Brügge I – Bosch

Tag Eins

1

– Ich habe mit Richard gesprochen.

– Deinem Onkel in Brügge?

– Genau.

Endi hatte schon einige Male versucht seinen Onkel für die Suche nach dem jüdischen Kunstsammler zu gewinnen. Möglicherweise wußte der etwas über den Verbleib des toten Hasen von Soutine aus dem Familienbesitz der Keysers. Bisher waren jedoch alle Versuche aus fadenscheinige Gründen gescheitert. Mal kam dem Onkel eine kurzfristige Verabredung mit einem Geschäftspartner dazwischen, mal passte es nicht, da er sich unglücklicherweise einer Grippe eingefangen hatte. Beim letzten Versuch hatte er gar die  von seiner Tochter dringend benötigte Unterstützung bei einem Umzug ins Feld geführt. Endi pflegte mit seiner Cousine lockeren Kontakt und wußte daher, dass das Verhältnis zu ihrem Vater seit Jahren zerrüttet und Richard Warhols der letzte Mensch war, den sie um Hilfe bitten würde. Er vermutete hinter den Ausflüchten seines Onkels eine Art Minderwertigkeitskomplex seinem Bruder Friedrich Warhols gegenüber, der ihn davon abhielt dessen Sohn in seine Lebenssphären einzubeziehen. 

Endi hatte in dieser Sache einen gewissen Ehrgeiz entwickelt. Er hielt es zwar nicht für mehr als eine vage Hoffnung, aber immerhin bestand doch die reelle Möglichkeit, dass Eve mit seiner Unterstützung tatsächlich den verschollenen Soutine würde finden können. Sie vereinte viele Eigenschaften einer guten Provenienzforscherin. Sie verfügte über ein breites Kunstwissen, gute Kontakte, Ausdauer und nicht zuletzt Intuition – Eigenschaften, die ihr schon häufig bei der Aufklärung verschütteter Besitzverhältnisse oder dem Auffinden verschollen geglaubter Werke geholfen hatten. 

Und natürlich spekulierte er auf die Möglichkeit das Werk in Tod und Verderben zeigen zu können und den damit verbundenen Öffentlichkeitseffekt.

– Und? Hat er diesmal Zeit für uns?

– Hat er!

Eve schaute überrascht vom Bildschirm ihres iMacs auf.

– Tatsächlich?

– Na ja, hört sich auf jeden Fall so an. Er hat gesagt, wir könnten gerne am nächsten Freitag kommen und er könnte sich am Samstag und Sonntag Zeit für uns nehmen.

– Das ist ja fantastisch. Hat er auch den Namen des Kunstsammlers genannt?

– Nein, hat er nicht, zu heikel. Ich denke, wenn wir erst in Brügge sind, wird er uns einen Hinweis geben, wie wir den Kunstsammler ausfindig machen können. Mein Onkel wird dabei selber aber sicher nicht in Erscheinung treten.

Eve war Endi einen skeptischen Blick zu.

– Brügge soll ja auch sonst sehr schön sein. Ausserdem haben wir noch nie eine gemeinsame Dienstreise unternommen. Werden wir bei deinem Onkel übernachten?

– Nein. Mit seiner Privatsphäre ist er etwas komisch. Aber er hat mir ein Hotel in direkter Nähe zu seiner Galerie empfohlen. Dort können wir ihn dann Freitag nachmittag treffen.

2

Endi genoß es, über den Fuhrpark seines Vaters verfügen zu können. Für die Fahrt nach Brügge hatte er einen blau-grauen Mercedes Benz 600 SE der W240er Baureihe ausgesucht. Das passende Auto zum Höhepunkt der Kohl-Ära, wie sein Vater sagte.

– Was ist das nur für ein häßliches Monstrum?, war Eves Kommentar als sie den Wagen sah. Sieht aus, wie ein überdimensionierter Passat oder wie eure seltsamen Volkswagen heißen.

– Keine vorschnellen Urteile bitte. Die zwölf Zylinder aus Sindelfingen werden dich wie in einer Sänfte nach Belgien befördern.

