Füllung

Nachdem Endi das Spektrum verlassen hatte, ging er über den Rathausplatz den von den Dächern der klassizistischen Gebäude des Schlosses herabstürzenden Schmelzwasserkatarakten ausweichend vorbei am Park zum Museum. Es war einer der wenige Tage des Jahres an denen es geschneit hatte und das Museum lag von einer dünnen Schneeschicht bedeckt am Rande des Parks. Sein Schädel fühlte sich hohl an und die Worte von Syd Barretts Song „No man`s land“ zirkulierten in perpetuierenden Schleifen zwischen Os frontale und Os occipitale im Kranium hin und her ohne irgendwo auf Widerstand zu stoßen.

„Just searching you even try/I can make you smile/

If it`s there, will you go there too?/When I live I die.“

Genau so war es. Endi war auf der Suche nach Füllung für seine Hohlräume. Die Leere in seinem Leben fühlte sich wie die Vorwegnahme des Todes an. Er war nicht lebendig, und wenn er dieses Leben so weiter leben würde, würde es ihn umbringen bevor er richtig gelebt hatte. Als er Nadine traf, glaubte er für kurze Zeit das Niemandsland seines Lebens zur Nation machen zu können. Als Nadine und Benjamin zusammenkamen, verlor er auf einen Schlag seine wichtigsten Bezugspunkte.

Früher war ihm das Leben jenseits seiner Beziehungen einerlei gewesen. Identifikation hatte er nie aus sich selber geschöpft, sondern über die Menschen, mit denen er interagierte. Durch den Reichtum seines Vaters und die aus Mangel an Zuneigung gedankenlose Ausstattung mit nahezu unerschöpflichen Mengen Geldes hatte er nie den Wert eigener Leistungen zu schätzen gelernt. Er hatte vieles angefangen und vieles fortgeschmissen bevor erste Ergebnisse erkennbar waren. Inzwischen widerte ihn das Kriechen in diesem Niemandsland auf Augenhöhe mit all den anderen Würmern und Kröten an.

Ihm kam der orange und violett gestrichene Dielenboden von Syds Appartement auf dem Albumcover von „The Madcap Laughs“ in den Sinn. Er hatte sich immer schon vorgestellt, dass Syd Barrett den Boden in wechselnden Farben gestrichen hatte, um seiner Leere, seiner Bodenlosigkeit eine Struktur, etwas zum Festhalten zu geben. Wenn Sinatra als eingefleischter Alkoholiker sagte, dass man nicht wirklich betrunken ist, wenn man auf dem Boden liegen kann ohne sich festzuhalten, dann war Syd Barretts Fußboden das exzessive Gegenstück für den Konsumenten von Acid und LSD. Bloß, dass es bei Barretts Exzessen nicht nur die vertikale Dimension eines Alkoholdeliriums zu beherrschen galt – mit Alkohol geht es immer nur nach unten – nein, Barrett mußte förmlich dagegen ankämpfen sich vollständig aufzulösen, er mußte buchstäblich jedes Atom seines Körpers davon abhalten zu desintegrieren. Dabei war das nackte Mädchen – bekannt als Iggy the Eskimo –  auf dem Hocker hinter Barrett sicher auch keine große Hilfe.

Endis eigene Orientierung, das Element um den Prozess des Eingesogenwerdens seines Lebens in ein schwarzes Loch zu stoppen, sein Weg aus dem Niemandsland, sollte eine von ihm kuratierte Ausstellung zur Bedeutung des Todes in der Kunst sein. Eine grandiose Ausstellung mit Bildern zu Todesarten und dem Vorgang des Zerfalls. Und er wäre der Kurator. Endi hatte eine Menge negative Eigenschaften, sich selbst zu belügen gehörte nicht dazu. Eines Morgens wachte er auf und realisierte, nach allem was er angefangen und nicht beendet oder nicht einmal weitergeführt hatte, dass er nicht dazu geschaffen war, etwas Eigenes zu produzieren. Er könnte jedoch die Fähigkeit einbringen, derer er sich am sichersten war. Seine Distinktion.

Die Tätigkeit und der Rang des Kurators im aktuellen Kunstbetrieb erschienen ihm verlockend. Allen voran die Karriere von HUO, aber auch die von Beatrix Ruf vom Stedelijk in Amsterdam oder der nachwirkende Ruhm eines Harald Szeemann waren von nun an seine Vorbilder um zu schillerender Anerkennung zu kommen. Ihnen folgend, würde er versuchen seinen Platz im Kulturbetrieb zu finden, ohne eigene künstlerische Kreativität aufbieten zu können. Der Bedarf an Erschließung der Kunst für ein immer breiteres Publikum, welches immer weniger Zeitaufwand für die Suche nach und das letztendliche Verstehen von Kunst zu betreiben bereit war und doch mitreden, als kultivierte Menschen erkennbar sein wollte, verlangte nach Menschen, die in der Lage waren, eine Auswahl, eine Zusammenstellung nach bestimmten Relevanzkriterien zu treffen. Unter diesem Aspekt war der Kurator gut mit dem DJ vergleichbar. Menschen, die in den Neunzigern zu Raves gingen, um sich von einem DJ die Auswahl der neuesten oder zur gerade gewünschten nostalgischen Stimmung passenden Musik auflegen zu lassen um sich dann hip und lebendig zu fühlen, gingen heute in Ausstellungen mit den gleichen Motiven und dem gleichen Anspruch an den Kurator.

