Brügge III

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Nach dem Frühstück machten sie sich auf den Weg zur Chronos Antique Gallery. Ihr Weg führte sie durch enge Gassen und über zahlreiche Kanalbrücken. Die Häuser von Brügge sahen aus, als ständen sie schon seit Jahrhunderten an ihrem Platz und den verwinkelten Strassen merkte man die fehlende Vorstellung der mittelalterlichen Stadtplaner für die Bedürfnisse einer nach individuellen Transportmitteln süchtigen Gesellschaft an.

– Das sieht aber trostlos aus. Was heißt denn „Te Koop – Handelsgelijkvloers“?, fragte Eve als sie an der Galerie ankamen und für einen Moment war sich Endi nicht sicher, ob diese Frage ernst gemeint war.

Endi blickte entsetzt auf die augenscheinlich schon länger nicht mehr florierende Galerie.

– Vielleicht eine flämische Auszeichnung für herausragende Geschäftstätigkeit.

 Durch die verdreckten Schaufensterscheiben konnte man noch vereinzelte Stücke entdecken, die selbst für die Mühe sie aus der Galerie zu entfernen zu wertlos waren. Zwei verschossene Rokoko-Stühle. Ein durchgehangener Wandteppich mit schlecht nachgeahmtem flämischen Motiven. Eine Standuhr mit Mondphasenfunktion. Noch mit Preisschild. Fünfundreißigtausend Euro.

– Die hätte er mal besser verkauft, bemerkte Eve.

– Um dieses schlechte Imitat einer mittelmäßigen Standuhr für fünfunddreißigtausend Euro zu verkaufen hätte mein Onkel eine Waffe benötigt.

– Was sollen wir jetzt machen?

– Ach Scheiße, lass uns irgendwo einen Kaffee trinken.

Direkt neben der Chronos Antique Gallery war eine Waffelbäckerei. Sie gingen hinein und Eve bestellte eine Riesenwaffel mit Eis, Sahne und Schokoladensauce.

– Wenigstens hat es dir nicht den Appetit verdorben.

– Ich kann immer essen! Lass die Augen nicht hängen, Endi.

– Die Ohren.

– Bitte?

– Die Ohren! Man sagt: Lass die Ohren nicht hängen!

– Auch gut. Ich dachte nur, das passt gerade weil du so traurig schaust. Wie soll man denn die Ohren hängen lassen? Könnt ihr Deutschen eure Ohren bewegen?

– Lass den Scheiss. Mir ist nicht nach Scherzen zumute.

– Man könnte fast meinen, wir suchen nach den verschollenen Kunstwerken deiner Familie. Uns wird schon was einfallen, jetzt wo wir einmal in Brügge sind.

– Wir können ja an jede Tür klopfen und fragen, ob hier ein jüdischer Kunstsammler mit Verbindungen zur Raubkunst aus der Nazi-Zeit wohnt.

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