryam erstaunt über den abrupten Aufbruch. Nachdem sie die Geschichte gehört hatte, war sie verärgert. Er hätte sich von dem dummen Huhn ins Bockshorn jagen lassen und selbst wenn die Geschichte wahr gewesen wäre, was wäre denn schon dabei, das hätte doch noch ganz lustig werden können. Der Gedanke an eine lustvolle Vereinigung mit Yvan und der Bürgertochter schien Maryam zu beflügeln.

– Was darf es sein?
Die schrille Stimme der Kellnerin beendete diese Erinnerung. Er bestellte einen doppelten Wodka auf Eis und dachte dann erst einmal nichts. Wie meistens wenn er an nichts dachte, dachte er nach wenigen Momenten an Nadine. Er nahm sein iPhone und rief das Foto von Annie Sprinkles vierzig Gründen warum Huren ihre Helden waren auf. Er überflog die Gründe und fragte sich, wieviele davon auf Nadine zutrafen und ob er so vielleicht testen konnte, ob sie mit Leib und Seele Hure war. Nicht das ihn das heute stören würde. Ja, er war mit Maryam zusammen. Seine emotionalen Bande zu Nadine leierten mit der Zeit zwar aus, würden aber niemals reißen. Er fragte die Bedienung nach Briefpapier. Zu seiner Überraschung ging die Kellnerin mit der hohen Stimme ohne Umschweife zum Empfang und kam mit einigen Bögen Briefpapier mit Hotellogo zurück. Er dachte intensiv an Nadine und begann die Huren-sind-Helden-Argumente zu notieren.

1 Whores have the ability to share their most private body with total strangers
Vermutlich ja. Ich habe immer versucht mir vorzustellen, was Nadine mit ihren privaten Körperteilen mit ihren Freiern anstellt. Der Sex damals mit ihr war eher langweilig. Ich war viel zu verliebt um mich beim Ficken gehen zu lassen. Für sie war es sicher enttäuschend.

Wie immer, wenn er intensiv an Nadine dachte, spürte er die Ausläufer der tiefen Gefühle, die er ihr gegenüber empfunden hatte. Normalerweise würde er nun schleunigst an etwas anderes, möglichst Abstoßendes denken um sich nicht mühsam mehrere Tage wieder entlieben zu müssen.
Heute gestattete er sich diesen Ausflug in seine sentimentalen Abgründe.

2 Whores have good senses of humor
Eindeutiges Ja. Nadine kann über Alles lachen und Alle zum lachen bringen. Meistens reicht es ihr jemanden lachen zu hören, um dem Reiz mitzulachen nicht widerstehen zu können.

3 Whores challenge sexual mores
Eher nicht. Die Erweiterung sexueller Gepflogenheiten ist sicher nicht Nadines Motivation als Gelegenheitshure zu arbeiten. Sexuelle Gepflogenheiten und der öffentliche Diskurs um Sexualität lassen sie völlig kalt. Sie geht nicht einmal zum Christopher Street Day in der Stadt im Norden.

Endi blickte von seinem Briefbogen auf und sah sich selbst im Spiegel. Er brauchte einen Moment um sich von seinen Gedanken an Nadine zu lösen und zu realisieren, dass die Person im Spiegel kein Fremder, sondern er selber war. So sehe ich also aus, dachte er. So sehe ich also, wenn ich in einer Bar sitze und auf einem Briefbogen meine Gedanken an Nadine aufschreibe, dachte er. So sehe ich also aus, wenn ich einer Bar sitze und auf einem Briefbogen meine Gedanken an Nadine aufschreibe und dabei denke, dass ich also so aussehe wenn ich in einer Bar sitze und auf einem Briefbogen meine Gedanken an Nadine aufschreiben, dachte er. Ich muss jetzt meine Metagedanken stoppen und aufhören mich wie eine dritte Person zu betrachten, dachte er und begann wieder über Nadine nachzudenken.

4 Whores are playful
Nein. Nadine spielt nicht. Ernsthaftigkeit. Achtsamkeit. Menschlichkeit. Bei Nadine muss immer alles Sinn haben. Bestimmt die Seite an ihr, die ich am wenigsten mag. Sie kann auch nicht albern sein. Oder sich lächerlich machen. Selbst wenn sie betrunken ist, möchte sie tiefe Gespräche führen. Nach diesem Kriterium ist Maryam das Gegenteil einer Hure. Mit ihr hat alles Bedeutung. Alles hat Perspektiven und vielschichtige Ebenen.