– Das glaube ich gerne.

Die A31 auf dem Teilstück durch das Emsland war einer der letzten Orte in Deutschland, die dem Begriff „kein Tempolimit“ eine sinnvolle Bedeutung verliehen. Vom beschauliche Westerstede bis zum von Mooren umgegebenen Meppen fuhr Endi einen Schnitt von zweihundertundzwanzig Kilometern pro Stunde. Dank der üppigen Abmessungen des Mercedes in Kombination mit dem komfortablen Fahrwerk und der nahezu autofreien Strecke mußte Endi keine kritischen Kommentare von der als schreckhaft geltenden Eve Keyser angesichts der für US-amerikanische Verhältnisse gigantischen Geschwindigkeiten parieren. Im Gegenteil, als sie auf die holländische Seite der A37 auffuhren, beschwerte sie sich über das Schneckentempo.

– Wieso fährst du auf einmal so langsam?

– Unsere holländischen Nachbarn bevorzugen ein Tempolimit von gesitteten einhundertunddreißig Stundenkilometern. Das ist aber nicht alles was hier langsam ist. Wenn du möchtest halten wir gleich an einem meiner Lieblingsorte in den Niederlanden.

– Gerne.

Auf der Höhe von Zwolle bog Endi auf den Parkplatz eines Autobahnrestaurants ohne angeschlossene Tankstelle ab.

– Hier sieht es schrecklich aus. Was wollen wir hier?

– Wir besuchen jetzt einen Faden Ort. Ich bin mir sicher, dass es nur wenige Einrichtungen mit ernsthafter Gewinnerzielungsabsicht gibt, die sich so standhaft gegen jede Art von Anpassung an den Publikumsgeschmack wehren, wie dieses Autobahnrestaurant. Hier gibt es seit Jahrzehnten die gleichen Brodjes und die gleich Erbsensuppe von den gleichen Tabletts und den gleichen Tellern.

Eve fragt noch einmal, was zur Hölle sie hier zu suchen hatten.

– Fade Orte!, war Endis Antwort. Ich liebe Fade Orte. Orte ohne Ablenkung. Triste Orte. Unspektakuläre Orte. So wie dieses Restaurant, dass nur Dinge anbietet die jeder schon hundert Mal gegessen hat und die keinen Anhaltspunkt für Ablenkung bieten. Automatisch konzentriert man sich an einem solchen Ort ganz auf sich selbst. Geistige Entschlackung. Wie Yoga ohne das Geturne. Gastromeilen in großen Bahnhöfen. Hotelbars in Mittelklassehotels. Billige Fitnessstudios mit Renovierungsstau. Für mich sind das Orte der sensorischen Deprivation. Manche Menschen gehen in die Wüste oder in die Arktis – ich erlebe solch wohltuende Leere und Reizarmut in schlecht besuchten Spielhallen.

– Hört sich spannend an. Wahrscheinlich wie das Gegenteil von Brügge.

Sie blieben nur kurz in dem Autobahnrestaurant. In Begleitung funktionierte die geistige Entschlackung durch Fade Orte nicht gut. Es blieb nur die überbordende Tristesse des Autobahnrestaurants und die mangelhafte Qualität des Angebots an Speisen übrig. Über den vollkommen überdimensionierten und hermetisch zugepflasterten Parkplatz gingen sie zurück zum Wagen.

Als sie wieder mit der S-Klasse über die Autobahn schwebten, schlug Eve vor, das Dorf Doel zu besuchen.

– Doel?, fragte Endi

– Ja, Doel. Doel ist ein Stadtteil von Beveren bei Antwerpen. Bekannt eigentlich nur als Standort eines Kernkraftwerks aus den Achtzigern hat es eine traurige Berühmtheit als verlassenes Dorf erlangt. Die belgische Regierung plant dort eine Erweiterung des Antwerpener Hafens und versucht zur Umsetzung dieser Pläne seit Jahren das Dorf komplett zu entvölkern.