So war der Status des Kurators der eines Vordenkers und Meta-Künstlers, er war derjenige der es schaffte aus dem Ozean von Kunstwerken eine Auswahl zu treffen, das Bedeutende von dem Unbedeutenden zu trennen, Zusammenhänge zu erkennen und sichtbar zu machen und es so dem Publikum zu ermöglichen, die Kunst nicht etwa zu verstehen – neunundneunzig Prozent der Besucher von Ausstellungen gingen ins Museum wie sie in ein Kaufhaus gingen, oder zeitgemäßer, wie sie bei Amazon Online-Shopping zelebrierten, nur, dass sie aus dem Museum das gute Gefühl mitnahmen kultiviert zu sein und nicht etwa das letzte Technik-Gadget – sondern Kunst auf hohem Niveau zu konsumieren. So wie für diese Menschen der Gedanke „Aha, ich betrachte also ein berühmtes Kunstwerk und erscheine dabei recht kultiviert…“ vermutlich bedeutender für das Erlebnis Kunstausstellung war, als die tatsächliche Wirkung der betrachtenden Kunstwerke auf Geist und Bewusstsein, so war die Funktion des Kurators regelmäßig wichtiger als die des Künstlers selber. Der Kurator musste in der Lage sein, bewegende Kunst zu erkennen. Er musste schauen können, wo andere nur sehen. Diese Fähigkeit wurde benötigt, um den zu weiten Teilen ungeübten und nur oberflächlich interessierten Besuchern seiner Ausstellung trotz ihres fehlenden Zugangs zu den Werken, die beglückende Erfahrung von Kunst und vom Verständnis von Kunst zu ermöglichen. Wenn er das schaffte, wenn er es schaffte, den Besuchern das inspirierende Erlebnis „Kunstgenuss“ zu offenbaren, erlangte er möglicherweise einen höheren Rang als der einzelne Künstler, den er mit seinem Publikum zusammenbrachte.

Ohne den Kurator würde der Künstler nur einer kleinen Nische von Wissenden bekannt sein, nur die Avantgarde der Konsumenten würde die Avantgarde der Objekte ihrer Begierde kennen.

Als Kurator hätte Endi die Möglichkeit, seine eigene Brillanz über die Werke Anderer ausdrücken zu können. Die damit einhergehende natürliche Limitation auf die existierenden Werke zum jeweiligen Sujet erschien ihm dabei keineswegs problematisch. Es gefiel ihm, nur auf bestehendes zurückgreifen zu können, und nicht etwa den Druck zu verspüren selber etwas beitragen zu können oder schlimmer noch, zu müssen. Nur was es schon gab konnte verwendet werden.

Er wollte auch keineswegs wie der große HUO mit lebenden Künstlern arbeiten und in eine intensive Kurator-Künstler-Beziehung investieren, zumindest noch nicht. Vorerst würde es ihm genügen, den Werken toter Künstler eine Plattform zu errichten.

 

Als Endi am Museum eintraf, hatte er ein gutes Gefühl. Wie immer schaute ihn der Museumswärter wie zum ersten Mal ohne ein Zeichen des Wiedererkennens an.

„Guten Tag. Momentan gibt es keine Ausstellung. Das Museum wird renoviert.“

„Schon gut. Ich habe eine Termin mit Professor Cordelius.“

„Ach so, ich rufe ihn an.“

„Nicht nötig, ich kenne den Wege.“

Endi ging durch die beinnahe fertig renovierten Ausstellungsräume zum Büro von Museumsdirektor Paul Cordelius. Beim Blick auf das web-moderne Petrolblau der Wände überkam ihn wie immer, wenn er in den letzten Wochen dieser Scheußlichkeit ausgesetzt war, eine leichte Übelkeit. Warum mußten nun auch schon Museen wie Instagram-Seiten aussehen? Und wie konnte er für die Ausstellung in diesen Räumen die Atmosphäre schaffen, die ihm vorschwebte. Die Ausstellung sollte eine Wirkung hervorrufen, ähnlich den Empfindungen, die der Besuch der Hohenzollerngruft des Berliner Doms mit den Sarkophagen des Großen Kurfürsten und Friedrichs des Ersten zu wecken in der Lage war. Angesiedelt zwischen der barocken Wohlfühlgruselstimmung kakanischer Begräbniskultstätten für die Gefühlsebene in Verbindung mit der vergeistigten Präsens einer documenta sollte der Ausstellungsbesucher die sinnliche Distanz zum Tod und zum Moment des Todes überbrücken können. Endi besuchte die Gruft jedes Mal wenn er in Berlin war. Dort war ihm auch die Idee zum Ausstellungskonzept gekommen.

