documenta14 III: Bernstein

Im Taxi fuhren sie durch das nächtliche Kassel zurück zum Hotel.  Das trübe Regenwetter war von einer kräftigen Brise abgelöst worden, und durch die schnell am Himmel treibenden Wolkenfetzen beleuchtete der Vollmond eine Szenerie wie aus einem deutschen Nachkriegsfilm.

– Seltsamer Typ, dein Freund Enrique.

– Nicht seltsam, interessant. Er lebt in seiner eigenen Welt.

– Leben wir nicht alle in unserer eigenen Welt?

– Endi, worauf willst du hinaus? Möchtest du wissen ob ich etwas mit Enrique hatte?

– Hattest Du? Er ist der gleiche Typ wie Bruno de Aveiro.

– Natürlich hatte ich. Lass uns aber bitte nicht über mich sprechen. Es gibt Neuigkeiten von Maruko. Sie hat die Spiritualität für sich entdeckt und sich dem Buddhismus zugewandt. Ihr geht es gut. Sie bewandert den Saigoku, den Pilgerpfad zu den heiligen Tempeln des japanischen Buddhismus. Sie ist ungeheuer stolz auf deinen Erfolg mit Tod und Verderben.

– Warum kommt sie dann nicht nach Deutschland und schaut sich die Ausstellung an?

– Ach Endi, sie hat sich jeden kleinen Fetzen an Information über deine Ausstellung einverleibt, den sie auftreiben konnte. Aber sie ist noch nicht so weit dich zu sehen.

– Noch nicht so weit? Nach zweiunddreißig Jahren? Wie alt möchte sie werden bevor sie ihren Sohn treffen kann?

– Bitte versuche sie zu verstehen. Ich weiß wie schwierig das ist. Nach den Jahren der Isolation ist der Schritt zur Religion als Öffnung zu verstehen. Sieh es als eine Übungsphase an deren Ende vielleicht die Möglichkeit für einen nächsten Schritt besteht.

– Welcher nächste Schritt soll das sein? Die Fahrt in einem öffentlichen Verkehrsmittel?

– Bitte werde nicht sarkastisch. Mein kleiner Endi, ich weiß wie schwer das alles für dich zu verstehen ist. Aber sei dir sicher, es gibt keinen Menschen auf dieser Welt der dich mehr liebt.

– Das macht es nicht leichter. Aus meinen wenigen Erinnerungen an Maruko setze ich mir heute das Idealbild der denkbar wundervollsten Mutter zusammen.

– Ihr geht es genauso. Sie hat mich gebeten, dir ein Geschenk zu überbringen.

– Was ist es?

– Warte noch etwas, du wirst schon sehen.

Im Hotel angekommen gingen sie ohne einen weiteren Abstecher in die fade Hotelbar direkt auf ihr gemeinsames Zimmer. Claire orderte beim Room-Service eine Flasche Cordon Rouge. Sie tranken den Champagner und Claire fragte Endi nach Nadine.

– Deine Trennung von Nadine ist sehr bedauerlich. Ich mochte sie gerne und ihr schient für einander bestimmt zu sein. Was ist eigentlich geschehen?

– Ich weiß es nicht genau. Ich glaube es fing alles mit Benjamin Belting an.

– Wer ist Benjamin Belting?

– Er ist so eine Art Prinz der Stadt im Norden. Adlige Familie, altes Geld, Erfolg mit der eigenen Firma und dabei sieht er noch fantastisch aus. Viele sagen er wäre ein guter Typ, ich weiß aber, dass er ein Schwein ist.

– Und was hat das mit Nadine zu tun?

– Erinnerst du dich an unseren überstürzten Aufbruch bei unserem letzten Besuch in Rouen? Das war ein Ergebnis von Benjamins Einfluss auf Nadine. Und sie hat ihn erst durch mich kennengelernt. Ich kenne Benjamin schon ewig. Wir waren in einer Klasse im Gymnasium. Wir waren Freunde. Nach einem Vertrauensbruch war unsere Freundschaft beendet.