5 Whores are though
Tough. Und wie though sie ist. Nichts kann sie aus der Bahn werfen. Ich glaube sie war noch nie krank. Entscheidungen in Gefühlsfragen trifft sie digital. In ihrer Standhaftigkeit erinnert sie Hillary Clinton, die mit „Talk to me about stamina! auf den Vorwurf von Donald Trump reagiert hat, sie wäre zu alt und nicht belastbar genug. Standhaftigkeit, dein Name sei Nadine.
In Berlin ist sie einmal, nur um es auszuprobieren, auf den Straßenstrich an der Kurfürstenstrasse gegangen. Sie hat dafür eine Woche Urlaub genommen. Ich möchte nicht wissen, wie scheußlich die Freier waren, die sie aufgegabelt hat und wie sie es geschafft hat, sich als Gelegenheitshure aus Neugier gegen die Zuhälter und die echten Huren durchzusetzen. Bestimmt hatten die abgezockten bulgarischen Vergewaltigerluden ihrer offensiven Selbstverständlichkeit, ihrer Ich-hab-jederzeit-das-Recht-alles-zu-tun-was-mir-lieb-ist-Attitüde nichts entgegenzusetzen. Sicher haben die Schweine sie schon am nächsten Tag hofiert.

6 Whores have careers based on giving pleasures
Nadine spendet nichts. Bei ihr hat alles seinen Preis.

Als sich Claire zu ihm setzte schreckte Endi, tief in seine Gedanken an Nadine versunken, von seinem Briefpapierbogen auf.
– Na, mein Kleiner. Was machst du an diesem durchschnittlichen Ort?
– Ich trinke Wodka und denke nach.
Sie trug nun ein eng anliegendes Chanel-Kostüm zu einer tief ausgeschnittenen schwarzen Seidenbluse.
– Ich hoffe, du hast keine Sorgen. Was machen deine Frauen? Ich hatte mich so an Nadine gewöhnt.
– Ich mich auch.
– Und was ist eigentlich passiert?
– Das ist eine lange Geschichte.
– Wir haben ja Zeit, heute Abend. Und jetzt also Maryam Fneish.
Endi war eigentlich nicht nach einem Gespräch über Maryam und sein Beziehungsleben zumute. Aus den Gedanken an Nadine aufzutauchen war wie das Erwachen aus einem schönen Traum.
– Kennst Du sie?
– Ich hab Maryam Fneish einmal gesehen als sie Coil0 im Centre Pompidou aufführte.
Endi hatte von der Performance Fotos gesehen. Es muss ungefähr Neunzehnhundertachtzig gewesen sein. Maryam war damals fünfundzwanzig und sah auf dem Foto inmitten der finsteren georgischen Dissidentengruppe zum Fürchten schön aus. Das Foto der Performance verstärkte Faszination und Furcht gleichermaßen. Maryam lag auf einer Art Altar und ihr Körper war mit einem Elastikband in engen Bahnen umwickelt. Nicht eng genug allerdings, um ihre Haut bei zunehmenden Druck daran zu hindern in schillernden Blautönen durch die Ritzen der Umwickelung gequetscht zu werden.
– Oh ja. Maryam hat mir davon erzählt. Die Überzeugung der Gruppe, nach dem Prinzip der elektrischen Spule eine Art menschliches Magnetfeld erschaffen zu können hat sich ja letztlich bestätigt. Coil0 ist noch heute eine der publikumswirksamsten Performances, die Maryam jemals gemacht hat.
Claire schaute skeptisch.
– Voll war es schon, es war aber auch widerlich. Sowohl der Prozess des Einwickelns, als auch der des Auswickelns war Teil der Performance. Nach zehn Stunden in dieser engen Wickelung sah sie nicht mehr wie etwas Menschliches aus. Sie hätte ohne weiteres in Alien oder einem dieser scheußlichen Bilder von H.R. Giger eine Hauptrolle bekommen. Man sagt, sie hätte Wochen gebraucht um sich davon zu erholen. Ansonsten weiss ich nur was in der Presse über sie zu lesen ist.
– Und, was ist dort zu lesen?
– Sie schreiben, sie wäre eine geniale Diva mit dem künstlerischen Talent von Joseph Beuys in Verbindung mit den dominanten Zügen von Wanda von Dunajew.