Auf dem Weg ins Büro von Cordelius schaute er kurz bei Eve Keyser, der Dokumentatorin des Museums vorbei.

– Hallo Eve!

Verwirrt schaute sie ihn aus ihren dickrandigen Brillengläsern an.

– Ach Endi, was machst du denn heute hier?

– Ich muss die Arschmade weiter bearbeiten, damit er mein Ausstellungskonzept unterstützt.

Cordelius war zwar die Arschmade. Er hatte sich vom Kunstbesessenen zum seichten Provinzstadtprominenten entwickelt. Er war bigott in seinem linksliberalen Prunk. Aber tief in seinem schartigen Schädel schlummerte immer noch der geniale Draufgänger in Sachen Kunst. Es gab keinen Menschen, der bei Endi eine weiter auseinanderklaffende Schere der Wertschätzung hervor rief. Endi bewunderte Cordelius für sein tief empfundenes Verständnis und Wissen für Kunst in gleichem Maße wie er ihn für seine persönlichen Defizite verachtete.

Für seine Zeichenkünste stand Cordelius früher selber an der Schwelle zum Ruhm. Er zeichnete endlose Serien von filigranen, aber immer düsteren Ansichten der abseitigen Aspekte des Lebens.

Zu Körpern gewordene Musikinstrumente oder Musikinstrumente die aus Körpern herauswuchsen. Porträts von zerfließenden und auseinander fallenden toten Künstlerpersönlichkeiten, die sich ohne Zweifel – wenn sie denn noch könnten – gegen derartige Darstellungen verwahrt haben würden.

Seltsam explizite und doch nicht genau erfassbare Phantasien von einzelnen Körperteilen die mit anderen Körperteilen oder Dingen, Ästen, Skeletten oder zerbrochenen Gefäßen auf unsägliche Art und Weise in einem mechanisch-organischem Tanz kopulierten. Naturnahe, aber nicht reale Phantasiegeschlechtsteile vermochte er in drastisch geschwollenen Formen darzustellen. Die Bilder hatten die Fähigkeit beim Betrachter gleichzeitig Ekel und Erregung hervorzurufen. Endi dachte manchmal, dass die Zeichnungen eine Art Therapie für Cordelius gewesen waren. Eine Therapie, die die schlummernden Abgründe der Perversion des Professors im Zaum zu halten im Stande war. Heute, da er nicht mehr zeichnete, lebte er in ständiger Gefahr der Eruption seiner verwerflichen Begierden in reale Taten.

Und natürlich seine Lieblingsdisziplin, Selbstbildnisse, eines irritierender als das andere. Paul Cordelius mit monsterhaft vergrößertem Kopf, in dem in flächiger Leere mit wenigen präzisen Zeichenstrichen sein Gesicht nebst Brille platziert war.

Cordelius Gesicht im Profil, allerdings zum Hinterkopf hin übergehend in eine verrottete Paprika. Besonders im Gedächtnis blieben die Darstellungen von Paul als der Tod. Die Darstellung eines doppelgesichtigen Pauls, eine Seite zeigte einen durch Verwesung fast von allem Fleisch befreiten Schädel, die andere Seite zeigte eine wütend gegen das Sterben ankämpfende Fratze, trug passenderweise den Titel: Ich sterbe nicht, in BIN der Tod.

Sein zur Grimasse verzerrtes Gesicht mit einem sich in alle Einzelteile –  Zunge, Zähne, Lippen – auflösenden Mund. Und immer die charakteristische Kassengestellbrille als Anker zur Realität.

Cordelius schaffte es bei all den kranken Verwesungsphantasien seinen Humor unterzubringen. So hing in Endis Appartement das leichthändige Selbstbildnis von Paul als Rembrandt. Obwohl mit sparsamsten Mittel gezeichnet, erkannte man beim Hinsehen erstaunlicherweise stets gleichzeitig Cordelius und seinen großen Spiritus Rector.

Alle Zeichnungen waren in schmutzigen, leuchtenden Mischfarben koloriert bei denen es schwer fiel eine Farbe zu benennen. War das nun Eiter-Orange, Verfault-Eigelb-Gelb oder Kotig-Braun? Wahrscheinlich waren das die typisierenden Eigenschaft Cordelius’, die aus seinen Bildern sprachen und sein Leben bestimmten: Immer ist alles Natürliche in einer Welt von auseinander fallenden und verfaulenden Imitationen der Realität angesiedelt.

Endi, der eigentlich Andreas Warhols hieß, hatte Paul Cordelius kurz nach der Jahrtausendwende auf einer Party bei Gunter Zest in Düsseldorf kennengelernt. Die Düsseldorfer Kunstakademie war die erste Station seiner Expedition auf der Suche nach Ruhm in der Kunstszene. Sein Zeichen- und Maltalent unterschritt jedoch meilenweit das geforderte Niveau und so dauerte das Intermezzo an der Akademie nur ein Jahr. Dieses Jahr nutzte Endi immerhin um mit Unterstützung seiner selbst für Düsseldorfer Verhältnisse üppigen finanziellen Möglichkeiten Bekanntschaften mit den Heroen der dortigen Szene zu knüpfen. Mit Lüpertz und Immendorf auf Parties in den angesagten Szenespots der Stadt ein- und ausgehend hatte er auch Gunter Zest, den legendären Mäzen angehender Düsseldorfer Kunststars kennengelernt und war fortan gern gesehener Gast auf den Zestschen Events.

