Nussbaum

Tief hing der Nebel über den flachen Ackerflächen des ebenen Landes als Endi über die Autobahn in die achtzig Kilometer entfernte Zwillingsstadt der Stadt im Norden fuhr. Die Sonne stand schwefelgelb am Himmel, zeitweise verdeckt von spärlichen Wolkenschwaden. Er hatte Frau Dr. Wandner am nächsten Tag angerufen und sich mit ihr für ein ausführliches Gespräch über Nussbaum in ihrem Museum verabredet. Die Direktorin war erst reserviert und fragte, ob Paul sich nicht getraute selbst anzurufen. Als Endi dann von dem Konzept zu Tod und Verderben berichtete und die Werke aufzuzählen begann, die er bereits für die Ausstellung gewinnen konnte, war sie merklich aufgetaut.

Sein Kopf war leer, bis auf einen hartnäckigen Kopfschmerz im Hinterkopf. Er hielt an einem Autobahnparkplatz. Er zündete sich eine Gauloises an. Der Rauch vermischte sich mit dem Nebel zu einer fahlen Wolke. Aus einiger Entfernung schaute ihm die Frau vom Finger-weg-vom-Handy-Warnschild aus ihren verheulten Augen an. Die großen Windräder griffen mit den langen Schatten ihrer Rotorblätter wie Finger durch den Nebel.

Nach einer Stunde Fahrt kam er am Nussbaum-Museum an. Das Ensemble aus einem kleinen, klassizistischen Gebäude mit überdimensionierten dorischen Säulen, überragt von einem offensichtlich als neoklassischem Museumsbau geplantem Eingangstrakt und vollkommen unorganisch erweitert um einen modernen Anbau aus Holz, Beton und Glas mit spitzen Winkeln und Fenster die wie Scherben in die Fassade eingefügt waren, war geeignet, schon den ersten Eindruck des Besuchers von den hermetischen Gräueln der nussbaumschen Kunst zu prägen.

Obwohl er für gewöhnlich immer pünktlich war, hatte er an diesem Tag ohne es sich erklären zu können fünfzehn Minuten Verspätung. Er betrat den Eingang im klassizistischen Empfangsgebäude und sah schon von weitem die Frau Dr. Wandner in ungeduldiger Lauerstellung. Mit flüsterleiser Stimme empfing sie ihn:

– Wo bleiben sie denn? Wir wollen doch Felix nicht warten lassen.

– Es tut mir leid, ich weiß auch nicht wie das passieren konnte. Aber jetzt bin ja hier und wir können direkt loslegen.

Die Haltung der Museumsdirektorin verspannte sich noch mehr. Hildegard Wandner flößte Endi Respekt ein. Einen Kopf größer als er, schwarzer Hosenanzug in hohen schwarzen Stiefeln, hoch aufgetürmte strenge Frisur und eine randlose Brille die ihren ohnehin schon durchdringenden Blick noch stechender erscheinen ließ, gab sie das Bild einer strengen Wächterin ihrer Museumsschätze ab.

– Wie meinen sie das, loslegen?

– Entschuldigung?

Der Blick der Wandner nahm noch einmal an Strenge zu, die Stimme wurde noch einmal leiser.

– Wie sie das meinen, loslegen?

Endi fürchtete schon nach den ersten gewechselten Worten um den Erfolg seiner Mission und versuchte durch Charme verlorenen Boden gutzumachen.

– Die Sammlung des Felix-Nussbaum-Hauses genießt einen überragenden Ruf.  Leider hatte ich bisher noch nicht die Gelegenheit das Museum zu besuchen und bin daher sehr gespannt. Natürlich kann ich ihnen auch zuerst mein Konzept für Tod und Verderben näher bringen.

Wandner schob mit leicht verlegener Geste ihre Brille zurecht.

– Was wissen sie denn über Nussbaum und unser Haus?

– Ich habe ihre hervorragende Nussbaum-Biographie gelesen und bin somit zumindest orientiert, habe aber ansonsten keine umfassenden Kenntnisse. Die Tiefe ihres Wissens um Nussbaum und seinen Kosmos ist beeindruckend. Wirklich fasziniert hat mich aber ihr ungeheuer eleganter Schreibstil. Das Buch las sich wie Proust. Ich hoffe sie planen weitere Veröffentlichungen?