– Wieso kennst du diese Geschichte?

– So wie du Fade Orte suchst, bin ich Teil einer kleinen Lost Places-Community. Aufgegebene Hotels, bankrotte Fabrikareale und verlassene Wohnhäuser lassen unsere Herzen höher schlagen. Es gibt eine fantastische Webseite auf der ein ganzes Netzwerk von Lost Place-Suchern ihre Fotos veröffentlicht. Und dort bin ich auf Doel gestoßen. Das Dorf ist inzwischen tatsächlich bis auf eine Handvoll Unentwegter verlassen und zum Eldorado für die Spray-Kids von Antwerpen geworden.

– Faszinierend. Das Konzept ist allerdings ganz anders als Fade Orte. Fade Orte leben davon, dass sie belebt sind. Sie müssen sogar in hohem Maße belebt sein, ansonsten ergibt sich nicht die kleinstmögliche Schnittmenge an differenzierbarer Ausstattung, die den wohltuend reizlosen Effekt dieser Orte erzeugt. An so einem Lost Place findet man bestimmt tausende von Dingen, die geeignet sind Aufmerksamkeit zu erregen.

– Das stimmt. Lost Places sind sehr anregend. Es ist immer eine Reise in die Vergangenheit. In vielen dieser Orte wird die Essenz vergangener Epochen bewahrt. Es gibt in euren sogenannten neuen Bundesländern einige erstaunlich verlassene Häuser, deren Vorratskammern noch mit den Produkten der VEB vollgestellt sind. 

– Im Gegensatz dazu haben Fade Orte weder Vergangenheit noch Zukunft. Sie sind gewissermaßen die Kulminationspunkte der Gegenwart.

Sie hatten inzwischen die niederländisch-belgische Grenze passiert und fuhren über die stark befahrene Ringautobahn von Antwerpen. Als sie über eine der vielen Überführungen fuhren, sahen sie auf der Gegenfahrbahn eine Rauchsäule. Beim Näherkommen sahen sie ein brennendes Auto. Als sie noch näher kamen, konnten beide deutlich einen brennenden Menschen am Steuer des Wagens erkennen. Es war nur ein kurzer Moment, vielleicht zehn Sekunden. Intuitiv verlangsamte Endi das Tempo nicht, zu groß war seine tief verankerte Abscheu vor Gaffern, gleichzeitig konnte er aber nicht den Blick von der Unfallstelle abwenden. Ist das schon eine Leiche oder noch ein Mensch, dachte er. Verlässt gerade in diesem Moment die Seele dieses Menschen den verbrennenden Körper, dachte er. Und wohin geht sie? Metempsychose, Purgatorium, das Nichts.

 Für eine Weile sagten sie nichts bis Eve die Stille unterbrach:

– Ich möchte doch nicht nach Doel. Lass uns bitte direkt nach Brügge fahren.

Kurz hatte er das Bedürfnis mit Eve über das was sie gesehen hatten zu sprechen. Eve schaute jedoch mit starrem Blick auf die Fahrbahn und so fuhren sie eine Weile ohne ein Wort zu wechseln weiter.

Endi hatte von Antwerpen aus die nördliche Route nach Brügge gewählt. So fuhren sie durch vom vielen Regen getränktes schweres Ackerland, durch verschlossen und abweisend wirkende kleine Dörfer und vorbei an für den Winter gestutzten Weidenbäumen die den schmalen Straßen die Anmutung von Galgenalleen verliehen hinein in die alte Stadt Brügge mit ihren Kirchtürmen und engen Gassen.

3

– Wo bleibt dein Onkel?

– Das frage ich mich auch. Er geht nicht ans Telefon.

Endi und Eve warteten bereits seit mehr als dreißig Minuten am verabredeten Treffpunkt, der Bar des kleinen Hotels Pand am Dijver Kai.

– Kommt er noch?

– Ich fürchte, eher nicht. Wir warten noch fünfzehn Minuten, dann gehen wir.

– Wohin?

