Endi war hohl

Endi war hohl. Endi war an diesem Samstagmorgen ganz besonders hohl. Endi kam jeden Samstag in meinen Plattenladen. Also kam er auch an diesem sechzehnten Januar ins Spektrum. Als er um zehn Uhr den Laden betrat, sah er immer noch wie der Rest einer abgebrannten Feuerwerksbatterie aus. Und damit meine ich nicht eine elegante am frischen Neujahrsmorgen im Garten steckende bunte Papphülle mit filigranem Holzstiel. Nein, Endi sah aus wie eine von diesen neuen, nur einmal für fünf Minuten Knalleffekt zu zündenden, nun jedoch schon mehrere Male plattgefahrenen Kastenbatterien. Die Sorte, von der Menschen, die in ihrem Leben noch nicht mehr als zehn Euro für Bücher ausgegeben haben, ohne mit der Wimper zu zucken zweihundert hinlegen, um sie am nächsten Tag in die Luft zu blasen. Dabei schauen sie dann nicht einmal auf die manchmal ja ganz erstaunlich schönen Muster am Himmel, sondern Anerkennung heischend auf die Gesichter der restlichen Silvestergesellschaft. Wenn dann noch die Nachbarn mit einer Mischung aus Neid und Anerkennung hinüberschauen, kann das neue Jahr kommen.

– Hi Endi, `n schönen Abend gehabt?

– Na ja. Es war halt unsere Stadt. Es waren halt überkandidelte Provinz-Mods in ihren späten Vierzigern.

– Verschone mich bitte mit Deinem üblichen Gejammer über unsere Provinzmetropole. Wie Du aussiehst, ist aber noch mehr passiert?

– Frag nicht. Wenn ich Dir sage, daß Nadine da war und das Benjamin da war und das die Polizei mitgemacht hat, sollte Dir der Rest alleine klar sein.

Damit hatte Endi Recht. Endi war mit seinen siebenunddreißig Jahren immer noch der am wenigsten reife Mensch der mir je begegnet war. Ständig auf der Suche nach Sinn, jeder Chance zur Profilierung hinterher jagend, hatte er ein Abonnement auf Probleme. Unter der Wirkung seiner Hauptdroge Wodka, regelmäßig flankiert von einem breiten Arsenal an Nebendrogen rutschte er immer wieder in komplizierte Situationen. Endi und Nadine waren vor Jahren ein Paar gewesen und alle dachten das wäre die große Liebe und Endi wäre nach langer Zeit auf See in seinem Heimathafen angekommen. Aber wie immer bei Endi ging irgendwas schief und Nadine fing Feuer für Benjamin Belting. Anfangs drehten sich Nadine, Endi und Benjamin in einer zerstörerischen Menage á trois. Noch heute hört man regelmäßig Geraune, daß die Grenzen der sexuellen Orientierung bei den Dreien zu der Zeit fließend waren. Die Geschichte endete allerdings böse mit einem Messer in Benjamins Brust, welches ihm leicht das Leben hätte kosten und Endi eine lange Zeit hinter Gittern hätte bescheren können. Zum Glück für beide verfehlte das Messer alle lebenswichtigen Organe. So war Benjamin nach vier Wochen wieder einsatzbereit und Endi mit einer Bewährungsstrafe gut bedient. Seitdem waren Nadine und Benjamin zusammen. Emotional war die Geschichte für Endi auch heute noch nicht ausgestanden, und so konnte bei den unvermeidlichen Zusammentreffen von Nadine, Benjamin und Endi auf den Szene-Events der Stadt im Norden alles passieren.

– OK, ich frag nicht weiter, schon um meine Kunden vor den mit Sicherheit scheußlichen Fakten zu schützen, die Du bestimmt nur zu bereitwillig und mit kräftiger Stimme vortragen würdest.

Endis Mitteilungsbedürfnis wurde nur von seiner Eitelkeit übertroffen und so legte er trotz meiner Warnung mit der Geschichte los.