Noch etwas verlegener schaute Wandner Endi an.

– Versuchen sie nicht mir zu schmeicheln. Tatsächlich arbeite ich an einer revidierten Version des Buches. Mit jedem Tag lerne ich neue Facetten von Felix Nussbaum kennen und es ist mir Auftrag diese der Öffentlichkeit nicht vorzuenthalten. Ich schlage vor wir gehen nun in die Ausstellung.

Vom Eingangsgebäude des Museums gingen sie durch schwere, selbstöffnende Türen in den angebauten modernistischen Betontrakt. An nackten Betonwänden hingen die Nussbaumgemälde, chronologisch sortiert in luftiger Hängung.

– Das Gebäude ist maßgeschneidert für Nussbaum.

– Ja. Daniel Libeskind hat Felix ein Refugium geschaffen, in dem er sich in seinen Ängsten und Qualen spiegelt. Libeskind selber spricht von einem „Museum ohne Ausgang“ um das Werk von Felix zu „verräumlichen“. Felix fühlt sich sehr wohl in seinem Haus.

Die Frau spricht von Nussbaum wie von einer realen Person, dachte Endi.

Er fragte sich, ob es sich dabei nur um eine etwas skurrile Angewohnheit handelte, oder ob pathologische Züge hinter diesem Verhalten verborgen lagen.

Zur Vorbereitung hatte er das im Internet verfügbare Werksverzeichnis Nussbaums studiert und Wandners Biografie gelesen. Die Porträts und Stilleben der Jahre vor neunzehnhundertunddreißig interessierten ihn wenig und die gehauchten Ausführungen Wandners über die wunderschönen und unbeschwerten Jahre in Osnabrück und Italien zogen ohne Eindruck zu hinterlassen an ihm vorbei. Als erstes Werk weckte der „Tanz an der Mauer“ von neunzehnhundertunddreißig seine Aufmerksamkeit. Von einem Galgenfeld kommend trugen finstere Sargträger, vorbei an einer mit hingeschmierten Totenkopfgraffitis verunstalteten Mauer, einen mit Totenköpfen verzierten Holzsarg. Die Träger waren allesamt der Rubrik der Transi zuzuordnen, lebende Leichname in verschiedenen Stadien der Verwesung. Diese Darstellungsform des Übergangs vom Leben zum Tod war im Mittelalter sehr beliebt. Der Vorgang der schrittweisen Verfalls der Leichname faszinierte die Menschen. Besonders Abweichungen vom normalen Verwesungsvorgang boten Nahrung für Aberglauben und skurrile Bräuche. Edgar Allen Poe hatte ein komplett neues Literaturgenre aus der Faszination des hindernisreichen Weges vom Leben zum Tod geschaffen.

Endi wußte von kunstvollen Kenotaphen bedeutender Toter des späten Mittelalters, die die Leichname der Verstorbenen überwimmelt von Würmern oder mit tiefen Einblicken durch die Knochen des Brustkorbs auf die Einweide gewährend darstellten. Einen solchen Kenotaph wollte er unbedingt für die Ausstellung gewinnen, auch wenn er heute noch keinen Ansatzpunkt gefunden hatte.

Die Transis auf dem Nussbaumgemälde schienen mit ihrem Schicksal sehr zufrieden zu sein, trugen sie den Sarg doch in beschwingtem Wiegeschritt, vorbei an Leichen und Skeletten die, von Ratten und Würmern angenagt auf ihre Einsargung und Verscharrung wartend auf der Strasse verrotteten, einem ausserhalb des Bildausschnitts liegendem Totenanger entgegen.

– Diese frühe Ahnung des bevorstehenden Unheils dürfte in ihr Konzept passen, raunte Wandner ihm zu.

– Ja, sehr gut. Es passt nicht nur in die Ausstellung, es gefällt mir auch ganz ausgezeichnet. Wie alt war Nussbaum als er das Gemälde schuf?