– Das Groeningermuseum ist direkt um die Ecke, ich denke um diese Zeit haben wir gute Chancen Boschs Jüngstes Gericht für uns alleine zu haben.

– Ist das Gemälde wirklich vom Meister selber? Darüber gibt es doch nach wie vor sehr unterschiedliche Meinungen.

– Ich bin zwar kein Experte für die Zuschreibung von Werken, aber in diesem Fall finde ich es rätselhaft, wie man an Bosch von eigener Hand als Schöpfer des Jüngsten Gerichts von Brügge zweifeln konnte. Alles ist da. Die lodernden Feuer der Hölle wie beim Jüngsten Gericht in Wien. Das ausserweltliche und ineinander übergehende blaugrün der Wasserflächen und des Himmels wie in der Lissabonner Versuchung des heiligen Antonius. 

– Eben. Warum sollte er das gleiche Werk zweimal malen?

– Bosch war in gleichem Maße Künstler wie Geschäftsmann. Nachdem das eine Werk mit dem Motiv des jüngsten Gerichts seinen Ruf gefestigt hatte, gab es keinen Grund den Erfolg nicht mit einem weiteren Werk zu wiederholen. Ausserdem liegt die Faszination von Boschs Gemälden nicht im Motiv oder der Geschichte die erzählt wird. Am meisten bleiben die fantastischen Requisiten im Gedächtnis – achte gleich nur einmal auf die ultraschicke Segelsandale in Apricot.

– Ich weiß was du meinst, die Sandale hat die gleiche Farbe wie das seltsame Wesen im Garten der Lüste, das mit seiner Tätowierzunge das Hinterteil der Verdammten verziert. Die Kritiker der Zuschreibung halten  das ganze Unterfangen für eine unglaubwürdige Aktion um der großen Schau in s´Hertogenbosch anlässlich des fünfhunderdsten Todestages des Meisters im letzten Jahr mehr Öffentlichkeit zu verschaffen. Sie sagen, das Werk greife Motive aus dem Heuwagen und dem Garten der Lüste auf, eine Praxis die für die Werkstatt von Bosch üblich war. Der Meister selber hätte sich jedoch nicht in dieser Art und Weise selbst paraphrasiert. Die ganze Argumentation für die Zuschreibung stütze sich ausschließlich auf kunsttechnologische Aspekte und schiebe ikonografische und ästhetisch-rezeptive Fragen beiseite.

– Ich kenne die Diskussion. Warum sollte das Jüngste Gericht nicht vor dem Heuwagen und dem Garten der Lüste entstanden sein? Und Motive und Themen mehrfach aufzugreifen war ganz normal für Bosch. Ich habe das Jüngste Gericht bei der Schau in s´Hertogenbosch nur im Gedränge gesehen, war angesichts seiner Wirkung aber nicht eine Sekunde im Zweifel über die Eigenhändigkeit des Werkes. Ich bin gespannt welchen Eindruck es gleich entfalten wird, wenn wir es ungestört betrachten können.

Kleine Brücken führten sie über Kanäle in deren dunklen Wassern sich die erleuchteten Fenster der Brügger Bürgerhäuser und der vielen kleinen Restaurants und Brauereien spiegelten zum Groeningermuseum. Die Einwohner von Brügge mochten die Inszenierung ihrer Stadt als eine Art mittelalterliches Freilichtmuseum  – oder waren zumindest davon überzeugt, dass die auch in diesen dunklen Februartagen in großer Zahl durch die Straßen der Stadt ziehenden Touristen das von ihnen erwarteten. Kein Restaurant vor dessen Tür nicht ein Feuerkorb loderte, keine zum Kanal hin angelegte Terrasse die nicht zum Wasser von Fackeln erleuchtet wurde, keine Brasserie in der nicht ein Kaminfeuer brannte.

4

– Wie klein es ist.

Durch die verwinkelten Gänge der Museumsanlage waren sie zur Museumskasse gelangt, hatten sich geduldig über die Vorteile eines Brügge-Museumspasses aufklären lassen und standen nun ehrfürchtig vor dem Jüngsten Gericht. 