Endi hatte noch nie über diese Parallele seiner Beziehung zu Maryam mit den Protagonisten von Venus im Pelz nachgedacht. Ganz von der Hand zu weisen war der Gedanke nicht. In den besten Momenten fühlte er sich mit Maryam wohl, weil ihre Dominanz bequem und nicht annähernd so fordernd wie die Wahrhaftigkeit Nadines war.
– Und du meinst ich bin Severin von Kusiemski?
– Na ja mein Kleiner, du brauchst nicht gekränkt sein. Dein Hang dich dominieren zu lassen ist dir bestimmt nicht gerade jetzt das erste Mal aufgefallen. Aber bitte lass uns jetzt aufbrechen.
– Wen werden wir treffen, fragte Endi.
– Einen alten Freund von mir, Enrique Vila-Matas, einen Schriftsteller aus Barcelona. Ich habe nicht ganz verstanden was er in Kassel macht, er ist irgendwie Teil der documenta. Auf jeden Fall muss er den ganzen Tag in diesem mongolischen Restaurant sitzen.
Endi faltete den Briefbogen mit der begonnenen Nadine-Studie, bezahlte seinen Drink und orderte an der Rezeption ein Taxi.
Vom Hotel fuhren Claire und Endi mit dem Taxi zum Restaurant. Der Weg führte entlang der Karlsaue über eine Art Umgehungsstraße auf den Auedamm längs der Fulda.
Nach zehnminütiger Fahrt hielt der Wagen vor dem südlichen Eingang zur Karlsaue. Der Taxifahrer instruierte Claire und Endi ungefähr dreihundert Meter dem Weg zu folgen, dann würden sie das Dschingis Khan schon sehen.
Und tatsächlich war das Restaurant nicht zu verfehlen. Offensichtlich urprünglich als eine Art Kurpavillon erbaut, war es durch ein plumpes Eingangsportal im Stil einer japanischen Pagode mongolisiert worden. Chinesisch anmutende Schriftzeichen auf dem Eifelgrün der Bitburger-Werbung über dem Eingang vervollständigten das synthetische Asiengefühl. Ein Windhund mit einem pink angemalten Bein kreuzte ihren Weg.
– Sind wir hier richtig, fragte Endi.
– Ja, sind wir. Enrique hat mich schon vorgewarnt, ich solle mich von dem scheußlichen Restaurant nicht abschrecken lassen, das sei alles Teil des Konzeptes. Außerdem sehen alle asiatischen Restaurants in Europa so aus.
– Warst du schon einmal in Düsseldorf?
– Nein, wieso?
– Dort gibt es ein Viertel mit Restaurants für die japanische Kolonie. Weit und breit keine stereotype Pseudo-Dekorationselemente, dafür echte japanische Küche.
Sie betraten das mit Rentnern in beigen Funktionswesten halb gefüllte Dschingis Khan. Sie brauchten nicht lange zu suchen um Vila-Matas zu entdecken. Er sass unter einem abgegriffenen Schild mit der Aufschrift „Writer in residence“ und schaute mit verständnislosem Blick von seinem Notizbuch auf.
– Salut Enrique!
– Salut Claire! Du siehst fantastisch aus.
Die beiden umarmten sich länger als die französische Etikette für Begrüßungen unter Freunden erwartet, vielleicht sogar länger als die Etikette akzeptiert. Mit Mühe konnte sich Claire aus der Umarmung des Schriftstellers befreien. Dieser schaute sie mit einem langen, prüfenden Blick an. Die beiden waren mal ein Paar, dachte Endi und nahm sich vor sie später danach zu fragen.
– Ihr seid meine Rettung in diesem Meer an Trübsal. Diese erbärmliche chinesische Nummer ist wirklich erniedrigend. Aber setzt euch doch zu mir.
Sie nahmen an Vila-Matas` Tisch Platz.
– Claire hat mir vor langer Zeit einmal von ihrem geheimnisvollen Ziehsohn berichtet, freut mich sehr sie kennenzulernen.
Endi hatte schon öfters registriert, dass Claire ihren Leuten von ihm erzählte. Er hegte diesbezüglich ambivalente Gefühle. Es machte ihn Stolz wirklich Teil Isabelles Leben zu sein und nicht nur aus Verpflichtung Maruko gegenüber von ihr wahrgenommen zu werden. Noch stärker wollte er jedoch seine Geschichte für sich und Claire behalten. Es gab nur wenige Menschen in seinem Leben, denen er von Maruko berichtet hatte. Nadine war einer davon. Maryam nicht. Fog auch nicht. Mit seiner Familie hatte er seit Jahren nicht mehr über seine leibliche Mutter gesprochen. Und so betrachtet er Enrique Vila-Matas in erster Linie als Eindringling.