– Der Tanz an der Mauer ist von Neunzehnhundertdreissig, er war also erst Sechsundzwanzig. Bitte lassen sie uns weitergehen, dass Bild erschüttert mich immer zutiefst. Er hatte gerade erst Felka Platek geheiratet. Dies ist die Zeit in der er eigentlich eine eigene Familie hätte gründen sollen. Felka und ihm war dieses Glück jedoch nicht vergönnt.  Sie lebten ein Leben der dunklen Vorahnungen, die Gräuel des dritten Reichs klarsichtig erkennend und doch keinen Ausweg findend. Es war Felix nie möglich, ein unbeschwertes Familienleben zu führen. Wie gern hätte ich mir die Bilder seiner Kinder und von unbeschwertem Leben im Süden angeschaut.

Wandner presste theatralisch den Rücken ihrer geballten Faust vor ihren Mund, wie um ein Schluchzen zu unterdrücken und zog ihn weiter, durch klaustrophobe Gefängnisgänge mit nackten Betonwänden in den nächsten Raum. Ergriffen blieb sie vor einem Nussbaum-Selbstporträt stehen.

– Dieser Mensch. Dieser stolze Mensch. Sie haben ihn so weit gebracht, sich seines Judentums zu schämen. Verstohlen trägt er den gelben Stern unter dem Kragen seinen Mantels verborgen. Jedem muss er auf Verlangen seinen Judenpass vorzeigen.

Das Selbstbildnis mit Judenpass wirkte auch auf Endi unmittelbar. Nussbaum zeigte sich auf dem Bild in einer dusteren Mauerecke unter einem Himmel mit braunen, bedrohlichen Gewitterwolken. Gestutzte Bäume symbolisierten die Lebensfeindlichkeit der Epoche. Faszinierend sein Blick: Ohne Angst schaute er dem Betrachter mit wissendem Blick aus der Vergangenheit entgegen. Seines Schicksals gewiss, wissend ein wandelnder Toter zu sein, berichteten seine Augen, braun in braun mit dem Mauerhintergrund und dem Himmel, vom Grauen des unabwendbaren Schicksals.

– Nussbaums Blick aus dem Bild hinaus ist eine Botschaft an kommende Generationen. Er scheint zu sagen „ich bin ein anderer, dieser Judenpass bin nicht ich.“

– Darüber habe ich lange nachgedacht, erwiderte Wandner. Auch ich vernehme diese Botschaft. Ich sehe aber auch einen Hilfeschrei. Allerdings einen Hilfeschrei, ausgestoßen im Bewusstsein, dass er unerhört verschallen wird. Felix hat das Bild neunzehnhundertdreiundvierzig in seinem Versteck in Brüssel gemalt. Er wusste zu dem Zeitpunkt, dass er auf keine Rettung mehr hoffen durfte.

Die Art, wie Nussbaum seinen Judenpass zeigte, erinnerte Endi an eine Zigarettenwerbung und an Grobi in der Sesamstrasse in der Rolle des Schwarzhändlers von Buchstaben. Auch Nussbaum schien dem Betrachter ein „Hey, willst du mein J“ zuzuraunen. Kurz überlegte er diese Assoziation mit Frau Dr. Wandner zu teilen. Sie hatte jedoch bisher nicht den Eindruck besonderer Empfänglichkeit für ironische Anmerkungen erweckt, und so biss er sich lieber auf die Zunge um die gerade vorherrschende gute Stimmung nicht zu verderben.

Sie gingen weiter, vorbei an einem weiteren Selbstporträt Nussbaums. Mit nacktem Oberkörper, einer langen Pfeife im Mundwinkel und akkurat frisiertem Haar, blickte Nussbaum den Betrachter dieses Bildes mit keck zur Seite gedrehtem Kopf vor seiner Staffelei stehend, mit rehbraunen Augen aus den Augenwinkeln an. Wandler blieb mit entrücktem Blick vor dem Gemälde stehen.

– Niemals habe ich einen Mann wie ihn getroffen. Schauen sie seine Brustbehaarung, seine im Profil dargestellte Brustwarze. Alles würde ich geben in seiner Zeit, mit der Aussicht ihn zur treffen,  gelebt zu haben. Die schlimmsten Gräuel hätte ich ohne zu Zögern in Kauf genommen.

– Und überraschend dandyesk.

– Wieso überrascht sie das? Nussbaum war durch und durch Ästhet. In anderen Zeiten wäre aus ihm ein Harry Graf Kessler geworden. Oder der Bertolt Brecht der Malerei.