– Beim Betrachten von Boschwerken ist man immer zuerst von den Abmessungen überrascht. Aus den Reproduktionen in Büchern erwartet man angesichts der Fülle der erzählten Geschichten und der vielen auf den ersten Blick nicht ins Gewicht fallenden Details am Rande das ganz große Format. 

– Wir sind wirklich ganz allein im Museum.

Eve näherte sich dem Bild um es genauer zu betrachten.

– Sieht der Mensch in dem brennenden Turm nicht wie der Mann in dem ausgebrannten Auto von vorhin aus?

Endi hatte gerade das Gleiche gedacht. Sie hatten auf der Fahrt nicht mehr über den Vorfall gesprochen, das Bild des brennenden Menschen tauchte aber noch im Minutentakt von Endis geistigem Auge auf.

– Ich war mir gar nicht sicher, ob du den Mann gesehen hast.

– Natürlich habe ich ihn gesehen. Obwohl, vielleicht war es auch eine Frau oder konntest du eindeutig einen Mann erkennen?

– Nein, konnte ich nicht. Du hast Recht, vielleicht war es auch eine Frau, glaube ich aber nicht. Das Setting hatte nichts feminines.

– So ein Scheiß! Was soll an einem brennenden Auto mit einem verkohlten Menschen feminin oder maskulin sein?

– Schwer zu sagen. Aber so wie man bei Büchern und Bildern auch ohne den Autor oder Maler zu kennen nach wenige Momenten einen Eindruck hat, ob es sich um das Werk eines Mannes oder einer Frau handelt, so tragen bestimmte Szenen eine genderspezifische Handschrift.

– Genderspezifische Handschrift? Mehr fällt dir zu einem brennenden Menschen im Auto auf der Autobahn, kaum zehn Meter von uns entfernt ein?

Endi hatte das Interesse an dieser Diskussion verloren und vertiefte sich demonstrativ in die Details des Jüngsten Gerichts.

Die Betrachtung des Gemäldes übte eine starke Sogwirkung auf ihn aus. Bosch verstand es wie kein anderer die Stimmung, die Vorstellung des Todes und der mit dem Tod verbundenen Übel zu visualisieren. Seine Werke standen sinnbildlich für den Effekt, den Endi mit Tod und Verderben zu erzielen hoffte. Zu Zeiten Boschs war den Menschen der Tod und die Sünde, das gemeinsame Leben und Sterben noch näher als dem modernen Menschen mit seiner immer schneller driftenden Entfremdung von den Dingen des Lebens. Sie frönten allen Lastern, strebten nach allen Tugenden und wünschten sich des direkten Zusammenhangs zwischen Sünde und Bestrafung, zwischen tugendhaftem Verhalten und Belohnung sicher sein zu dürfen. Boschs Panoramen dienten ihnen als Orientierung spendendes Anschauungsmaterial. Sie halfen ihnen für den Alltag Vorstellungen von den abstrakten Tugendbegriffen zu entwickeln.

 Boschs Visionen hatten über die Jahrhunderte nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. Sie waren für den heutigen aufgeklärten Menschen noch genauso überzeugend und naheliegend wie für Boschs Zeitgenossen der frühen Renaissance.

Je länger Endi sich in das Jüngste Gericht vertiefte, desto stärker wurde die Sogwirkung. Er versetzte sich immer mehr in das Geschehen des Gemäldes hinein, wurde Teil der Szenerie.