An die besagte Party konnte er sich noch gut erinnern, hatte er dort doch seinen Spitznamen erhalten. Paul machte sich damals einen Spaß daraus, seinem Ego durch spontane Zeichenaktionen zu huldigen. Als er den Namen Andreas Warhols aufschnappte, lachte er glucksend: „Ha, wie Andy Warhol.“ Dann zeichnete er mit schnellen Strichen ein Porträt mit einem Amalgam aus den Zügen Andy Warhols und eben unserem Helden auf ein Stück willkürlich gegriffenen Karton. Darunter schrieb er eine Widmung:

Endi war hohl

und er sehnte sich nach Füllung

da kippte irgendwo irgendwann ein Vaku um – und

irgendwasser

floss in die Gegend, wo Endi war

und Endi fühlte, dass —

„all is pretty“

Andreas Warhols war stolz, dass der Name Endi an ihm hängen blieb – war eine solche Widmung vom damals als Avantgarde reputierten Paul Cordelius gleichsam ein Ritterschlag zum Mitglied der Szene.

Obwohl die Arschmade inzwischen seine Ambitionen zugunsten einer sicheren Karriere als Kulturbeamter abgelegt hatte, kam der mutige Aufbruchsgeist manchmal doch noch zum Vorschein. Endi hoffte diesen Geist für seine Ausstellung zum Tod, der düsteren Huldigung der letzten Wahrheiten in der Kunst gewinnen zu können.

Eve schaute Endi erwartungsvoll an.

– Endi?

– Ja?

– So hartnäckig kenne ich dich gar nicht. Verfolgst du immer noch die Idee einer Ausstellung zum Tod?

– Genau. Wie war es in den Staaten?

Eve Keyser war in Baltimore als Nachfahre wohlhabender jüdischer Emigranten mit Wurzeln in der Stadt im Norden aufgewachsen. Eves Großeltern konnten rechtzeitig vor den Schrecken des Dritten Reichs in die USA fliehen, mußten jedoch all ihren Besitz zurücklassen. Sie war in das Land ihrer Vorfahren gekommen um den in den vierziger Jahren geraubten Kunstwerken der Familie nachzuspüren. Ihre Großmutter hatte sie mit langen Listen und Aufzeichnungen über den großartigen Familienbesitz für dieses Vorhaben begeistert. Eve Keyser war eine gründliche Person und so begann sie ihre Mission mit einem Studium der Kunst- und Bildgeschichte an der Berliner Humboldtsuniversität. Mit einem Prädikatsabschluss in der Tasche und angesichts des immensen Umfangs des geretteten Familienvermögens fehlenden Verdienstabsichten hatte sie danach eine Stelle als Dokumentatorin in der Prozvenienzforschungsabteilung des Museums in der Stadt im Norden angetreten.

Die Abteilung bestand zwar nur aus zwei Personen. Neben Eve beschäftigte das Museum noch einen inzwischen über achtzigjährigen emeritierten Professor, der seine Profession als störrische Weigerung seinen eigenen Alterungsprozess zu akzeptieren so lange betreiben würde, bis er buchstäblich mit den Füßen voran aus dem Museum geschafft werden mußte. Da die meisten Kunstwerke ihrer Familie über die Galeristen der Stadt im Norden und des benachbarten Bremen gekauft wurden und da kein lebender Mensch die lokale Kunstszene der dreißiger und vierziger Jahr besser kannte als ihr Kollege Professor Jahrstein, war sie der ideale Arbeitsplatz um den in alle Welt verstreuten Kunstwerken auf die Spur zu kommen.

– Es war gut mal wieder drüben zu sein und mit der Familie Chanukka zu feiern. Ausserdem habe ich einen Typen in Reno besucht, der vermutlich einmal im Besitz des Soutines gewesen ist.

– Welcher Soutine?

Endi hatte schon von viel von dem sagenhaften Kunstschatz der Keysers gehört. Das auch ein Soutine unter den Werken war, wusste er bis dahin nicht.

– Der tote Hase aus der Tierserie.

Endi horchte auf. Er kannte die Serie und war besonders von dem toten Rochen fasziniert, wie er mit seinem Fischlächeln und heraushängenden Eingeweiden aufgehängt in der Küche auf seine Zubereitung wartet. Der Tod der Fauna sollte auf jeden Fall einen Platz in der Ausstellung haben und Soutines schonungsloser und trotzdem lyrischer Blick auf die toten Nutztiere würde gut passen.

– Interessant. Und? Hast du etwas herausgefunden?

