Oktober

Der Spätsommer in diesem Jahr war verregnet. Bestenfalls gab es trockene, verhangene Tage im typisch grauen Einerlei der Stadt im Norden. Mitten im Oktober wurde es unerwartet noch einmal richtig warm. Die Sonne schien aus einem hellblauen Himmel auf die bereits ihr Laub verlierenden Bäume im herbstlichen Schlosspark. Man sah sich sonnende Passanten auf den Bänken sitzen, neben sich Stapel von abgelegter winterlicher Funktionskleidung. Für die gab es in der Stadt im Norden unzählige Fachgeschäfte. Ein großer Teil der Einwohner der Stadt schätzte praktische Bekleidung und diesen Teil der Einwohner der Stadt schätzte Endi in der Regel nicht. Auch bei heftigem Regen waren die Fahrradwege voll mit hermetisch in High-Tech-Fasern verhüllten Radfahrern.

Auf die unerwartete Wärme reagierten die Menschen irritiert. Manche waren nervös und fahrig. Andere waren so gereizt wie die Menschen der Provence bei Mistral.

Professor Cordelius war unkonzentriert und niedergeschlagen. Schon in Normalform war Cordelius kein Vorbild an strukturiertem Arbeitseifer. Gemessen an dem Produktivitätswahn eines HUO war sein Output als Chefkurator des Museums im Bereich nicht nachweisbarer Meßtoleranzen. Die gelegentlichen Erfolge und Erwähnungen in der Presse hatte das Museum der Stadt im Norden seinen Mitarbeitern zu verdanken, nicht seinem Direktor. Immerhin schaffte er es in seiner Inaktivität meistenteils dem Museum keinen Schaden zuzufügen. Anders in diesem Oktober.

Cordelius hatte sich über die Jahre den Ruf erarbeitet, jedem Rock hinterher zu jagen und der weiblichen Hälfte der Stadt im Norden mit seinem sexistischen Avancen zuzusetzen. Sein Verhalten gegenüber seinen Mitarbeiterinnen war knäbisch demonstrativ und man konnte ihn bei jeder sich bietenden Gelegenheit alkoholisiert frauenjagend erleben. Seine regelmäßigen Besuche in den Freudenhäusern der Stadt waren ein offenes Geheimnis unter den Angestellten des Museums.

Nun hatte er wohl auch noch mit Potenzproblemen zu kämpfen. Dieser Schluss lag zumindest nahe, wenn man den weinerlichen Text einer E-Mail las, die er aus Versehen nicht an seine Lieblingsprostituierte, sondern an die Kulturdezernentin der Landesregierung und in Carbon Copy an den wissenschaftlichen Mitarbeiterstab des Museums geschickt hatte. Endi war bei der Lektüre gleichermaßen amüsiert wie entsetzt. So sehr ihn der peinliche Faux-Pas seines Chefs freute, war er doch ebenso besorgt über die möglichen Konsequenzen der Mail – ging es doch um die Bewilligung von Landesmitteln zur Unterstützung von Tod und Verderben. Ohne diese Zuschüsse wären die immensen Kosten für die Leihe der Werke aus dem MNNA und dem Arentshuis nicht zu stemmen.

In der Mail schrieb Cordelius an ein gewisses „Josefinenfötzerl“, dass er „wegen seiner Labilität den dionysischen Spielen abgeschworen habe“ und sich nun „ganz lieb den irdischen Götterwonnen widmen“ wolle, die sie, Josefine für ihn bereit hielte. Wenn er auch nicht mehr ihr „starker Minotaurus“ sei, könne man doch gemeinsam noch „Lustgewinn nach Art der Sappho von Lesbos“ erzielen.

Die liebe Josefine des Professors hätte sich vielleicht über die Ansprache gefreut, wenn die Mail sie erreicht hätte, wahrscheinlicher jedoch sich vor dem nächsten Besuch ihres Stammkunden gegraust.