Endi spürte das Zerren an seinen Gliedmaßen, die auf die Saiten der Harfe gespannt von dem Mann mit dem Trichterhut gezupft wurden. Er suchte, von dem Schwert durchbohrt, das ihn eben noch enthauptet hatte auf allen Vieren kriechend nach seinem eigenen Kopf. Aus den Augen dieses auf dem Boden rollenden Kopfes sah er im kleinen Tümpel nebenan die Gliedmaßen der anderen Büßer schwimmen. Mit Entsetzten wurde er des Gefühls des scharfen Messers gewahr, welches mit den Initialen Boschs verziert längs durch seinen Körper wie durch ein Stück Butter schnitt. Es erfüllte ihn mit Grauen als er die Krähenfüße des Edelfräuleins bemerkte unter deren Rock er gekrochen war um dem Gastwirt mit blauer Kapuze zu entkommen, der seine Gäste auf Spieße steckte um sie mit Bier begossen zu rösten. Er fühlte den Ekel der Völlerei, mit dem er den Höllentrunk auswürgte, den er zusammen mit den anderen Sündern aus dem Fass gesoffen hatte, in das die Hunde der Hölle ihre abgeschlachteten Opfer entsorgten. 

Während er als sündiger Mönch Unzucht mit einer Nonne in einem Kessel trieb, der von einem Ochsen zu den Pforten der Hölle gezogen wurde, spürte er, wie das heiße Wasser seine Gliedmaßen verbrühte.

Und er spürte die Qualen seines Vaters, dessen Eingeweide von zwei großen Mühlsteinen zermalmt wurden um einer Eule mit Frauengesicht als Nahrung zu dienen. Endi fragte sich welcher Tod für ihn reserviert sei, als sein Blick auf den Mann auf seinem Totenbett unter einem purpurnen Baldachin fiel, der von einer schwarzgesichtigen Krankenschwester der Hölle vom Leben zum Tod gebracht wurde.

 Sein Blick fiel auf den seltsamen Männerkopf am unteren Rand des mittleren Panels. Mit dem Hinterkörper eines Lurches und den Vorderläufen eines Fuchses schaute das erschütterte und erschütternde Gesicht eines alten Mannes ängstlich unter einer rosafarbenen Ballonmütze hervor. Die Gesichtszüge und der Gesichtsausdruck des alten Mannes schienen Endi seltsam modern. Es hatte nichts von den derben, bäuerlichen Gesichtern die sonst Boschs Bilder bevölkern. Es war das Gesicht von Michel Piccoli in die Die Dinge des Lebens, wie er zwischen Bewusstsein und Bewusstlosigkeit schwankend nach dem Unfall auf der Wiese liegt und Szenen seines Lebens an ihm vorüberziehen. Es war das Gesicht von Ulrich Mühe in Das Leben der Anderen wenn er angewidert seinem Führungsoffizier Bericht erstattet. Dieses Gesicht war geprägt von aufgeklärter Resignation angesichts der zivilisierten Brutalitäten der Moderne. Woher hatte Bosch diese Gesicht? Stärker als alle phantastischen Maschinen und Gebäude in Boschs Werk war dieses Gesicht in dem Mitgefühl das Bosch in die leidenden Züge dieses zur Chimäre evolutionierten Wesens gelegt hatte Beleg für seine visionäre Kraft. Hämisch beobachtet von einem geflügelten Teufel suchte das Wesen Zuflucht in verkommenen Welt des jüngsten Gerichts, verzweifelnd erkennend, dass es keinen friedlichen Platz finden würde.

Um vor dem Entsetzen zu fliehen, versetzte er sich in die kleine unscheinbare Figur im rechten Panel des Triptychons, die sich lesend und mit möglichst unbeteiligter Miene aus dem Chaos des Jüngsten Gerichts entfernte.

5

– Endi?

Er schreckte aus seinen Gedanken auf.

– Endi, geht es dir gut?

– Ja, warum fragst du?

– Du wirktest gerade so abwesend und bist ganz blass. Ich bin hungrig. Lass uns etwas essen gehen.

– Schwebt dir etwas besonderes vor?

– Etwas typisch flämisches wäre fein.

– Man sagt die geschmorten Schweinebäckchen wären in Brügge besonders gut. Achte in der Speisekarte einfach auf das schöne Wort „Vaarkenswangetjes“.

Sie verließen das Museum und traten auf die von einem beinahe vollen Supermond erleuchteten Straßen der Stadt Brügge.

Wie geht es weiter?

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