Endi wendete sich dem nächsten Raum zu. Beim Wechseln der Räume ging man durch einen langen, schmalen Gang an dessen Ende, prächtig durch Punktstrahler in Szene gesetzt, der Totentanz hing.

Dieses letzte von Nussbaums vollendete Gemälde, bevor er in seinem Versteck in einer Brüsseler Mansarde zusammen mit seiner Frau im Sommer dreiundvierzig verhaftet wurde, wollte Endi unbedingt für Tod und Verderben gewinnen.

Wandner stand immer noch verzückt vor ihrem Nussbaum Pin-Up. Sie schien mit dem Bild zu sprechen. Endi nahm sich die Zeit den Totentanz im Detail zu studieren. Vor dem gleichen braunen Himmel wie beim Judenpass-Selbstbildnis tanzten mit Flöten und Schalmeien musizierende Skelette auf den Trümmern der von den Schergen des dritten Reiches zerstörten Relikte der kultivierten Gesellschaft. Der Takt wurde von einem männlichen Leichnam mit einer Pauke vorgegeben. Dieser war, im Gegensatz zu seinen Kumpanen in Leichentüchern, noch mit seinem Straßenanzug bekleidet und schien sich auf der Schwelle zwischen Leben und Tod zu bewegen. Die lebenden Toten tanzten auf den zerstörten Symbolen der Errungenschaften von Kultur und Wissenschaft; eine zerrissene Filmrolle, eine Schreibmaschine mit heraushängenden Tasten, eine Uhr mit nur einem Zeiger, ein zerbrochenes Fernglas und ein verknittertes Notenblatt ergaben ihre Tanzfläche.

Dr. Wandner trat hinzu.

– Der Totentanz. Felix stellt dieses Meisterwerk ganz in die Tradition der historischen Totentanzdarstellungen. Die Darstellung des Totentanzes als Symbol der Vergänglichkeit des Lebens und der Unausweichlichkeit des Todes hat eine lange Tradition in der Kunstgeschichte. Es begann mit Darstellungen auf Friedhofsmauern die den damals üblichen Brauch des Tanzes um das Grab des Verstorbenen illustrierten, setzte sich fort in Bildern von Breughel und Bosch und wird in der Moderne wieder von Dix und Barlach aufgegriffen. Aber keiner hat es wie Felix verstanden die gesamte Epoche in nur einem Gemälde abzubilden. Wer dieses Bild betrachtet benötigt kein Lexikon, kein Geschichtsbuch mehr, um das dritte Reich zu verstehen. Alle kulturellen Aspekte einer totalitären Gewaltherrschaft, Aspekte der  Politik und des öffentlichen und privaten Lebens lassen sich aus diesem einen Bild ablesen.

– Mir scheint, im Gegensatz zu Dix, der die Gräuel des Krieges in all ihrer Drastik und Grausamkeit abbildet, geht es bei Nussbaum eher um Angst und unheilvolle Erwartung.

– Ganz richtig, antwortete Wandner. Hatte man im ersten Weltkrieg den Künstlern wir Dix und Macke noch die fragwürdige Ehre zuteil werden lassen, aktiv an den Kämpfen teilzunehmen und so die Eindrücke des Gemetzels zu Kunst verarbeiten zu können, wurden die Künstlergeneration des zweiten Weltkriegs schon vorher ins Exil getrieben wie Nolde oder zogen es wie Kirchner vor sich dem Grauen durch Suizid zu entziehen. Und für Felix als Juden blieb nur die Angst als Rohmaterial für seine Kunst.

Endi war fasziniert von dem Bild und dem Sujet. Er hatte sich bisher noch nicht intensiv mit der Geschichte des Totentanzes in der Kunst beschäftigt, konnte sich aber vorstellen dem Thema einen prominenten Platz in Tod und Verderben einzuräumen, vielleicht sogar mit einem eigenen Raum, falls es ihm gelänge weitere Exponate zu akquirieren.