– Nadine sah gestern fantastisch aus. Sie hatte ihren Schulmädchen-Look an und machte damit mehr Eindruck als wäre die Thérèse von Balthus ins Elements gekommen. Und dann fängt dieser beschissene Benjamin an, ihr für alle sichtbar unter dem Rock in den Slip zu fassen. Ich sehe natürlich, dass Nadine das nicht möchte und greife ein. Du weißt ja was Belting für ein Waschlappen ist wenn es körperlich wird. Ich habe ihn schnell im Schwitzkasten auf dem Boden aber dann fängt plötzlich Nadine an durchzudrehen, sitzt auf meinem Rücken, trommelt mit ihren kleinen Fäusten auf mich ein, und schreit hysterisch ich würde ihn töten und man müsse mich stoppen. Man sollte denken mit diesen kleine Händen kann sie nichts anrichten, aber ich bin voller blauer Flecke. Ich habe dann auch sofort aufgehört, aber der Wichser hat trotzdem die Polizei gerufen mit Anzeige wegen Körperverletzung und allem drum und dran. Und was mich am meisten fertig macht: Nadine hat so getan als wäre ich das Arschloch!

– Mann Endi, wann akzeptierst du endlich, dass Nadine nicht mehr bei dir  ist?

– Das verstehst du nicht. Zwischen Nadine und mir ist ein unzerstörbares Band. Ich weiß das und sie weiß das. Wir werden immer verbunden sein, egal von welchen anderen Menschen wir geschieden sein werden.

– Das wird Maryam freuen.

– Idiot, Maryam weiß das und für sie ist es völlig unerheblich.

Maryam Fneish war die Frau, deren Verhältnis zu Endi aktuell am meisten dem glich, was gewöhnliche Menschen als Beziehung bezeichnen. Sie war eine internationale Performance-Künstlerin und entsprechend weit war ihr Begriff von Normalität. Ich hatte sie noch nie getroffen, aber alleine aus den wenigen Details, die Endi über sie erwähnt hatte, hatte ich das Bild einer Frau vor Augen, die ihr Leben und das Leben der Menschen mit denen sie zu tun hat, als Dauer-Performance gestaltete. Ich konnte mir tatsächlich gut vorstellen, dass sie von Endis Nadine-Manie wußte und davon eher als aufregenden Einbruch echten Lebens in ihre Aufführung fasziniert war, als über die emotionale Konkurrenzsituation verärgert.

– Bist Du mit deiner Ausstellung weitergekommen?

Endis zahlreiche Versuche etwas Eigenes zu erschaffen waren allesamt fehlgeschlagen. Der letzte Erfolg von Endi lag schon eine Weile zurück. Vor fünf Jahre hatte er ein Buch mit Essays über die Verbindung von Rocksongs mit realen Ereignissen geschrieben, die Geschichten hinter The girl who lives on Heaven Hill, My Wife, A bomb in Wardour Street und einer Menge weiterer Stories im Songformat. Damals hoffte er auf eine Karriere als Schriftsteller. Diese Hoffnung ging aus dem einfachen Grund, dass er kein weiteres Buch zustande brachte den Bach runter. Auch das war typisch für Endi. Er hatte auf vielen Gebieten ein riesiges Potential, zog aber bereits aus kleinsten Erfolgen genug Bestätigung um jeden Drang etwas Größeres, Besseres nachzulegen zu verlieren. So blieb es dann bei wenig bemerkenswerten Ansätzen, was Endi zunehmend frustrierte und aushöhlte. Viele Anfänge, viele lose Enden.

Über die Jahre hatte er sich so in der Stadt im Norden den Ruf eines gescheiterten Künstlers und gesellschaftlichen Enfant terribles erarbeitet, galt aber gleichzeitig als charmante Ikone für Stil und guten Geschmack.

Nun arbeitete er als Handlanger im Museum und half bei der Organisation von Ausstellungen.

Er selbst bezeichnete sich als Kurator. Endi hatte immer schon versucht Teil des Kulturbetriebs zu sein. Nach einem gescheiterten Kunststudium, Anläufen als Zeichner, Maler, Autor und Performer hoffte er nun seine Nische gefunden zu haben.

Nachdem überraschenderweise Gelder aus dem Kulturetat des Landes zur Renovierung eines lange nicht genutzten Seitenflügels des Museums zur Verfügung gestellt worden waren, war Endi davon besessen eine Ausstellung mit Gemälden zum Tod und zu Todesarten zur Eröffnung auf die Beine zu stellen. Genre-, stil- und epochenübergreifend wollte er die Stellung des Todes in der Kunst zelebrieren.

– Ich glaube, ich habe die Arschmade bald soweit. Die Idee ist so großartig, daß selbst diese Niete sich nicht traut abzulehnen, nur um mich niederzumachen.