– Danke. Wenn ich so direkt fragen darf, was machen sie hier?
– Tja, das frage ich mich auch. Es war nicht meine Idee. Eines Tages erhielt ich einen Anruf von einer gewissen Maria Boston, Assistentin der Ko-Kuratorin dieser Ausstellung, Chus Martinez. Sie suchten einen Avantgarde-Schriftsteller, der für einen nicht definierten Zeitraum an einem möglichst beliebigen Ort dieser Stadt anwesend ist und das macht was ein Schriftsteller so macht. Darüber würde dann ein Schild mit der Aufschrift „Writer in residence“ gehängt und fertig wäre das Kunstwerk. Ich Ochse habe mich natürlich geschmeichelt gefühlt, stehenden Fußes zugesagt, und so sitze ich hier nun schon neun Tage und wünsche mich an jeden anderen Ort dieser Welt.
Endis Interesse war geweckt.
– Interessant, wir hatten eben das Vergnügen Maria Boston kennenzulernen. Ich kenne jemanden der ähnliches gemacht hat. Schon einmal von The Artist at work gehört?
– Aber natürlich. Ich habe die fantastische Maryam Fneish selber gesehen, wie sie durch ihre pure Anwesenheit in der Tate Modern Luft in Kunst verwandelte. Das hat aber leider nichts mit diesem jämmerlichen Schriftsteller an diesem scheußlichen Ort zu tun.
Endi musterte Vila-Matas. Er sah wie der stereotypische Katalane aus. Dunkle Haare, schmales Gesicht und eng zusammenstehende Augen mit stolzem Blick. Gepaart mit einer alte Tweedjacke, einer dicke schwarzen Hornbrille und einem grau melierten Vollbart sah Endi das Prachtexemplar des europäischen Intellektuellen vor sich sitzen.
Daher war Endi überrascht direkt im ersten Satz des Schriftstellers Selbstironie herauszuhören. Bei Männern schätzte er nichts mehr, als die Fähigkeit sich selbst nicht ernst zu nehmen und eigene Verdienste lächerlich machen zu können. Zweifellos hatte er es hier mit einem wirklich interessanten und beachtenswerten Kunstexperiment zu tun, was die Bemerkung des Schriftsteller noch aufwertete.
– Ich wünschte, in der Rückschau könnte ich auch über meine Performance sagen, es sei Kunst entstanden ohne das jemand es bemerkt hat. Solange sitze ich hier, weitgehend ignoriert von den deutschen Rentnern die sich am All-you-can-eat-Buffet die alten Wampen vollschlagen und mich nur mit einem schulterzuckenden Blick beehren. Das Interesse dieser Menschen an dem was hier geschieht ist gleich Null. Bei denen läuft das unter „wieder so eine seltsame Kunstsache die im September hoffentlich vorbei ist“. Nur meine Bewacher schenken mir etwas Beachtung.
Endi schaute sich um und ihm fielen sofort zwei junge Frauen an einem der Nebentische auf, die offensichtlich nicht in das Standardpublikum des Dschingis Khan passten. Die knallbunte Kleidung und die Frisuren mit den strengen Ponys wiesen sie schon auf den ersten Blick als documenta-Personal aus.
Vila-Matas schaute mißmutig zu beiden herüber.
– Das sind Pim und Alka. Seit die beiden Gehilfen den armen K. in Kafkas Schloß malträtierten, ist kein Mensch von größeren Plagegeistern heimgesucht worden. Laut Maria Boston sollen sie die Entstehung und Entwicklung des Kunstwerks Writer in Residence protokollieren. Aber sie schreiben nichts. Sie sprechen nicht mit mir über das Werk und auch nicht mit den Gästen. Sind das überhaupt noch Gäste oder sind es schon Ausstellungsbesucher wider Willen? Sie machen auch keine Fotos.