Die Kulturdezernentin des Landes und damit die Vorgesetzte von Professor Cordelius, gleichzeitig ihres Zeichens Direktorin des renommierten Felix Nussbaum-Hauses in Osnabrück, Frau Dr. Hildegard Wandner, war entsetzt.

Pikanterweise wählte sie, bewußt oder versehentlich, den gleichen Verteiler der E-Mail die sie von Cordelius erhalten hatte für ihre Antwort. Und so konnte der gesamte Stab des Museums im Norden lesen, dass sie sich solche perversen Abgründe nie hätte vorstellen können, es ihr vor weiteren Treffen mit dem Professor ekle und sie alles daran setzen werde, um entsprechende Anlässe zu vermeiden. Sie wäre sich zum jetzigen Zeitpunkt nicht sicher ob hier nicht auch eklatante Verstöße gegen die Dienstpflicht vorlägen, würde aber akribisch jede Möglichkeit prüfen ihn aus seiner schändlich mißbrauchten Position zu entfernen.

Cordelius, nachdem er die Mail gelesen hatte, war aufgebracht aus seinem Büro gelaufen, hatte dann laut schreiend die Fotze von Kulturdezernentin verflucht, hatte sich verzweifelt darüber beklagt, dass ein Mensch wie er zur Entfaltung seines Genies nun auch einmal Ausschweifungen brauche, dass so etwas natürlich von den vertrockneten Bürokünstlerinnen nicht verstanden würde und er auch in seinem eigenen Hause keine Unterstützung genieße. Nein, im Gegenteil, er sei sich sogar sicher, dass jeder Einzelne seiner unfähigen Mitarbeiter hinter seinem Rücken die Messer wetze um ihm bei nächst passender Gelegenheit zu meucheln.

Dann hatte er jedem der Anwesenden mit sofortiger Kündigung gedroht, sollte auch nur einer es wagen, seine Privatangelegenheiten, die nur durch ein dummes Versehen in ihre Hände gelangt waren, zu lesen oder das Gelesene auch nur zu erinnern und wie auch immer zu verwenden. Er war dann an jeden Arbeitsplatz gestürmt und hatte persönlich die Löschung der Mails überwacht.

Natürlich war sein Technikverständnis zu begrenzt um zu verstehen, dass die Ablage im Papierkorb des Mail-Programms keine endgültige Löschung herbeiführte und so kursierten die Mails, genüßlich von den Angestellten bei passender Gelegenheit eingesetzt, noch viele Monate nach dem Vorfall in den Postfächern.

Auf den verebbenden cholerischen Anfall folgte ein erschöpfter Weinkrampf hinter verschlossenen Bürotüren. An den folgenden Tagen war der Professor nicht mehr im Museum anzutreffen. Endi begann sich bereits zu fragen, ob der Professor ein Suizidaler wäre, kam aber zu dem Schluss, dass dafür der zweifellos für eine solche Tat notwendige Mut bei Cordelius nicht ausreichen würde. Und selbst wenn Cordelius doch in einem besonders jämmerlichen Moment genug Mut zusammenkratzen würde um die Welt von sich selbst zu befreien, wäre er vermutlich zu unpraktisch, um die nicht zu unterschätzenden technischen Komplikationen der Umsetzung eines Selbstmordes zu meistern. Er hatte sich einige Tage vor Cordelius` Verschwinden mit Eva Keyser über die besten Methoden sich von eigener Hand ins Jenseits zu befördern unterhalten.