– Der Typ war so ein windiger Kunsthändler mit dem Ruf, auf den Handel mit Werken fadenscheiniger Provenienz spezialisiert zu sein. Ich fürchte, er hat mich nur empfangen, um möglichst unverdächtig zu erscheinen. Er selber hat das Bild natürlich nie besessen. Da er jedoch alles tue um den Kampf gegen den Handel mit Raubkunst zu unterstützen, könne er mir einen Tipp geben. In Brügge gäbe es einen alten jüdischen Kunstsammler, der es als sein Recht betrachte, die Werke, die seinem Volk gestohlen wurden unabhängig von der Wahl der Mittel zurückzubeschaffen, besonders wenn es sich noch dazu um Werke von jüdischen Künstlern handele.

– Ich liebe den toten Rochen von Soutine. Es fällt mir immer schwer zu entscheiden, ob mir die den großen Niederländern immer noch verpflichtete Vorlage von Chardin besser gefällt oder die moderne Variante von Soutine.

Als Eve ihn mit ihren großen dunklen Augen anschaute, fiel ihm zum ersten Mal ihr nerdiger Sex-Appeal auf.

– Puh, mir geben die ganzen Kadaver nichts. Ich glaube der hat die ganzen heraushängenden Eingeweide gemalt weil er von seinem schlimmen Magengeschwür traumatisiert war. Wußtest du, das Chaim Soutine den verrottenden Ochsen für „Le bœuf écorché“ wochenlang in frisches Blut getränkt hat? Eine Gehilfin mußte die ganze Zeit neben ihm sitzen um die Fliegen zu vertreiben.

– Ja, und sämtliche Nachbarn haben sich über den Gestank beschwert. Der Einsatz hat sich meiner Ansicht nach gelohnt. Soutine hat die Brutalität der Schlachtung und die Roheit des ausgeweideten Kadavers in Farben übersetzt. Es ist genial, wie er mit dem starken Kontrast des kräftigen Azurblaus für den Hintergrund und den wilden Abstufungen von Rot- und Gelbtönen für den offenen Torso Spannung erzeugt.

– Ich glaube mit seiner Obsession für die toten Tiere wollte er unterbewußt seine Umklammerung durch die jüdischen Wurzeln loswerden. Als Kind im litauischen Schtetl hat er einmal gesehen, wie der Neffe des Rebbe einer Gans den Hals durchgeschnitten hat. Um koscheres Schlachtfleisch durch Schächten zu erzeugen muss das Blut sofort entfernt werden. Soutine dagegen tränkt den Ochsen tagelang in fremdem Blut. „Ye abstain from blood.“

– „Enthaltet euch des Blutes“. Auf diesen Quatsch berufen sich noch heute die Zeugen Jehovas wenn sie Bluttransfusionen verdammen, dabei ging es doch nur um grundlegende Hygienefragen.

Beim Aussprechen des Satzes war sich Endi eines schon lange Zeit ausgefochtenen inneren Konfliktes bewußt. Er versuchte mit viel Aufwand das Aussenbild eines durch und durch säkularisiertem, der Aufklärung verpflichteten Menschen aufrecht zu erhalten. Dabei war er fasziniert von alten Bräuchen und Überlieferungen und beneidete den orthodoxen, tiefgläubigen Juden in der Bronx mehr um seine Einbindung in eine dreitausendjährige Tradition, als die intellektuellen Erneuerer der Hochkultur für ihre zwanghafte Produktion immer neuer Zeugnisse atheistischer Unabhängigkeit mit denen er täglich zu tun hatte.

– Soutine war besessen von der Vorstellung, den Tod malen zu können. Die ganzen Bilder von toten Tieren waren Versuche diesem Ziel näher zu kommen. Ich habe mich immer gefragt, warum es keine Bilder von toten Menschen von ihm gibt. Sicher muss ihn der Gedanke, den menschlichen Tod auf Leinwand festzuhalten fasziniert haben.

– Der Tod der Tiere ist einfacher fassbar. Er ist praktischer, nutzenorientierter. Ich denke, der Versuch den Tod eines Menschen darzustellen läuft immer darauf hinaus seine schwindende Seele auf der Leinwand zu erfassen. Beim Tier reicht die Abbildung des praktischen Vorgangs. Wie du lebst, so stirbst du.

Nicht ganz ohne Hintergedanken schaute Endi Eve in die Augen.

– Ich kenne mich in Brügge gut aus. Der Bruder meines Vaters lebt dort. Er ist ein verrückter alter Mann mit einer schlecht laufenden Galerie und hervorragenden Kontakten. Ich plane ihn in nächster Zeit zu besuchen um mich nach möglichen Werken für die Ausstellung umzuschauen. Vielleicht fahren wir gemeinsam hin und suchen nach dem jüdischen Sammler?

– Mal schauen. Du mußt mir bei Gelegenheit mehr von deiner mysteriösen Familie erzählen.

– Hast du den Professor heute schon gesehen?

– Ja. Ich glaube der war wieder bei seiner Lieblingsnutte, er ist supergut gelaunt.

– Sehr schön. Vielleicht habe ich ihn heute endlich soweit meinem Vorschlag zuzustimmen.

Endi ging über die knarrenden Holzdielen des alten Gebäudes zum Verwaltungstrakt des Museums.