– Was hat er getan?

– Eigentlich habe ich etwas getan. Ich habe mit seiner Schwester geschlafen. Und das hat er zum Anlass genommen, mir vorzuwerfen ich hätte sein Vertrauen gebrochen. Er sagte sogar, ich hätte die Ehre seiner Familie verletzt. Er sagte, weil wir wie Brüder seien, wäre es so als hätte ich mit meiner eigenen Schwester geschlafen und somit wäre ich ein inzestuöses Schwein. Ich bin mir heute nicht mehr sicher ob der Vorfall nicht inszeniert war um mit mir zu brechen. Ich glaube sogar, dass seine Schwester in diese Intrige involviert war. Seitdem weiß ich was es heißt, einen Feind zu haben. Sofort als er Nadine kennenlernte, habe ich bemerkt wie er versucht hat sie für sich zu gewinnen. Und es hat nicht lange gedauert bis er Erfolg hatte.

– Es hört sich an, als würdest du dich in etwas hineinsteigern.

– Nein, ich bin mir sicher, dass er sie benutzt um mir zu schaden. Wußtest du, dass Nadine als Gelegenheitsprostituierte arbeitet?

– Was?

– Ja, erstaunlich, nicht wahr. Ich habe es durch Zufall herausgefunden. Ich war in Berlin um eine alte Bekannte zu treffen die für das Bode-Museum arbeitet. Auf dem Weg zu einem Plattenladen in Kreuzberg habe ich sie auf dem Strich an der Kurfürstenstraße stehen sehen.

Claire blickte ihn entsetzt an.

– Du täuscht dich!

– Nein. Wir haben danach darüber gesprochen. Sie hat nichts geleugnet. Du kennst Nadine. Es ist schwer vorstellbar, dass sie etwas macht, für das sie sich entschuldigen oder gar verstellen muß.

– Und mit diesem Wissen konntest du weiter mit ihr zusammen sein?

– Es hat mir nicht einmal viel ausgemacht. Ich möchte jetzt nicht so viel darüber reden, aber Nadines Sexualität ist nicht gerade gewöhnlich. Und du weißt, dass ich mir nicht einbilde an die Qualitäten eines Casanova heranzureichen.

– Für die Fähigkeit, mit diesem Wissen weiter mit ihr zusammen gewesen zu sein, bewundere ich dich. Ich erlaube mir kein Urteil über Prostituierte. Ich kann mir nur schwer vorstellen, in einer Beziehung mit jemandem zu leben, der sich prostituiert.

Endi sortierte sein eigene Einstellung zu diesem Wissen über Nadine in der Rückschau.

– Es war nicht schwer, weil alle negativen und zwanghaften Aspekte die normalerweise mit Prostitution einhergehen für Nadines Verhalten nicht galten. Keine soziale Notlage, keine Zuhälter, keine Situationen ohne Kontrolle, keine Gewalt. Es hatte mehr von einem soziologisch-sexuellem Selbstversuch.

– Erstaunlich, aber vermutlich hast du Recht. So wie ich Nadine kennengelernt habe, kann ich mir das vorstellen. Und warum habt ihr euch dann getrennt?

– Wir haben uns nicht getrennt. Nadine war irgendwann einfach nicht mehr bei mir sondern bei Benjamin. Ich hatte immer gedacht, Nadine und ich ergänzen uns. Bei ihr die Sonne, bei mir der Mond. Bei ihr Wahrhaftigkeit, bei mir Sarkasmus. Ihr Leben findet in der Zukunft statt, meines in der Vergangenheit. Benjamin ist mehr wie sie. Vielleicht hat sie sich stärker nach einem Verstärker ihrer Persönlichkeit in ihrer Beziehung gesehnt als nach einem Gegenstück.