Die junge Dokumentatorin des Museums teilte Endis Vorliebe für die dunklen Seiten der menschlichen Existenz. Es stellte sich heraus, dass Eva ein wahres Kompendium für Selbstmord und seine Stellung in Geschichte, Kultur und Wissenschaft war. Für den normalen Selbstmordwilligen, also für den, der nicht durch irgendwelche Krankheiten privilegierten Zugang zu stark wirksamen Medikamenten hatte, empfahl sie die Kombination von Stickstoff und Plastikbeutel. Diese Methode hätte eine Reihe von Vorteilen, unter anderem gäbe es keine schmerzvolle Phase die die Willensstärke des Selbstmörders auf die Probe stellte. Ausserdem wäre die Methode, richtig angewendet, sehr sicher und kurz vor dem Eintritt der Bewusstlosigkeit würde sich sogar ein Gefühl nicht unähnlich dem eines Cannabis-Rausches einstellen.

Nein, das wäre nichts für den Professor. Der würde sicher zu etwas klassischem greifen, Pistole oder der Sprung von der Brücke, und dabei würde gewiß etwas schiefgehen. Der Sturz würde von einem Gebüsch gedämpft werden, der Schuss würde an lebenswichtigen Teilen des Schädels vorbeigehen und schlimmstenfalls wäre der Professor am Ende noch beschränkter als vor dem Versuch.

Als Cordelius nach einer Woche wieder auftauchte, verspürte Endi zu seiner eigenen Überraschung ein an Erleichterung, ja Freude erinnerndes Gefühl. Er dachte einen Moment über seine Gefühle nach und kam zu dem Schluss, das die extrem abstoßenden moralischen und gesellschaftlichen Eigenschaften des Professors für einen Korridor der Freiheit von Peinlichkeit für die anderen Beteiligten sorgten. In seinem Windschatten fielen auch gröbere Verstöße gegen die allgemein akzeptierten Regeln menschlichen Zusammenseins ebenso wenig auf, wie mangelnde moralische Sattelfestigkeit zum Beispiel in Fragen der Verhältnisse zwischen den Geschlechtern oder der Einstellung zu Minderheiten. Der Verlust des Professors hätte die Messlatte für integres Verhalten für ihn selber, der er auch kein Vorbild an politisch korrektem Verhalten war, deutlich höher gelegt.

So ging Endi froh gestimmt durch die leeren Gänge des Museums ins Büro von Professor Cordelius um einen Rettungsversuch für die Fördermittel zu starten.

Die Tür zum Büro des Museumsdirektors stand weit offen und Endi trat leisen Schrittes ein. Der Professor sass tief versunken in seinem Bürosessel, schaute versonnen aus dem Fenster und spielte sich offensichtlich genußvoll mit den Händen in den Hosentaschen an seinen Testikeln.

– Tag Professor, alles im Griff?

Sichtlich ertappt schauten Endi zwei versoffene Augen durch einen Vorhang aus strähnigen Haaren an.

– Kannst Du nicht anklopfen?

– Die Tür war auf. Ich hoffe es geht ihnen gut! Waren sie krank?

– Frag nicht so scheinheilig. Ist doch kein Wunder wenn euer Professor durchdreht und anfängt Fehler zu machen, bei der Behandlung. Noch den kleinsten Ausrutscher schlachtet ihr schamlos aus. Von Dankbarkeit keine Spur. „Wer ohne Fehl ist, werfe den ersten Stein“, dachte ich noch und schon prasselten die spitzen Felsbrocken auf mich ein.

Endi kannte die Phasen des Selbstmitleids bei Cordelius. Immer wenn er kleine oder große Rückschläge verarbeiten mußte, war er danach für Tage am Boden zerstört. Diese Phasen waren gut geeignet, eigene Vorstellungen voranzutreiben.

– Ist doch nichts passiert. Lassen sie uns das Beste daraus machen. Was halten sie davon, wenn ich zur Kulturfotze nach Osnabrück fahre um Gut-Wetter zu machen? Ich hatte zwar bis jetzt nicht geplant der Ausstellung einen Bezug zu unserer jüngeren Geschichte zu geben, aber ich könnte mir schon das eine oder andere Werk von Nussbaum in Tod und Verderben vorstellen.