Die Tür zum Büro des Professors stand weit offen. Der ausladende Schreibtisch und jeder freie Platz in dem Raum war von Bildern, Bilderrahmen, Büchern und sonstigen Papieren bedeckt.

– Guten Tag, Herr Professor.

– Hallo Endi. Gut das Du kommst. Ich war gestern in Bremen um mit unseren Kollegen von der Kunsthalle über mögliche Kooperationen für die Ausstellung anlässlich der Neueröffnung des restaurierten Museumstraktes zu sprechen.

Paul Cordelius stank so penetrant aus dem Mund, dass man es sogar riechen konnte wenn er nicht redete.

– Bei der Gelegenheit habe ich mir noch einmal ausführlich Gèricaults Brunhilde angeschaut. Du hast schon recht, das Weiße in den Augen des Pferdes, angesichts der für es unbegreiflichen Last, die es durch immer schnelleren Lauf loswerden möchte, hinterlässt Eindruck. Und gerade die Gesichtslosigkeit der Brunhilde transportiert den Schrecken der Szene. Vielleicht sollten wir noch einmal über Deine Idee für die Wiedereröffnung des Museums sprechen. Also?

Endi dachte kurz nach.

– Das Bild ist wirklich ein guter Aufhänger um über meine Ausstellung zu sprechen. Das Werk stammt aus der Phase in der sich Gèricault von den heldenhaften Motiven seiner jungen Jahre abwendet. Er scheint genug zu haben von Hufestampfen, Schlachtenlärm, Geschützdonner, Aufmarsch und Attacke. Der „Officier de chasseurs à cheval de la garde impériale chargeant“ von achtzehnhundertundzwölf mit seinem sich wild aufbäumenden Schimmel und dem blanken Säbel ist der Höhepunkt dieser Phase. Danach kommt er über die menschlichen Abgründe des Floßes der Medusa schließlich zu den Irren der Salpetriere und den Stillleben abgetrennter Körperteile.

– Wieso wird das Bild in deutschen Katalogen nur als „Offizier der Gardejäger“ geführt? Warum unterschlagen die Trottel von Übersetzern das „angreifend“ im Titel?

Der Professor überraschte Endi immer wieder mit seinem Blick für Details.

– Keine Ahnung. So ein Schnitzer wird uns beim Katalog zu meiner Ausstellung nicht unterlaufen. Unsere Eve ist ein sprachliches Wunderkind.

– Deine Ausstellung? Nun mal langsam. Falls wir tatsächlich eine so finstere Veranstaltung durchziehen, liegt die Gesamtverantwortung natürlich bei mir. Ich allerdings glaube, ich finde eine Ausstellung zu den Brücke-Künstlern in Dangast doch reizvoller. „Auftakt zur Moderne in der Natur“! Das wird ein Renner. Die Mitglieder der Museumsgesellschaft werden alle Kontakte aktivieren um das Publikum in unser Haus zu locken.

Endi hatte nichts gegen die Brücke und den Expressionismus. Die Werke der Brücke-Künstler bildeten den Grundstock für das Renommee der modernen Sektion des Museums im Norden.

– Nicht schon wieder Schmidt-Rottluffs rote Landschaften und Heckels Nackedeis. Sie wissen um meine Bewunderung für die Kraft dieser Bilder, aber das Museum hat in den letzten Jahren im Grunde nichts anderes gemacht.  „Badende Brücke“, „Expressionismus im Norden“, „Die blaue Phase“, das möchte keiner mehr sehen. Ein modernes Ausstellungskonzept mit einem klaren Themenfokus und einer genre- und epochenübergreifenden Werksauswahl wird ausserdem einen guten Kontrast zur nächsten monothematischen Ausstellung aus dem Bestand des Museums sorgen. Nehmen sie Königin Brunhilde wird zu Tode geschleift. Die Panik in den Augen der als Folterinstrument geschundenen Kreatur. Die erschütternde Wirkung der zu Tode geschleiften Brunhilde hinterlässt einen ähnlich starken Eindruck wie die aktuellen Pressefotos von Corinne Dufka oder James Nachtwey.

– Kennst du die Geschichte von Brunhilde?

Endi wertete die Frage als gutes Zeichen. Das die Arschmade Interesse zeigte hieß, dass er dabei war sich das Thema einzuverleiben.

– Nicht im Detail.

Der Professor ließ sich nicht zweimal bitten, wenn es darum ging, mit seinem lexikalischem Wissen zu glänzen.