– Ich habe euch zusammen gesehen und darum glaube ich das nicht. Sie liebte deine zerstörerischen Qualitäten. Ich bin mir sicher, das letzte Kapitel eurer Geschichte ist noch nicht geschrieben.

Claire zündete eine Vogue Super Slim an und ging ins Bad.

Er ließ sich einen Kaffee auf das Zimmer bringen und brach danach umgehend auf. Endi trat aus dem Hotel auf die Straße in einen atemberaubend schönen Spätsommertag. Die tristen Wolken des vergangenen Tages waren einem Himmel von jenem tiefen Kobaltblau gewichen, welches es nur in den Tage des späten Augusts zu sehen gibt. Mit dem Gedanken an das Vakuum in seinem Leben sog er die reife, feuchte Luft mit tiefen Atemzügen in seine Lungenflügel ein. Er dachte an die prophetischen Verse von Professor Cordelius.

„… und irgendwasser floss in die Gegend wo Endi war…“

Es schien ihm, als gäben die Aneinanderreihungen tiefer Sinnlosigkeiten der letzten Monate als absurdes Ensemble seinem Leben Füllung. Die neue Nähe zu Nadine, die Ausstellung, seine Beziehung zu Maryam, die Auseinandersetzung und Demaskierung seiner Säulenheiligen der Avantgarde der vergangenen Tage und nun das vollkommen irrationale Erlebnis mit Claire. Füllung ohne Sinn. Als er vor einigen Stunden Isabelles Körper berührte, tat er es mit einem Gefühl etwas Verbotenes zu erleben und fürchtete Bestrafung durch sein schlechtes Gewissen. Nichts dergleichen stellte sich ein. Er fühlte sich so gut wie schon lange nicht mehr. Airs „Somewhere between waking and sleeping“ ging im durch den Kopf.

„In unconsciousness I can find peace

Inside prison walls I can find release.“

Endi ging die wenigen Meter vom Hotel zum Kasseler Hauptbahnhof zu Fuß. Erst schwach aber mit schnell wachsender Intensität nahm er einen vertrauten Geruch war. Sein Gehirn brauchte nur wenige Sekunden um die Informationen seiner Riechschleimhäute zu dekodieren. Er prüfte, wie er es vor einigen Wochen in Bremen getan hatte, ob es der Geruch war, den er vor dem Tod von Elly Zest in Düsseldorf bemerkt hatte. In Bremen war er sich schnell sicher gewesen, nur den Geruch des erhitzten Asphalts gerochen zu haben und sein Gehirn gab damals schnell Entwarnung. Mit dieser Überlegung im Kopf sah Endi vor sich eine Straßenfertigungsmaschine, gefüllt mit heißem, frischen Teer. Kurz dachte er, der intensive Teergeruch hätte seine Assoziation zum Tod ausgelöst.

Aber es war nicht nur der Teer. Es war auch metallische Fäulnis in der Luft. Er bemerkte wie eine tiefe Ruhe sich seiner bemächtigte und seine Aufnahmefähigkeit schärfte. Wie vor Elly Zests Tod sah er seine Umwelt wie durch eine überdimensioniertes Mikroskop vergrößert. Mit besorgtem Blick hielt er inne und betrachtete die Straßenbauarbeiter bei ihrer Arbeit. Auf ihre Schaufeln und Besen gelehnt, standen sie mit freien Oberkörpern auf dem Bürgersteig und betrachteten die grün-gelbe Maschine. Hinter dem Straßenfertiger auf der anderen Seite der Straße sah er für einen kurzen Moment den Penismann. Ihm schien, der Mann schaue zu ihm herüber als wolle er Endi etwas mitteilen. Mit ungläubigem Staunen beobachtete Endi wie der der Mann eine hastige Bewegung machte, wie um ihm ein Zeichen zu geben. Dabei stolperte er über einen ausgehobenen und auf dem Bürgersteig abgelegten Bordstein. Der Penismann kippte mit vollkommen ausdruckslosem Blick vornüber. Er trug in der einen Hand seinen kleinen Koffer und in der anderen das documenta-Daybook und so stürzte er ohne irgendeine Möglichkeit seinen Fall zu bremsen kopfüber in den heißen Teerstrom des in diesem Moment die Stelle passierenden Straßenfertigers. Der Straßenfertiger fuhr weiter und begrub den Kopf des Mannes in einer glänzenden Teerfläche.

