Ich werde sterben

Endi war von der Einladung seines Vaters überrascht. Normalerweise kamen E-Mails mit knappen Anweisungen die eher an Vorladungen erinnerten. „Komm Sonntag 15:00 vorbei – habe was zu besprechen. Gruß, Vater“. Die Einladung von gestern war anders. Sein Vater hatte ihn angerufen. Endi war sich nicht sicher woher er seine Mobilnummer hatte. Er konnte sich nicht erinnern, sie seinem Vater gegeben zu haben. Mit einer für Friedrich Wahrhols ungewöhnlich weichen Stimme hatte er Endi gebeten morgen Nachmittag vorbeizuschauen. Wenn es ihm passte. Es gäbe wichtiges zu besprechen.
Schon an der Tür empfing ihn sein Vater mit einer innigen Umarmung. Er führte Endi direkt in sein Allerheiligstes – die Bibliothek. Friedrich Warhols nahm nicht wie gewöhnlich hinter seinem ausladenden Schreibtisch Platz. Er wies seinem Sohn somit auch nicht den distanzierten Platz des Bittstellers auf dem deutlich schmaleren Sessel vor dem Schreibtisch zu. Stattdessen setzte er sich auf eines der Sofas und platzierte Endi auf einem Platz auf Augenhöhe gegenüber. Er schaute ihm mit ungewohnt sentimentaler Miene in die Augen und sagte:
– Ich werde sterben.
Endi war von diesem Empfang überrascht und antwortete ohne groß darüber nachgedacht zu haben:
– Ich weiß.
Bestürzung ergriff Besitz vom Gesichtsausdruck des Vaters.
– Woher weißt du das?
Mit etwas Verspätung begriff Endi den Ernst der Situation, trotzdem antwortete er:
– Wir werden alle sterben.
Friedrich Warhols war für Endi emotional ein Fremder. Er konnte sich nicht erinnern, wann er zuletzt mit ihm über irgendetwas auf der Gefühlsebene angesiedeltes gesprochen hatte. Er war sich nicht einmal sicher, ob es jemals ein solches Gespräch zwischen ihm und seinem Vater gegeben hat.
– Lass bitte die Witze. Kurz hatte ich befürchtet, dass die Information meines nahen Todes an die Öffentlichkeit gelangt sei, und ich schon bald von speichelleckerischen Hyänen umlagert werde die mir auf den letzten Meter ihre Dienste versichern.
– Deines nahenden Todes?
– Ich werde schon sehr bald sterben. Womöglich noch dieses Jahr.
Die Enttäuschung im Blick seines Vaters über den fehlgeschlagenen Versuch Nähe zu seinem Sohn aufzubauen erschütterte Endi. Obwohl er es nicht für möglich gehalten hätte, bemerkte er wie die Nachricht seine Gefühlswelt aus den Fuge brachte.
– Wie bitte?
– Ja, ich werde bald sterben. Zu spät erkanntes Pankreaskarzinom.
– Was ist ein Pankreaskarzinom?
– Bauchspeicheldrüsenkrebs, eine der tödlichsten Krebsarten, besonders wenn er wie bei mir spät entdeckt wird und bereits Metastasen bildet.
– Nein!
– Leider doch.
– Das ist ja furchtbar.
– Ist es. Ich möchte jetzt aber nicht mehr darüber sprechen. Wie kommst du mit deiner Ausstellung voran?
Endi war froh, dass sein Vater von sich aus das Thema wechselte. Er war von der Nachricht schockiert und hatte gleichzeitig keine Ahnung wie er ihm gegenüber damit umgehen sollte. Die Möglichkeit über die Ausstellung zu sprechen gab ihm Zeit seine Gefühle zu sortieren.
– Gut. Wir haben die Zusage für einen Gericault von der Kunsthalle Bremen, einige Nussbaums aus Osnabrück und von Zest bekomme ich die Dix-Mappe. Aber möchtest du jetzt darüber sprechen? Wie wird es mit dir weitergehen?
– Genau darüber möchte ich jetzt nicht sprechen. Hat der alte Zest seine Frau endlich in den Tod getrieben?
– Du hast davon gehört?
– Natürlich.
Endi wollte in dieser Situation nicht über die Geschehnisse von Düsseldorf sprechen und so ging er nicht weiter auf seine Verstrickung in diese Angelegenheit ein.