Die „Arschmade“ war Endis gängige Bezeichnung für Professor Paul Cordelius. Cordelius war der Direktor des Museums. Er hatte früher revolutionäre Ausstellungen und extreme Happenings konzipiert. Mit Aktionen wie dem Künstler, der zwei Wochen Tag und Nacht in einer gläsernen Zelle im Museum beobachtet werden konnte oder der Künstlerin mit der das Publikum machen kann was es will, hatte er der kleinen Stadt im Norden zeitweilig den Ruf einer Hauptstadt der Performance-Kunst gesichert.

Heute war er nur noch ein bequemer Provinzkulturschaffender, der bereit war, alles den Besucherzahlen und dem Wohlwollen der Sponsoren unterzuordnen. Auch persönlich hatte er sich vom glühenden Kunstberserker mit hohen ethischen Grundsätzen zum degenerierten Megakonsumenten von Luxus und Beziehungen entwickelt.

– Würde mich sehr für Dich freuen.

Ich kannte Endi nun schon seit über zehn Jahren und in der ganzen Zeit suchte er nach Sinn und Erfüllung für das – ich verwende seinen eigenen Ausdruck – Loch das man Leben nennt. Seit ein paar Jahren suchte er Füllung im Kunstbetrieb. Das passte gut zu ihm. Er befand sich permanent in anderen Sphären als seine Mitmenschen. Nichts war ihm verhaßter als die praktischen Dinge des Lebens. Wobei „verhaßt“ für seine Abneigung gegen Ämter, Baumärkte und Lebensläufe ein zu starkes Wort ist. Lästig. Am liebsten würde er diese Dinge nicht einmal ignorieren.

So kam ich ihm gerade recht als Stütze für die unvermeidlichen profanen Dinge des Lebens. Einer von vielen Umzügen mußte organisiert werden? Ohne Antrag auf Arbeitslosengeld pleite? Anzeige nach Kneipenschlägerei? In diesen Fällen war ich Endis erste Anlaufstelle.

Ich möchte mich aber nicht beklagen. Mit meinem kleinen Plattenladen war mir Endis Freundschaft mehr wert als alles Andere. Ohne ihn hätte ich die besten Parties, die interessantesten Leute und wohl auch die besten Ficks meines Lebens nicht erlebt. Auch wenn es meistens nur die mittelhübschen Begleitungen von Endis Liebschaften waren – häufig konnte ich durch ihn Treffer über meinem Niveau landen.

Als Jugendlicher hatte mich Kunderas Beobachtung beeindruckt, nach der Frauen nicht nach schönen Männern suchen, sondern nach Männern mit schönen Frauen. Bei der Partnerwahl wäre es aus der Sicht der Frau für die Attraktivität ihres potentiellen Partners wichtiger, mit welcher Frau er vorher schon zusammen war, als die Attraktivität des Mannes selbst. Mein Liebeslebenslauf bevor ich Endi kannte, kann als Beleg für diese Theorie gelten. Anders aber als bei Kunderas Helden funktionierte das Prinzip bei mir als Abwärtsspirale. Mit jeder Verzweiflungsfreundin verringerten sich meine Chancen, bei den Mädchen zu landen, die mich wirklich interessierten.

Endi hingegen war ständig von spektakulären Frauen umgeben, und auch die weniger spektakulären Freundinnen der spektakulären Frauen, die für mich abfielen hoben mein Ansehen weit über das aus eigener Anziehungskraft erreichbare Niveau.

Dieser Effekt ist ein schönes Beispiel für Stage Migration. Dabei geht es um die Möglichkeit mit dem Wechsel eines Elements einer Gruppe in eine andere den Mittelwert beider Gruppen steigen oder fallen zu lassen. Im klassischen Beispiel des Entertainers Will Rogers ziehen die Okies – die besonders engstirnigen Einwohner von Oklahoma City –  von Oklahoma nach Kalifornien und heben so den durchschnittlichen Intelligenzquotienten in beiden Staaten an.

Bei Endi und mir hebt Endi seine Attraktivität für die nächste Frau, in dem er konsequent die zweit begehrenswerteste Frau mir zuschanzt und sich an die begehrenswerteste hält, während meine Attraktivität für die Frauen die ich wirklich haben möchte, mit einer Affäre mit der zweiten Wahl steigt. Man kann nun natürlich fragen, warum ich dann nicht gleich bei der zweiten Wahl bleibe, aber das wäre dann immer noch eine Beziehung deutlich über meinem Normalniveau und das stelle ich mir sehr anstrengend vor. Wie immer wenn ich etwas länger über meine Freundschaft zu Enid nachdachte, kam ich nach kurzer Zeit an den Punkt, an dem mir auffiel, dass es sich um ein sehr asynchrones Verhältnis handelte. Um diesen Gedanken zu verscheuchen fragte ich mich wieder zurück auf sicheres Terrain:

– Deine Platte des Jahres?