– Nenn meine liebe Freundin Hildegard nie wieder Kulturfotze. Dir steht es noch längst nicht zu, despektierlich über eine so verdiente Person zu sprechen. Für dich ist sie Frau Dr. Wandner. Ausserdem hege ich Zweifel, ob  die vertrocknete alte Jungfer über ein weibliches Lustorgan verfügt. Meinst du denn das könnte helfen?

– Natürlich. Du weißt doch wie verlegen die Wandner ist, ihren Nussbaum in anderen Häusern hängen zu sehen. Und du weißt auch, wie schwer sich andere Häuser damit tun, Werke von Nussbaum in ihre Ausstellungen zu integrieren. Ihm haftet nun einmal das Etikett des KZ-Künstlers an und mit der Strahlkraft dieses Etiketts ist es schwierig, eine andere Wahrnehmung einer Ausstellung als die des engagierten Gedenkens an die dunklen Zeiten Blabla in den Medien zu platzieren. Es besteht die Gefahr, dass die Zeitungen voll sein werden mit Berichten über das zweifellos schwere Schicksal des Mannes im Dritten Reich und keiner mehr über die kunstvollen Facetten des Todes schreibt.

In Tod und Verderben würde er aber wirklich gut passen, insbesondere die Werke seiner späten Phase, die die Ahnung des kommenden Verderbens zeigen und das unabwendbare Grauen unkonkret und offen darstellen. Ich möchte die epochalen Ereignisse zeigen, die für eine Verdichtung des Todes sorgten. Ereignisse, die für Innovationsschübe der Kultur des Todes verantwortlich zeichnen, die die Spielarten des Verderbens um neue Varianten bereichern. Die Schlachten der Antike und die Gräuel des Mittelalters. Die Idealisierung des Todes in der Romantik und die sehnsüchtige Verherrlichung der verzweifelten Todessehnsucht des Fin de Siècle und des Symbolismus. Das desillusionierte Erstaunen über die maschinelle Menschenvernichtung im ersten Weltkrieg der Expressionisten. Und natürlich die vom dritten Reich beeinflusste Kunst des Neuen Realismus für die auch Nussbaum stand. Keine Epoche hat eine spezifischere Verdichtung des Todes hinterlassen, sowohl was die Entwicklung neuer Formen des Verderbens angeht, als auch hinsichtlich der schieren Quantität der Anwendungen dieser Erkenntnisse.  Ich kenne mich bei allem was nach neunzehnhunterdzwanzig kam nicht besonders gut aus und ein Kurator aus dem Museum der Stadt im Norden, der sich als gelehriger Schüler geriert, wird der Wandner schmeicheln. Wenn es gut läuft, komme ich mit Fördermitteln und Ausstellungsstücken für Tod und Verderben zurück.

Cordelius schaute überrascht über die Ränder seiner Lesebrille.

– Du, Kurator?

– Ich kuratiere, also bin ich Kurator.

Der Blick des Professors verfinsterte sich.

– Mit Entsetzen schaue ich der häßlichen Fratze des Undanks ins Antlitz. Wie ein Vater gebe ich meinem mangelhaft gebildeten Adepten eine Chance sich um die höheren Weihen unserer Kunst verdient zu machen und schon nach den ersten zögerlichen Schritten und kleinsten Erfolgen wird es mir mit Dreistigkeit und Amtsanmaßung vergolten. Demnächst verlangt er sicher nach Beamtenbesoldung wenn ich dem nicht Einhalt gebiete.

– Reg dich ab. Du weißt, dass mir Geld glücklicherweise egal sein kann. Ich wäre sonst bestimmt nicht hier in deinem Sauladen.

– Raus, aus meinen Augen, undankbare Natter! Und lerne bis zu deinem Besuch bei Hilde ihre Nussbaum-Biographie auswendig.

Mit Wucht warf der Professor Endi das schwere Buch hinterher. Endi ging ohne sich zu verabschieden.

Weiterlesen in Tod und Verderben? Inhaltsverzeichnis

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