– Ganz wie bei Goethes Totentanz, fuhr Wandner fort,

„Nun hebt sich der Schenkel, nun wackelt das Bein,

Gebärden da gibt es vertrackte;

Dann klippert’s und klappert’s mitunter hinein,

Als schlüg‘ man die Hölzlein zum Takte.“

– Wirklich sehr eindrucksvoll. Das Bild würde hervorragend in die Ausstellung passen.

Wandner schaute ihn das erste Mal seit sie das Museum betreten hatten direkt an.

– Sie könnten es sich also vorstellen, Felix` Gemälde in ihrer Ausstellung zur Eröffnung des neuen Traktes ihres Museums zu zeigen? Paul hat nur recht oberflächlich von dem Konzept erzählt. Was haben sie denn nun genau vor?

Wandner hatte den Namen von Paul Cordelius nur mit sichtlichem Widerwillen ausgesprochen. Da das Museum in der Stadt im Norden einen hervorragenden Ruf genoß und die Neueröffnung des erweiterten Traktes für überregionales Presseecho sorgen würde, war Endi sich sicher, das die Wandner sich ihren Teil des Glanzes, für die nicht ihrem Rang entsprechend bekannten und gewürdigten Nussbaum-Gemälde durch eine Leihe für Tod und Verderben sichern würde.

Auf dem Weg zurück zum Eingangstrakt durch sich immer klaustrophobischer verengende Gänge mit schräg zu laufenden Winkellinie berichtete Endi der Kulturdezernentin in flammenden Worten von Idee und Bedeutung der geplanten Ausstellung, natürlich nicht ohne auf die immensen Kosten für Leihe, Transport und Versicherung der Gemälde hinzuweisen.

Durch ein spitzwinkliges Fenster fiel Endis Blick auf ein, in einer Art Katakombe im Innenhof des Museums, sitzendes junges Paar. Das Mädchen saß rücklings auf dem Schoß des jungen Mannes und ganz offensichtlich waren die beiden jungen Leute völlig ungeniert in einem Freiluft-Quickie vereint. Endi befürchtete, das Wandner die Beiden ebenfalls erblicken und geschockt sein könnte. Entsprechend verwundert war er, als Wandner stehen blieb und den Vorgang mit verklärtem Blick beobachtete.

– Wie schön. Auch heute übt Felix durch die Anwesenheit seines Geistes in den Werken noch seinen wohltuenden Einfluss aus. Auch heute verbreitet seine Aura eine Refugium für die Liebe. Leider muss ich mich nun entschuldigen, ich habe heute noch Verpflichtungen.

Felix vermied es zum Abschied von Frau Dr. Wandner konkret auf Förderungsmöglichkeiten für Tod und Verderben und eine Leihe des Totentanzes einzugehen. Das Museum verfügte ungeachtet des Konzepts „Museum ohne Ausgang“ sehr wohl über einen solchen. Dieser war immerhin gut versteckt und schlicht beschildert. So überzeugend die Verschränkung des Menschen Nussbaum, seines Werkes und des Architekturkonzeptes auch war, dieser Effekt ging nicht auf. Mit einem guten Gefühl fuhr Endi zurück in die Stadt im Norden.

Nach dem intensiven Gespräch sehnte er sich nach einem faden Ort. Der Total-Autohof Holdorf bot sich als perfekte Option an. Ungefähr fünfach überdimensioniert und daher immer nahezu leer war er Konzentrationspunkt für Beiläufigkeit und wohltuende Langeweile. Endi betrat den Restaurationsbereich und nahm gegenüber der umfangreichen, aber wie immer leeren Buffetlandschaft unter einem schwarzweißen Ikea-Poster von  London mit rotem Doppeldecker-Bus, genau in der auralen Schnittmenge der Radiobeschallung des Restaurants und des direkt daneben angesiedelten Tankstellenbereichs, Platz. Natürlich waren unterschiedliche Sender eingestellt, so dass sich eine Art weißes Rauschen durch die Doppelbeschallung ergab. Am Nebentisch sass ein älteres Paar, bei dem es schwer fiel irgendwelche Unterscheidungsmerkmalen zu den tausenden ähnlichen älteren Paaren der Republik auszumachen. Ausser dem Paar waren nur noch zwei rauchende Angestellte mit Autohof-Holdorf-Shirts vor je einem großen Bier und einem Weinbrand im Raucherbereich der Autohof-Bar. Er sass bereits eine Weile als er von einer Kellnerin in Kittelschürze nach seinen Wünschen gefragt wurde. Er ging auf Nummer Sicher, und bestellte einen Tee. Die Kellnerin strahlte eine selbstverständliche Unfreundlichkeit aus, die er zuletzt bei Restaurantbesuchen in Chemnitz erlebt hatte als es noch Karl-Marx-Stadt hies.