Sein Vater fragte auch nicht weiter nach. Offensichtlich hatte er Endi aus einem konkreten Grund zu sich bestellt und so fuhr er fort:
– Ich habe meinem Freund Alfred von Wallhausen in Essen angerufen. Der schuldet mir noch was. Ich werde nicht mehr viel Zeit haben, meine Darlehen bei meinen Schuldnern einzutreiben. Und so habe ich Druck auf ihn ausgeübt. Du weißt doch, er ist Ausschussvorsitzender des Folkwang-Museumsvereins. Der Schnitter von van Gogh müßte doch gut in dein Konzept passen. Tod und Sterben wenn ich mich recht erinnere?
Endi hatte mit seinem Vater noch nicht über die Ausstellung gesprochen. Sein Interesse an der Zuneigung seiner Familie war so gering, dass er nicht einmal das Verlangen verspürte von seinen Erfolgen zu berichten. Die Information, dass sich sein Vater von seinem Projekt wußte und sich für seine Arbeit interessierte, hätte unter normalen Umständen für ungläubiges Staunen bei Endi gesorgt. Selbst vor dem Hintergrund der Nachricht über die tödliche Krankheit seines Vaters, reichte es immer noch für Überraschung.
– Nein, Tod und Verderben, nicht Tod und Sterben.
– Trotzdem passend. Ich habe ihn gebeten, diesen Kulturdezernenten in Essen deine Ausstellung ans Herz zu legen und wenn nötig mit ordentlich Zaster nachzuhelfen.
– Don’t fear the reaper.
– Was?
– Egal. Ist das dein Ernst?
Mit einem von van Goghs Schlüsselwerken in der Ausstellung würde das Marketing von alleine laufen. Er wagte gar nicht daran zu denken, dass diese Chance wirklich real war.
– Habe ich schon einmal Späße gemacht?
– Jedenfalls nicht mit mir.
Endi war sich für einen Moment unsicher. In ihm arbeitete ein starker Drang zur großen Geste. Er träumte kurz davon „Nein, danke“ zu sagen. Ohne die Nachricht von der Krankheit seines Vaters hätte er das vielleicht sogar getan. Die Verlockung einen van Gogh für Tod und Verderben zu bekommen und dazu noch ein gutes Werk zu tun indem er seinen Vater im Gefühl der Dankbarkeit seines verlorenen Sohnes baden konnte, waren jedoch übermächtig.
– Das ist fantastisch. Ich weiß nicht, ob ich das wirklich annehmen kann.
Endi machte diesen Einwand nur, weil er so gut zu der Situation passte. Er hatte immer schon davon geträumt einmal in einer Situation zu sein, in der er falsche Bescheidenheit heucheln konnte. Nicht ein Hauch von Skrupel, die Beziehungen seinen Vaters auszunutzen, belastete ihn.
– Natürlich kannst du. Glaubst du die anderen Ausstellungen entstehen ohne die Tragfähigkeit des Beziehungsgeflechts zwischen Museen und Mäzenen, zwischen Kuratoren und der Wirtschaft?
– Wahrscheinlich hast du Recht.
Aus den Augenwinkeln sah er, wie der Mercedes AMG G63 seiner Stiefmutter die Auffahrt der Warholschen Villa hinauffuhr. Er sah die mit ihren sechzig Jahren immer noch strahlend schöne Astrid Warhols wie eine unerschüttliche Königen in ihrer uneinnehmbaren mobilen Burg mit fester Hand das Steuer führen und wußte, dass es nun Zeit zum Gehen war.
Das überraschende Treffen mit seinem Vater und die Nachricht von der tödlichen Krankheit musste er erst einmal für sich verarbeiten, bevor er mit jemandem darüber sprechen konnte. Besonders wenn es sich bei diesem Jemand um seine Stiefmutter handelte.
Um die Theatralik der Situation noch zu steigern, wäre er nun gerne ohne Dank gegangen. Sein Biograf könnte dann später schreiben, dass es ein hartes Ringen für Endi gewesen sei, bis er seinem Vater endlich seine Dankbarkeit zeigen konnte. Er hätte sich in den enttäuschten Vater versetzen können, der im Angesicht des nahenden Todes so gerne die Verbundenheit seines Sohnes gespürt hätte. Auch wenn er sein Leben gerne inszenierte und er in diesem Moment ohne Zweifel eine Schlüsselszene seines Lebensspielfilms als Hauptdarsteller und Regisseur in einem durchlebte, kam ihm diese Geste dann doch nicht echt genug vor. Und so entschied er sich für einen nicht überschwänglichen aber doch intensive Dank.
Er verabschiedete sich mit einem Vorwand und verließ das Haus durch den Garten um seiner Stiefmutter nicht über den Weg zu laufen. Auch zum Abschied hatte ihn sein Vater umarmt. Mehr Umarmungen an einem Tag als in den letzten zwanzig Jahren zusammengenommen.

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