Als hätten sie ihr Stichwort gehört, traten die beiden an den Tisch, schauten Vila-Matas´ Besucher mit offenkundiger Ablehnung an und sagten, sie gingen kurz nach draußen um zu rauchen.
– Du Ärmster.
Claire wandte sich mit ironischem Blick an den Schriftsteller.
– Wie ist denn diese Martinez?
– Hauptsächlich furchteinflößend. Hast du schon einmal Fotos von ihr gesehen? Du wirst keines finden, auf dem sie nicht großen Wert auf ihre bedeutungsvolle Pose legt und mit todernstem Blick in die Kamera schaut. Nachdem ich in Kassel angekommen bin, habe ich mehrere Tage versucht eine Audienz bei ihr zu bekommen um Writer in Residence zu besprechen, wurde von meinen beiden Spioninnen aber immer wieder vertröstet. Als es endlich soweit war, hat die Martinez einen zweistündigen Monolog gehalten, von dem ich nicht ein Wort verstanden habe. Seitdem sitze ich hier und fantasiere mich in ein neues Roman-Ich hinein.
Alka kam alleine zurück ins Dschingis-Khan.
– Gibt ihre charmante Freundin für heute die Bewachung auf, fragte Vila-Matas.
– Ja. Sie wissen, dass in Writer in Residence keine Gäste vorgesehen sind?
– Sie wissen, dass in Writer in Residence keine Gäste vorgesehen sind? äffte Vila-Matas seine Bewacherin nach.
– Setzen sie sich an ihren Tisch oder gehen sie sonst wohin aber belästigen sie meine Freunde nicht.
Ohne eine Miene zu verziehen setzte Alka sich wieder an ihren Platz, richtete den vorher leicht abgewinkelten Stuhl direkt auf den Tisch des Schriftstellers aus, schlug die stämmigen Beine übereinander und nahm ihre Beobachterpose ein.
Claire schaute Vila-Matas zunehmend verwundert an.
– Wie hältst Du das aus und warum brichst du dieses unwürdige Schauspiel nicht ab?
– Ich möchte nicht als der dämliche Schriftsteller in die Kunstgeschichte eingehen, der eines der interessantesten Experimente der documenta verdorben hat. Ausserdem habe ich mich noch nie während des Schreibprozesses so intensiv in ein Roman-Ich hineinversetzen können wie ich es in diesem seltsamen Restaurant vermag. Die Figur in meinem Roman heißt Autre und ist in der Lage alle Sprachen der Welt zu verstehen. Gerade sitzt er in diesem Restaurant und hört wie der deutsche Mann zu seiner Frau sagt, ihr sonst stets fades, zum eierschaligen Farbton neigendes Gesicht glühe auf einmal puterrot. Er hört wie der chinesische Koch zu seinem Kollegen sagt, er würde seine sexuelle Eskapaden vergessen und ihm verzeihen. Und er hört wie die chinesische Köchin zum deutschen Küchenjungen sagt, er sei ein Dreckskloß und irgendwann werde man ihn in der Gosse finden und um ihn zu identifizieren müssen man erst die dicke Schmutzschicht abkratzen.
Vila-Matas schaute zu Alka.
– Wo haben sie ihre charmante Begleitung Pim gelassen. Holt sie neue Instruktionen von Chus Martinez ein? Meine Freunde fragen wie lange ich hier sitzen muß. Das frage ich mich auch, wie lange muß ich hier sitzen?
Alka fixierte weiterhin unbeteiligt den Tisch, rührte keine Miene und sagte kein Wort.
– Ich wünschte, ich hätte meine Bartleby-Studie noch nicht geschrieben. Alka und Pim hätten den seltenen Fall eines zwillingshaft vereinten Bartelby-Syndroms abgegeben. Ihr „I would prefer not to!“ hätte „Wir bevorzugen nichts inhaltliches beizutragen!“ geheißen.
Der Schriftsteller wendete sich wieder Endi und Claire zu.
– Aber wie schon gesagt, das kafkaeske dieser Konstellation beflügelt meinen Roman. Sie kennen bestimmt den deutschen Film Das Leben der Anderen? Bis jetzt dachte ich immer, der unter den Repressalien des DDR-Regimes leidende Schriftsteller Sebastian Koch hätte sich in seiner mit einer charmanten Kombination von alten Erbstücken und VEB-Wohnen-Möbeln vollgestellten Wohnung das perfekte Refugium zum Schreiben komplizierter Texte geschaffen. In den Rauchschwaden unzähliger F6-Zigaretten und unter dem permanenten Druck der Stasi-Überwachung schreibt er sozusagen gehärtete Literaturdiamanten. Dann schaut noch ab und an Heiner Müller vorbei und raunt ihm konspirative Analyse der letzten kulturpolitischen Gemeinheiten seiner Kulturführungsoffiziere zu. Neidisch habe ich mir immer vorgestellt, welche Werke ich vollbringen könnte, wäre ich nur solch optimalen Gegebenheiten ausgesetzt. Mir geht es jetzt wie dem armen DDR-Dissidenten in dem Film. So sehr mich die Umstände hier auch belasten, beflügeln sie doch den Schreibvorgang.
– Vielleicht ist das so mit Kunst, erwiderte Claire. Sie gelingt am besten unter schwierigen Umständen und unter den wachsamen Augen von Spionen.
– Kann schon sein.
Alka trat zu den Dreien an den Tisch.
– Pim hat gerade angerufen. Maria Boston hat ihre Lesung vor niemanden von weit draußen jenseits des Waldes in den Konferenzsaal des Ständehauses verlegt.
Entsetzt schaute der Schriftsteller seine Assistentin an.
– Dann kann man es aber nicht mehr „Lesung vor niemanden“ nennen!
– Wir können dem Publikum ja den Eintritt verwehren.
Vila-Matas überlegte kurz, sein Gesichtszüge entspannten sich und er entgegnete:
– Das gefällt mir.
– Sie können für heute aufhören, sagte Alka zum Abschied und verließ ohne weitere Höflichkeiten das Dschingis Khan.