Die ganze Szenerie erstarrte in diesem Moment im Strom der Zeit wie die Mücke im Harz des prähistorischen Baumes erstarrte, das einmal zu Bernstein werden wird. Endi konnte sich in den wenigen Augenblicken dieses Ereignisses wie in einem dreidimensionalen Gemälde bewegen. Er hatte genug Zeit „Succinit“ zu denken. Succinit, lateinischer Name für Bernstein, dessen Erzeugerpflanze immer noch unbekannt ist.

Er sah wie der Kopf des Mannes von der Teermasse aufgenommen und vollständig bis zu den Schultern verschluckt wurde. Er sah wie sich der Körper des Mannes kurz in einer Art Krampf straffte und dann erschlaffte. Die Mienen der Bauarbeiter verwandelten sich in Zeitlupe von gelangweilter Routine über erstaunter Aufmerksamkeit zu ungläubigem Entsetzen. Die Zeitspanne, die verging bevor die Passanten den Schrecken des Vorgangs bemerkten, kam ihm wie Stunden vor. Er sah die Aufschrift auf dem sich langsam weiterbewegenden grüngelben Straßenfertiger. Vögele 1900-2.

Mit einer Art eingesogenem Schreien übernahm sein Bewusstsein wieder in Echtzeit das Ruder und er schrie laut „Stopp“. Seine Stimme reihte sich ein in einen vielstimmigen Chor von Rufern.

Der Stoppvorgang der Maschine erschien ihm unglaublich zäh. Bis der mächtige Apparat zum Stillstand kam und dann langsam zurücksetzte vergingen gefühlte Stunden. Es bot sich das absurde und vom Beobachter nur unzureichend zu verarbeitende Bild eines auf den ersten Blick intakten Körpers der jedoch kopfüber im tiefschwarzen Belag der neuen Straßendecke steckt.

Langsam ging Endi zum Ort des Geschehens und konnte beobachten wie die Bauarbeiter in kaum unterdrückter Panik versuchten, den Mann aus dem glatt ausgelegtem Teer zu ziehen. Der Teer hielt sein Opfer jedoch mit widerspenstiger Kraft wie ein schnell erkaltender Lavastrom gefangen.

Als der Körper endlich aus dem Teer befreit war, steigerte sich das Groteske der Situation ins Unerträgliche. Der Kopf des Mannes schien im heißen Teer gekocht worden zu sein. Man konnte noch grob die einstigen Gesichtszüge erkennen, nun allerdings für immer in einem schwarzen Überzug erstarrt. Endis unmittelbare Assoziation waren die Schrumpfköpfe von Zevallos. Keiner der Anwesenden zweifelte bei dem sich bietenden Anblick am Tod des Mannes. Und so unternahm niemand irgendwelche Erste Hilfe- oder Wiederbelebungsmaßnahmen. Für einige Sekunden schaute Endi die Leiche des Mannes genauer an und kämpfte gegen den Eindruck seine eigene Person dort liegen zu sehen.

Bevor die Szenerie wieder in Bewegung kam, wandte Endi sich ab und setzte seinen Weg zum Hauptbahnhof fort. Er bestieg den Zug, der ihn in die Stadt im Norden bringen würde. Frühabends wieder in seiner Wohnung angekommen, fiel er in einen todesähnlichen, zehn Stunden währenden Schlaf.

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