– Im Greisenalter wurde Brunhilde als Königin von Austrien von ihrem Neffen Chlothar III., König des angrenzenden Frankenkönigreiches Neustrien drei Tage lange gefoltert, auf einem Kamel zur Schau gestellt und schließlich, an den Schweif eines wilden Pferdes gebunden, zu Tode geschleift. Warum ausgerechnet ein Kamel verwendet wurde, darf als unklar gelten. Vielleicht kann es als besondere Demütigung verstanden werden, ausgerechnet auf dem Schiff der Wüste, dem Pferd der Araber exponiert zu werden. Dieses Schauspiel war allerdings bereits im Jahre 613 zu bestaunen – von Konflikten mit dem Islam war zu diesem Zeitpunkt wenig in den Medien zu lesen. Letztlich ging es Chlothar darum, die Königreiche Austrien mit Neustrien wieder zu dem von seinem Ahnherren Chlodwig I. ein Jahrhundert zuvor geschaffenem Großreich zu vereinen. Austrien, das Reich des Ostens mit der Hauptstadt Metz umfasste den östlichen Teil des Frankenreiches – Neustrien den westlichen Teil zwischen Loire und Schelde.

– Aha, sagte Endi um ein Zeichen seiner nicht erloschenen Aufmerksamkeit zu senden.

– Brunhilde, Tochter des Westgotenkönigs Athanagild wurde als westgotische Prinzessin von Sigibert I., König von Austrien um 566/567 gehelicht. Die ganze Chose kam ins Rutschen, nachdem Sigiberts Bruder, Chilperich I., Brunhildes Schwester Galswintha erst geheiratet und dann aus Überdruss ermordet hatte, nur um postwendend seine frühere Geliebte Fredegunde zur Frau zu nehmen. In der sich daraufhin entspannenden dunklen Familienfehde mußte Brunhilde regelmäßig für gemeuchelte Thronfolger (unter anderem Ihre Enkel Theudebert II. inklusive seiner gesamten Familie und Theuderich II – Mörder des vorgenannten) als Interimskönigin einspringen. Kein Wunder, daß im Zuge der Ereignisse Ihr Neffe Chlothar genug Wut und Machtwillen entwickelte um die Königin und Tante niederzumachen.

– Ihr Wissen beeindruckt mich immer wieder. Aus unserer heutigen postfaktischen, poststrukturalistischen Postmoderne können wir geradezu dankbar auf den reichen Fundus an Gräueltaten schauen, die uns frühere Epoche zur Verfügung gestellt haben. Man sagt ja, die Menschheit tendiere dazu aus der Geschichte zu lernen. Ich fürchte allerdings, der junge Mann, der jüngst im beschaulichen Hameln vor den Augen des gemeinsamen Kindes seiner Frau erst lebensgefährliche Messerstiche beibrachte, ihr dann einen Strick um den Hals band, diesen an der Anhängerkupplung seines Autos befestigte um sie dann über hunderte von Metern fast zu Tode zu schleifen, hat sich diese beindruckende Tat ganz alleine ausgedacht, ohne vorher historischen Quellen nach fantasievollen Folterorgien zu durchforsten.

– Stimmt, antwortete der Professor, jedes Jahr lassen sich Bände mit solchen Geschichten füllen. Es scheint also so zu sein, daß wir Menschen nicht aus der Geschichte lernen wie Gewalt aus unserer Zivilisation zu verbannen ist. Viel mehr finden die Gräueltaten vergangener Epochen Eingang in die menschliche Historien-Grausamkeiten-DNA und bilden somit einen soliden Grundstock für immer neue Erweiterungen des Arsenals an Schrecklichkeiten.

Hier hakte Endi ein.

– Und genau an diesem Punkt setzt unsere Ausstellung an. Anhand eines Querschnitts durch die Kunst zu Tod und Todesarten führen wir den Besuchern ihre eigene, zur DNA der Massen gewordene Veranlagung zu Grausamkeit und den Kult um die Sterblichkeit vor Augen.

– Ich fürchte diesen Effekt wirklich zu erzielen wird sehr schwierig werden. Die Versuche von Künstlern Dinge abzubilden, die nicht da sind, scheitern in aller Regel. Die Menschen werden sich beim Anblick der vielen toten und sterbenden Leiber gruseln, der Anblick wird sie jedoch nicht wirklich erschüttern. Sie werden die Gewalt sehen, ihre eigene Sterblichkeit aber nicht erkennen. Den Gedanken find ich trotzdem gut. Erzähl mehr von unserem Konzept.

Nun war Endi überzeugt, dass der Professor kurz davor war, seine Zustimmung zu geben. Natürlich würde er versuchen die Lorbeeren für sich zu beanspruchen, falls die Ausstellung ein Erfolg werden würde. Und bei einem Misserfolg wäre Endi wohl seinen Posten los. Endi hatte jedoch selten etwas mit einer solchen Überzeugung vorangetrieben und so wußte er, dass nun der Moment gekommen war, den letzten Schritt zu machen.

– Die Ausstellung beginnt im großen Saal mit dem Thema „Death collected“. Hier wird der Besucher mit einer Sammlung von Meisterwerken für die Ausstellung gewonnen und auf die folgenden themenbasierten Räume eingstimmt. Der Gèricault, Dix` Grafiken zum Selbstmord, Rochegrosse` Andromaque…

Der Professor schaute Endi skeptisch an.

– Rochegrosse, wie willst du den denn auftreiben?

– Haben sie schon einmal den Namen Claire Cavelier gehört? Sie ist die Direktorin des Beauxs Arts in Rouen und glücklicherweise ein Art Ersatzmutter für mich.