– The Magic Whip, Blur, aber nur wegen eines Songs, Thougt I was a spacemen. Komisch, aus dem Thema Space werden immer tolle Rocksongs. Mit Mr. Spaceman von den Byrds ging es los, frühe Höhepunkte wurden von Bowie mit Space Oddity und Starman erreicht, dann kam Elton Johns Rocket Man und nun schickt Blur einen entfremdeten Astronauten auf den Mars. Die haben so einen massiven Mix von Keyboard und verzerrtem Gitarrensound eingebaut, der sich in Wellen über den Verlauf des Songs steigert und am Ende denkst du, du sitzt selber in einer schlingernden Raumkapsel. Und für Dich?

Die Leidenschaft für Musik war sicher unser stärkstes Band. Endis Musikgeschmack war exzellent und er glänzte mit seinem Wissen um die popkulturellen Aspekte seiner Helden. Das Zentrum seines Musikuniversums war eindeutig Großbritannien. Ausgehend von den Helden des Postpunks vom Factory- und 4AD-Label verzweigte sich dieses Universum in allen Stilrichtungen die sich eher mit den dunklen Aspekten der Gesellschaft auseinander setzten. So konnte man in seinem Apartement nach The Queen is dead von den Smiths direkt im Anschluss Coltranes A Love supreme und nach Slapp Happy eine Dub-Scheibe von Lee Scratch Perry hören.

Insofern war seine Antwort auf die jedes Jahr wiederkehrende Einordnung der Neuerscheinungen in den Kontext ihrer bleibenden Bedeutung keine Überraschung. Die Blur passten mit ihrer stilsicheren Mischung von tollen Songs und ausgefeilten Sounds voll in Endis Geschmacksraster. Endi war die Verkörperung dieser Musik.

Groß, mit schmalem Gesicht, dunklen Augen, blauschwarzen, immer akkurat frisierten Haaren war Endi niemals in etwas anderem als einem schmal geschnittenen Anzug anzutreffen. Gut angezogen war er auch heute, allerdings steckte im maßgeschneiderten Anzug ein versoffenes Wrack mit käsiger Haut und roten Augen.

Meine eigene musikalische Ausrichtung drehte sich stärker um die amerikanischen Wurzeln von Blues und Rock.

– Sun Kill Moon, Universal Themes. Ich steh auf alles von Mark Kozelek.

Mitleidig schaute Endi mich an.

– Logisch. Die Red House Painters fand ich noch ganz OK, wenn auch etwas langweilig. Mit diesem Americana-Gewimmer kann ich aber nicht viel anfangen. Mein Album 2016 steht auch schon fest.

Black Star?

– Was sonst. Ich hab schon als Magic Whip rauskam gedacht, Thought I was a Spaceman gäbe ein wunderschönes Requiem für den Fall das David Bowie einmal stirbt. Und nun hat er uns kurz vor seinem Tod sein selbstgeschriebenes Requiem hinterlassen. Wenn ich jetzt Starman höre muss ich weinen.

Ich konnte mir gut vorstellen, dass Endi wirklich weinte, wenn er einen Bowie-Song hörte. Ich hatte manchmal den Eindruck, dass er intensivere Gefühle für Dinge und Produkte entwickeln konnte, als für Menschen, mit Ausnahme vielleicht für Nadine.

– In meinem Büro liegen Karten für David Bowie Is im Groninger Museum. Hat die Arschmade von dem dortigen Kurator Mark Wilson bekommen. Ich wollte da eigentlich nicht hingehen, einen Popstar kann man nicht ausstellen. Jetzt hätte ich allerdings schon Lust, alleine um tief in die Trauer um Bowie eintauchen zu können. Wollen wir zusammen fahren?

Die Gelegenheiten zu denen wir uns ausserhalb des Spektrums trafen waren in der letzten Zeit rar geworden und so sagte ich gerne zu, zumal es nun nach Bowies Tod unmöglich geworden war, noch Karten für die Ausstellung zu ergattern.

– Ich muß jetzt los, die Arschmade wartet. Tschüß Fog.

– Bis dann, Endi.

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