Vila-Matas warf ihr einen verächtlichen Blick hinterher.
– Ah, endlich frei. Nun wollen wir essen. Ich habe inzwischen notwendigerweise eine enge Beziehung zum Chefkoch dieses Hauses entwickelt. Er hat lange im Duck de Chine in Peking gearbeitet.
Nie würde er mir den Fraß seines All-you-can-eat-Buffets zumuten. Ich habe zur Feier des Tages eine Original Peking-Ente geordert. Und sein Vorrat an superiorem Reiswein ist auch nicht zu verachten.
Der Autor machte eine Zeichen in Richtung Bar und wendete sich an Claire.
– Welchen Eindruck hast du von der documenta?
– Ach weißt du, ich fürchte ich verstehe diese Avantgarde nicht.
– Das ist wahre Leistung. Das Nichtverstehen.
– Das verstehe ich nicht.
– Nun, jeder fährt nach Kassel mit dem nachvollziehbaren Vorsatz etwas zu verstehen. Und dann kommen sie an und finden alle gewohnten Mechanismen der Rezeption von Museen ausser Kraft gesetzt. Es fängt schon mit dem Katalog an. Die Abbildungen im Daybook in den Kapiteln zu den einzelnen Künstlern sind nicht die Werke die ausgestellt sind. Die Texte verwirren mit ihrer hyperkorrekten Wissenschaftssprache mehr, als sie bei dem Versuch etwas zu Verstehen unterstützen. Es gibt keinen Index, der einem dabei hilft die Location zu finden, in der das jeweilige Kunstwerk exponiert ist. Es gibt nicht einmal ein anständiges Inhaltsverzeichnis. Und mach nicht den Fehler zu versuchen, durch mehr Recherche zu mehr Information zu gelangen. Ich habe einige Ausgaben des Public Papers versuchsweise gelesen.
Vila-Matas nahm die neben ihm liegende Zeitung zur Hand.
– Ich zitiere Hendrik Folkerts im Leitartikel zum Issue No 8: „Zahlreiche Werke auf der documenta14 in Athen und Kassel werden in Vitrinen gezeigt. Das Glas dieser Vitrinen trennt das Publikum von den Objekten und dient als Ausstellungsvorrichtung die eine einheitliche Betrachtungsweise voraussetzt.“ Oder hier: „Wenn die Ausstellung ihrer Typologie gemäß den Zielen der europäischen und US-amerikanischen Nationalstaaten verpflichtet ist, dann ist die Ermächtigung, die sie vermittelt eine affektive.“
Du siehst also, es wird alles getan das Nichtverstehen zu fördern. So gewinnst du als Besucher langsam die Fähigkeit trotz deiner Ratlosigkeit souverän mit den Kunstwerken umzugehen.
– Aha. Ich fürchte so weit bin ich noch nicht. Heute hat es nur zum Erlahmen meines Interesses gereicht. Ich war richtig dankbar, als ich zwischen all diesen tagesaktuellen Kunstwerken eine Versuchung des Heiligen Antonius von Niccolò di Pietro Gerini entdeckt habe.
– Perfekt. Eine Frau wie dir kann man nicht die Souveränität nehmen. Das Bild hängt dort allerdings nur als eine als Kunstwerk getarnte Theorie. Die Werke sollen nicht als Kunstwerke für sich stehen, sondern sind sozusagen lediglich die Illustration des unterliegenden theoretischen Textes.