– Wieso Ersatzmutter? Ich durfte bei der Benefizveranstaltung im Kleinen Kreis doch die bezaubernde Astrid Warhols, deine Mutter kennenlernen.

Endi konnte geradezu die schmierige Anmache sehen, mit der der Professor seine Stiefmutter angegraben hatte. Sie hatte ihm Tage später von dem „Widerling von Museumsdirektor“ berichtet.

– Stiefmutter.

– Ach so! Das wußte ich gar nicht.

– Haben sie sich nicht schon einmal gefragt woher meine asiatischen Gesichtszüge rühren?

– Na ja, ich dachte vielleicht ist er adoptiert. Boat people oder so.

– Nein, ist er nicht. Können wir weitermachen oder soll ich lieber meine Familiengeschichte erzählen?

– Nein nein. Bitte fahre fort mit unserem Konzept.

– OK. Es folgen Themensäle zum gewaltsamen Tod, Totenbildern, Begräbnisse und Epiphanien, und dem Symbolismus als die Kunstrichtung, die den Tod als zentrales Thema verwendet. Ich hoffe, sie können „Das Kind und der Tod“ von Munch aus Bremen besorgen?

– Das war mir klar, dass du auf meine Beziehungen angewiesen bist. Mal schauen ob ich meinen Freund Ludger von der Kunsthalle überreden kann.

– Danach gibt es einen Saal zum „Tod und seinen Verwandten“. Hier werden wir Bilder zur Nacht, zum Schlaf und zum Traum zeigen. Und zum Abschluss stelle ich mir etwas Populäres vor um den Katalogverkauf anzukurbeln. Ich bin mir sicher, dass ich die fantastischen Fotos der Plätze, an denen sich prominente Autounfälle ereignet haben von Christophe Rihet bekommen kann. Die Unterführung von Lady Di, der Highway von Bonnie und Clyde, die Stelle an der Promenade-des-Anglais in Nizza an der die Tänzerin Isadora Duncan von ihrem eigenen Seidenschal erdrosselt wurde, der sich in den Speichen des offenen Sportwagens verfangen hatte und die Straße in Paris in der das Auto stand, in dem sich Jean Seberg das Leben genommen hat.

– Ich muss schon sagen, ich bin überrascht. Wenn das alles stimmt, werden wir die Ausstellung machen. Hast du schon einen Titel?

– Bisher noch nicht, aber das ist kein Problem.

– Ich muss jetzt los, bin mit Direktor Landesbank zum Lunch verabredet. Wir sprechen am Montag weiter.

Endi verabschiedete sich mit einem Gefühl der Genugtuung. Er legte zwar keine besonderen Wert auf die Anerkennung der Arschmade, aber der Professor war nun einmal die Hürde, die es zur eigenen Sichtbarkeit als Kurator zu bewältigen galt. Und diesem Ziel war er an diesem Samstag morgen ein Stück näher gekommen.

Beim Verlassen des Museums fiel Endi in einiger Entfernung die Tourette-Frau auf. Diesen Namen hatte Fog der Frau gegeben, weil sie für ihre langen Gänge durch die Straßen der Innenstadt bekannt war, die sie nutzte, um den Bewohnern der Stadt mit lauter Stimme ihren Hass auf die Welt und ihre Mitmenschen unter Verwendung eines breiten Arsenals an Fäkalwörtern entgegenzuschleudern. Hysterisch schreiend proklamierte sie heute die Losung des Tages: Tod und Verderben!

Normalerweise war die Tourette-Frau dafür bekannt, die Menschen nur als Masse wahrzunehmen und niemals in direkten Kontakt mit einzelnen Personen zu treten. Heute jedoch hielt sie kurz inne als Endi in ihrem Blickfeld auftauchte, schaute ihn intensiv an, ging direkt auf ihn zu und wiederholte wieder und wieder „Tod und Verderben!“, „Tod und Verderben!“ bis sie Endi mit einem Meter Abstand Auge in Auge gegenüberstand und ihm nur noch mit einem Wispern „Tod und Verderben!“ entgegenzischte.

– Wie bitte?

Der direkte Kontakt mit dieser Frau war für ihn eine beklemmende Erfahrung und er hatte kein Verhaltensmuster an dem er sich in dieser Situation orientieren konnte. Er hielt ihrem Blick einige Sekunden stand, dann sprach er mit ruhiger Stimme ihre Worte nach.

– Tod und Verderben? Tod und Verderben.

Endi meinte die Andeutung eines Lächelns auf den Lippen der Tourette-Frau wahrnehmen zu können, bevor sie sich abrupt umdrehte und mit der neuen Parole „Karzinome für alle!“ ihren Weg fortsetzte.

Tod und Verderben, die Worte hallten fort in Endis Kopf als er den Schlossplatz an diesem düsteren Januartag auf dem Weg zu seinem Apartment querte. Die Beklemmung dieser Begegnung war dem Effekt ähnlich, den er mit seiner Ausstellung zu erzielen hoffte. Tod und Verderben würde der Name seiner Ausstellung werden.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s