Endi dachte über seinen Besuch in Osnabrück nach. Die Wandner hatte bei ihm einen skurrilen Eindruck hinterlassen. Für sie schien Felix Nussbaum keine Person der Kunstgeschichte zu sein, sie behandelte ihn als ebenso lebendige Person wie sie Endi behandelt hatte. Er nahm sein iPhone um bei Google und Facebook Wandners digitalen Fußabdruck zu prüfen. Sie hatte eine beachtliche Anzahl an Referenzen vorzuweisen. Eröffnungsvorträge, Gastprofessuren, Interviews zu Erwerbungen für das Nussbaum-Haus, Gutachten zur Kunstförderung der Landesmuseen, aber keine irgendwie gearteten privaten Informationen. Trotzdem oder gerade deswegen war er sich sicher, sowohl Fördergelder als auch Nussbaum-Werke für Tod und Verderben von ihr zu erhalten.

Beinahe enttäuscht stellte er beim Verlassen der Gaststätte fest, dass die Toilettenanlage nicht von seinem favorisierten Betreiber Sanifair betrieben wurde. Ohne die individuelle Extravaganz einer nicht hochstandardisierten Toilette hätte es der Autohof Holdorf nach ganz oben auf seine Liste der faden Orte geschafft.

In der folgenden Woche erhielt er mit der Museumspost eine Päckchen von Dr. Wandner. Enthalten waren ein Buch und ein Brief.

„Lieber Herr Warhold,

vielen Dank für ihren schönen Besuch im Nussbaum-Haus. Finden sie anbei „Menschen und Masken“. Dieses Buch vereint tief empfunden literarische Eindrücke von hoffnungsvollen deutschen Schriftstellern. Die Texte werden ihr Verständnis für Felix steigern. Lesen sie bitte besonders intensiv „Malen“ von Zaimoglu. Unter der Bedingung, dass sie seinen Text in den Katalog zu ihrer geplanten Ausstellung aufnehmen, darf ich sie bitten die logistischen Fragen für eine Leihe von Tanz an der Mauer und Totentanz zu klären.

Hochachtungsvoll

Dr. Hildegard Wandner“

Endi reichte den Brief an den Professor weiter.

– Mission accomplished.

Auf dem Gesicht des Professors war eine Spur von Erleichterung zu erkennen.

– Ich habe doch sofort gesagt, dass wir diesen kleinen Vorfall nicht aufbauschen und dramatisieren sollten. Trotzdem kein Grund wie George Bush zu sprechen, diesem Tiefpunkt aller Präsidenten von dem niemand glaubte, dass er jemals unterboten werden könnte, bis die aktuelle Karikatur eines Politikers an die Macht gespült wurde. Was soll denn dieser Zaimoglu-Quatsch?

– Weiß ich auch nicht. Der Mann faselt in dem Text von haarenden Welpen,  windfühlenden Männern und Pfaffenweihrauch. Früher hat er starke Geschichten im Jargon der Deutschtürken der Kieler Kleinkriminellenszene geschrieben. Heute meint er das Mittelalter sprachlich rekonstruieren zu müssen und erfindet ohne Not verschwurbelte Luther-Geschichten.

– Ja, schrecklich. Ich mußte zu einer Lesung von dem Clown im Literaturbüro. Selten war der arme Professor prätentiöseren Kitschattacken ausgeliefert. Der hat nicht gelesen, der hat versucht ein Ein-Mann-Hörspiel live aufzuführen. Selbst die hartgesottenen Kulturjungfern vom Literaturclub schauten blümerant und nutzten die erste Gelegenheit schnell zu verschwinden.“

Endi durchflutete eine Welle von Sympathie für die Arschmade. Wenn er auch ein jämmerlicher Lüstling war, in ihrer Abneigung gegen Kitsch verband sie immer wieder ein starkes Band.

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