Endi schaltete sich in die Diskussion ein.
– Stellt euch vor, einer von den aktuellen Künstler wäre waghalsig genug, einfach nur ein Gemälde zwischen all die theoretischen Werke zu hängen. Er würde wahrscheinlich gelyncht.
Vila-Matas wandte sich an Claire.
– Du sagtest ihr würdet Zevallos treffen?
– Ja, wir haben ihn getroffen und ich muss sagen, ich war von seiner Ausstrahlung sehr beeindruckt, antwortete Claire.
– Er ist ein Wichtigtuer.
– Nein mein junger Freund, in diesem Fall fügen sie dem Künstler Unrecht zu. Schauen sie sich nur einmal seine fantastischen Todesbilder aus der Rosa Cordis-Serie an. Das dürfte gerade sie überzeugen.
Das Vila-Matas offensichtlich von Tod und Verderben gehört hatte, schmeichelte Endi.
Vila-Matas wischte auf seinem iPad furchterregende Bilder von Zevallos, bekleidet mit Brautschleier, BH und Strapsen, herbei. Mal masturbierte er seinen kleinen Penis mit lockerer Hand, mal ließ er sich von einer furchterregenden Nonne nach Hundeart penetrieren.
– Sehen sie, Zevallos als die Braut Christi. Als Katalane verstehe ich den Drang der Südamerikaner, sich theatralisch den von Europa aufoktroyierten kulturellen und religiösen Werten hinzugeben sehr gut.
Inzwischen hatte der Koch des Dschingis Khan die Pekingente an den Tisch gebracht und persönlich tranchiert.
Vila-Matas hatte gerade zu essen begonnen, als sein Smartphone funkelnd ein Anruf angekündigte.
Das Gespräch war sehr kurz. Nachdem er aufgelegt hatte, schien den Schriftsteller eine freudige Erregung zu ergreifen. Er verabschiedete sich knapp und stürmte Hals über Kopf aus dem Restaurant.
Endi schaute Claire verwundert an.
– Nicht wundern, Enrique ist manchmal sehr sprunghaft. So haben wir wenigstens etwas Zeit für uns.
Mit Genuss aßen sie die tatsächlich fantastische Pekingente und verließen das Dschingis Khan nicht ohne erfolglos versucht zu haben die Rechnung zu begleichen.
Beim hinausgehen sah Endi mit wachsendem Unbehagen den Penismann aus dem Zug alleine an einem Tisch sitzen. Der Mann schien ihn anzustarren. Als Endi seinen Blick erwiderte, zeigte er keine Regung.
Kurz verspürte Endi den Drang den Mann anzusprechen, verwarf diesen Gedanken aber rasch wieder. Der Tisch des Penismanns war von einer Batterie von Bambuspflanze verdeckt, so das er den Tisch von Endi und Claire die ganze Zeit über gut beobachten konnte, Endi jedoch nicht durch die Bambuspflanzen den Mann hätte sehen können.
Schon als er den Mann nach der gemeinsamen Zugfahrt an der Neuen Galerie erneut sah, hatte er das ungute Gefühl, dass es sich um keinen Zufall handeln konnte.

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